Kommentar: Ist eine Nazi-Uniform retro?

Jan RübelReporter
Tschuldigung, wo geht's denn hier zu Instagram? (Bild: Getty Images)
Tschuldigung, wo geht's denn hier zu Instagram? (Bild: Getty Images)

Die Bundeswehr macht auf Social Media. Das wird, genau: Auweia.

Ein Kommentar von Jan Rübel

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Gestern dachte ich für einen Moment daran die Koffer zu packen. Nach einer zu kurzen Nacht schaute ich bei Instagram rein und staunte über die Bundeswehr. Nun, zwar wurde viel über sie gelacht, aber eine ernste und wichtige Staatsinstitution ist sie schon. Beim Anblick eines von den Streitkräften hochgeladenen Fotos blieb mir indes die Spucke weg. Da stierte mich ein mausgrauer Soldatenrock an, mit Blechzeug dran, das Hakenkreuze zeigte. Die Bildunterschrift belehrte mich: „Auch Mode ist ein Aspekt. Bis heute halten sich militärische Stilelemente in der Haute Couture.“ Darüber blinkte bunt der Schriftzug „retro“.

Oha, retro, dachte ich, was kommt denn da zurück: Ist er wieder da? Und wobei ist Mode ein Aspekt?

Zeugt dieser Post von einem fragwürdigen Geschichtsverständnis im Social-Media-Team der Bundeswehr? (Screenshot: Instagram/Bundeswehr)
Zeugt dieser Post von einem fragwürdigen Geschichtsverständnis im Social-Media-Team der Bundeswehr? (Screenshot: Instagram/Bundeswehr)

Nun, die Jungs von der Bundeswehr wollten wohl cool sein. Modebewusst – das ist tiefenentspannt. Der neue Insta-Kanal der deutschen Soldaten wollte eine Story bringen, und zwar über das Militärhistorische Museum in Dresden. Da die Dauerausstellung  wohl in ihrer Attraktivität der von Käsefüßen gleichkommt, versuchten die Socialmediafähnriche sie aufzupeppen, fesch daherkommen zu lassen, mit flotten Sprüchen und lauter Hashtags, dass man beim Lesen ins Stolpern kam. Wohlgemerkt, es blieb beim Versuch.

Links, zwo, dreivier

Es stimmt ja, dass militärische Stilelemente in der Haute Couture Verwendung finden. Manche Modeschau kommt rüber wie eine Episode aus „Neulich, in der Kaserne“, auch wenn es verzweifelt wirkt. Uniformen haben ferner eine erotische Ausstrahlung durch die Macht, Dominanz und Unterwerfung – also, für jene, die’s mögen. Eine Uniform signalisiert, dass man alles unter Kontrolle hat. Ist ja nicht schlecht, im Bett wie auf dem Laufsteg.

Doch ein Soldatenrock mit Hakenkreuzen? Mit Militärischem Vertraute werden nun zurufen, es handele sich nicht um irgendeine Uniform, sondern um die eines Majors. Oho. Und die Medaillen und Orden seien in erster Linie Auszeichnungen für Tapferkeit und Verwundung, darunter das Eiserne Kreuz.

Mein Opa hatte auch solch eines. Er kriegte es als Trost dafür, dass man ihm als gerade volljährig Gewordenen im Ersten Weltkrieg bei der Schlacht vor Verdun die Beine weggeschossen hatte. Es war ein schlechter Tausch.

Andere werden einwenden, deutsches Militär habe es auch schon vor den Nazis gegeben. Klar, aber die Spitzen der Reichswehr, und ab 1935 eben der Wehrmacht machten dann sofort mit. Nicht nur pflichtbewusst, sondern aktiv. Die ganze Wehrmacht versank in den schlimmsten Verbrechen, die man sich nur ausdenken kann. Und die Nazis waren selbst verrückt nach diesem Soldatischen, deshalb drückten sie ihm ja auch ihre komischen Hakenkreuze auf. Wie lächerlich solch Gebaren ist, verdeutlicht vielleicht die Vorstellung, heutzutage würde eine regierende Partei ihr Emblem den Bundeswehrsoldaten anhängen – irgendeine, sagen wir: die FDP stellt übermorgen den Kanzler, und auf dem Plingpling steht dann „FDP“…

Ein Schelm, wer Böses denkt...

Cool wird man nicht mit Hashtags allein. Geschichtsvergessen ist auch nicht schick. Das sieht man in der Bundeswehr nun auch so: „Dieses Bild zu verwenden und dann noch mit dieser Beschreibung war mindestens unsensibel und gedankenlos. Dafür entschuldigen wir uns in aller Form“, twitterte man auf einem anderen Kanal. Nun. Oder war das Ganze durchdacht und bewusst in Szene gesetzt? Solch ein Socialmedia-Beauftragter, der dafür den Helm aufhat, wird doch wissen, was er tut?

Ob die Bundeswehr so junge Menschen ins Militärhistorische Museum locken kann? (Screenshot: Instagram/Bundeswehr)
Ob die Bundeswehr so junge Menschen ins Militärhistorische Museum locken kann? (Screenshot: Instagram/Bundeswehr)

Und da hilft es auch nicht, dass die anderen Elemente dieser Insta-Story über das Militärhistorische Museum zum Davonlaufen sind. „Das Besondere hier: alles ist nach #Themen sortiert“, heißt es am Anfang. Wohin soll es mich eigentlich führen, wenn ich auf „#Themen“ klicke? Das Ganze ist dann noch mit der Leuchtschrift „Love it“ garniert, also wirklich ganz geil.

„Da darf der beste #Kamerad des #Soldaten nicht fehlen“, heißt es später. Und wer ist das? Ein anderer Soldat? Sein Vorgesetzter? Der Gehaltszettel, der Heimurlaub? Nein, es ist ein von der Decke des Museums hängender Hund. Schnief.

Wer schon immer mal einen ausgestopften Kameraden sehen wollte... (Screenshot: Instagram/Bundeswehr)
Wer schon immer mal einen ausgestopften Kameraden sehen wollte... (Screenshot: Instagram/Bundeswehr)

Und es wird eine Marineuniform gezeigt, die zugegeben etwas fescher wirkt als das Mausgrau, aber um den hippen Status herbei zu bemühen, schreiben die Macher zum Bild „YesStyleInfluencer“. Das soll wohl in etwa heißen: „OkKeineAhnungMussAber“ oder „DaDaDa“. Oder glauben die Macher, dass sie ihren Matrosenlook bei der Verkaufsplattform gleichen Namens für ein paar Mäuse einstellen können?

Vielleicht sollte sich die Bundeswehr mal von einem echten Influencer beraten lassen (Screenshot: Instagram/Bundeswehr)
Vielleicht sollte sich die Bundeswehr mal von einem echten Influencer beraten lassen (Screenshot: Instagram/Bundeswehr)

Der Auftritt der Bundeswehr ist peinlich. Und erschreckt.

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