Kommentar: Mit Menschenasche gegen Faschismus?

Jan RübelReporter
Über diese Gedenksäule in Berlin wird gerade kontrovers diskutiert (Bild: Getty Images)
Über diese Gedenksäule in Berlin wird gerade kontrovers diskutiert (Bild: Getty Images)

Das „Zentrum für politische Schönheit“ stellt eine Gedenksäule mit Überresten getöteter Juden aus – als Mahnung. Vielleicht gut gemeint, aber: gruselig überheblich.

Ein Kommentar von Jan Rübel

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Es kann ja sein, dass gegen drohenden Faschismus in einem Land auch mal die Keule rausgeholt werden muss. Was aber gerade gegenüber dem Reichstag in Berlin geschieht, verstört: Aktivisten der Gruppe „Zentrum für politische Schönheit“ (ZPS) haben eine Gedenksäule errichtet, darin Erdproben aus 23 Orten in Europa, wo die Überreste von Juden im Boden begraben sind, getötet von der deutschen Regierung, als die Nazis an der Macht waren – Asche, Knochenteile.

Das Künstlerkollektiv sieht eine Gefahr am Horizont, die Säule errichtete es an jenem Ort, an dem früher die Krolloper stand – das Gebäude, in dem die Abgeordneten des Reichstages nach dem Brand 1933 für das „Ermächtigungsgesetz“ stimmten, welches in Wirklichkeit ein Diktatur- und Ermordungsgesetz war. „Es geht um die letzte deutsche Diktatur und darum, ob sie uns wieder droht“, sagte der Aktionskünstler und ZPS-Gründer Philipp Ruch am Montag.

Die Erinnerung an den Massenmord gegen Juden ist dem ZSP wichtig. Dem AfD-Politiker Björn Höcke stellten sie eine Nachbildung des Stelenfeldes in Sichtweite seines Wohnhauses – weil er das originale Mahnmal an die Ermordung von Millionen Juden als „Denkmal der Schande“ bezeichnet hatte.

Das ZSP tat gut daran. Es ist auch richtig von den heutigen deutschen Politikern, gegenüber im Reichstag, zu fordern: dass sie mit Faschisten und Rechtspopulisten keine gemeinsame Sache machen. Immerhin leben wir in Zeiten, in denen angesichts einer taumelnden SPD einige Christdemokraten darüber nachdenken, Deutschland mit einer Minderheitsregierung zu verwalten – welche dann auch durch Stimmen der AfD gestützt werden könnte, sozusagen als Vorstufe einer Koalition.

Wer wurde gefragt?

Doch das ZSP hat mit dieser Aktion nicht nur eine Keule rausgeholt. Es handelt respektlos, würdelos, ohne Anstand, gedankenverloren und selbstverliebt.

Denn es handelt sich, so behauptet es das ZSP, um ECHTE menschliche Überreste.

In meiner Arbeit als Reporter habe ich eines gelernt: Wenn es darum geht, sich mit Menschen auseinanderzusetzen, die von einer Mehrheitsgesellschaft einer Minderheit zugeschrieben worden sind – dann gilt eine gewisse Achtsamkeit. Denn eine Minderheit wird in grob geschreinerte Schubladen gesteckt, das diskriminiert und kann, wie im Fall der Juden, mit massenhafter Ermordung enden.

Ob Kinder, Jugendliche, Frauen, Menschen mit Behinderung, Türkeistämmige, Arabischstämmige, Schwarze oder Juden – bei der Auseinandersetzung mit ihnen gehören sie „entdiskriminiert“, sie gehören raus aus der Schublade, weg von „Opfern“ und hin zu „Akteuren“, weg von Zuschauern und hin zu Leuten, denen man erstmal zuhört.

Meines Wissens haben die Aktivisten vom ZSP nicht die Träger der nun mit Scheinwerferlicht in einer Säule ausgestellten Knochen gefragt, ob sie das wollen. Sie haben auch, meines Wissens, nicht Organisationen der Überlebenden gefragt. Sie haben stattdessen gestört, was anderen Menschen unheimlich wichtig ist, zum Beispiel die Totenruhe.

Alexandra Belopolsky ist freie Journalistin in München, sie hat Familienangehörige im Kampf gegen die Nazis verloren. Über die Säule sagt sie: „Sollte sie Asche von gläubigen Juden enthalten, ist sie ein Affront gegen die jüdischen Bestattungsregeln. Im Judentum muss der Mensch vollständig, beziehungsweise so vollständig wie möglich bestattet werden.“ Eine nachträgliche Zurschaustellung von Leichenresten kommt dieser Tradition nicht gerade nach. Belopolsky regt das auf. „Selbst wenn man weder jüdisch noch gläubig ist, ist es nicht hinnehmbar, dass menschliche Überreste für politische Zwecke missbraucht werden.“

Wieder von oben herab

Und Sergej Lagodinsky, Abgeordneter der Grünen im Europaparlament, schreibt auf Facebook: „Juden sind in Deutschland Asche geworden und für viele bleiben wir Asche. Und diese Vielen dürfen mit dieser realen oder virtuellen jüdischen Asche anstellen, was sie mit anderen nie machen würden. Kein Raum für Pietät mit toten und lebendigen Juden!“

Dass das ZSP Alarmglocken läutet, ist richtig. Aber es hätten andere Mittel zur Wahl gestanden. Die Schubladen, also der DNA-Code jeden rassistischen Denkens, die das ZSP eigentlich aufbrechen will, hat es mit dieser Aktion stattdessen auf ein Podest gestellt und sie hübsch angestrahlt.

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