Kommentar: Natürlich hat die Polizei ein Problem mit Rassismus

Jan RübelReporter
Yahoo Nachrichten Deutschland
Müssen oft aufpassen: Polizisten in Deutschland. (Bild: Getty Images)
Müssen oft aufpassen: Polizisten in Deutschland. (Bild: Getty Images)

Es wäre auch komisch, wenn nicht: Polizisten sind ja Bürger wie wir alle. Statt sich beleidigt zu geben, wäre Ehrlichkeit angesagt.

Ein Kommentar von Jan Rübel

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Vielleicht hätte es nicht Saskia Esken sein sollen, um diese Wahrheit auszusprechen. Denn die SPD-Chefin trägt ein derartiges Pech mit sich, dass man ihr selbst negativ auslegen würde, wenn sie die Ingredienzen ihres täglichen Frühstücks aufzählen würde: zu gesund, zu ungesund, zu billig oder zu luxuriös. Und so geriet die mitoberste Sozialdemokratin in einen veritablen Shitstorm, als sie Banales feststellte: „Auch in Deutschland gibt es latenten Rassismus in den Reihen der Sicherheitskräfte, die durch Maßnahmen der Inneren Führung erkannt und bekämpft werden müssen.“

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Pardon, aber diesen latenten Rassismus gibt es in Deutschland auch an der Tanke, im Supermarkt und im Rathaus. Das heißt nicht, dass jeder Deutsche ein Rassist ist – es heißt lediglich: dass unser Land, wie alle anderen europäischen Länder auch, eine Gesellschaft gezimmert hat, in der unser Zusammenleben von unsichtbaren und sichtbaren Hierarchien geprägt wird. Und die richten sich mitunter danach, welcher „Abstammung“ ein Mensch ist.

Polizisten sind auch nur Menschen

Esken aber wird seitdem attackiert, indem sie bewusst falsch verstanden wird. Sie hat sich sogar noch sehr behutsam ausgedrückt, als sie von „in den Reihen“ sprach; das Problem müsste noch massiver formuliert werden – aber wenn jemand wie Esken anfängt von Strukturen zu reden, gibt es gleich die Mega-Watschn: Dann wird dies zu einem Generalverdacht hochgedichtet, es wird personalisiert und hypermoralisch aufgeladen, nach dem Motto: Wer von einem strukturellen Rassismusproblem in den Reihen der Polizei spricht, beleidige jede Beamtin und jeden Beamten.

Dabei ist es ganz einfach: Es ist nicht persönlich. Als Polizist hat man sich nicht auf den Schlips getreten zu fühlen, denn Polizisten sind keine Superbürger, die grundsätzlich tausendmal menschenfreundlicher und demokratischer wären als ihre Mitbürger. Sie sind Menschen.

Dass wir jetzt aber über Polizisten sprechen und nicht über Bäcker, liegt an deren großer Verantwortung. Sie haben den Auftrag, im Zweifel Gewalt gegen andere auszuüben – zum Wohl der Gesellschaft. Polizisten sind mit unseren Schattenseiten konfrontiert, sie müssen hinschauen, wo wir uns wegdrehen und den Kopf hinhalten. Wenn ein rassistisches Verhalten dann aber sich Bahn bricht, ist dies eben viel folgenreicher für die Gesellschaft, als bei einem Bäcker.

Und zu Rassismen in den Reihen der Polizei gibt es einiges festzustellen.

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Zum einen, dass es nicht viele Studien dazu gibt. Also nun salopp zu bemerken, es gäbe da kein Problem, geschieht auf zweifelhafter Faktenbasis. Im Gegenteil bestehen einige Hinweise, dass es doch Probleme gibt.

Bitte mehr hinschauen

Warum wurde bei den Ermittlungen zur Mordserie der Naziterrororganisation NSU an Deutschtürken konsequent und über Jahre hinweg gedanklich daran festgehalten, dass die Täter aus dem „Milieu“ kommen und nicht aus rassistischen Motiven heraus gehandelt haben könnten? Dieser blinde Fleck ist strukturell.

Warum brüstet sich das Bundesinnenministerium, dass es bei der Bundespolizei seit 2012 nur 25 Rassismusverdachtsfälle gegeben habe? Diese Zahl ist derart lächerlich klein, dass sie nur einen Schluss nahelegt: Dass nicht hingeschaut wird.

Hand aufs Herz: Polizisten wissen, dass im Zweifel ein Auge zugedrückt wird. Kommt es zum Beispiel zu Vorwürfen ungerechtfertigter Gewalt, werden Polizisten viel seltener verurteilt als bei Verfahren, an denen keine Beamten beteiligt sind.

Also zeigen die Reaktionen auf Esken eines: Sie drücken genau jenen Korpsgeist aus, der geleugnet wird.

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