Kommentar: Wie die AfD mich lockte, "Mainstream-Aussteiger" zu werden

Jan RübelReporter
Der AfD-Politiker Petr Bystron bei einer Auslandsreise im Irak im Jahr 2018. Nun umwirbt er Journalisten zum "Aussteigen" aus dem "Mainstream" (Bild: Getty Images)
Der AfD-Politiker Petr Bystron bei einer Auslandsreise im Irak im Jahr 2018. Nun umwirbt er Journalisten zum "Aussteigen" aus dem "Mainstream" (Bild: Getty Images)

Schlagworte haben die Rechtspopulisten drauf. Nun werben sie für ein Aussteigerprogramm für Journalisten. Ich hab mal nachgefragt.

Ein Kommentar von Jan Rübel

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Heute wurde ich zum ersten Mal gefragt, ob ich ein Whistleblower werden möchte. Ich fühlte ich sogleich geehrt. Whistleblower sind mutige Typen, die fieses Geheimdienstwissen öffentlich machen, wie etwa Edward Snowden.

Bloß fragte ich mich: Welche fiesen Dinge kenne ich eigentlich?

Das Angebot “mainstream-aussteiger.de” kommt von der AfD. “Dokumentieren Sie mit uns die schlimmsten Lügen und Manipulationen der Haltungsredaktionen und schicken Sie sie - garantiert anonym und komplett vertraulich”, heißt es auf der Website eines “Organisationskomitee ‘Konferenz freier Medien’”. Ich würde mich danach besser fühlen.

Verdammt, gern wäre ich ein James Bond im Mainstream. Bloß sind mir keine Lügen und Manipulationen eingefallen. Worum geht es also diesem “OK”?

“Sind Sie Journalist geworden, weil ihnen die Wahrheit und die unabhängige Information der Bürger am Herzen liegen? Haben Sie die Nase voll von befristeten Verträgen und Stellenstreichungen? Wollen Sie wieder in den Spiegel schauen können, ohne dabei Georg Restle und Anja Reschke zu sehen?”, wird der Aufruf eingeleitet. Nunja, klar. Wahrheit und unabhängige Informierung der Öffentlichkeit sind mein Anliegen. Honorare und Arbeitsverträge sind ebenfalls beklagenswert, wie in anderen Branchen auch. Doch wie Georg Restle und Anja Reschke aussehen, kann ich beim besten Willen nicht sagen – ich schaue daheim kein Fernsehen und weiß nur, dass die beiden dort Journalisten sind. Daher verstehe ich die Spiegel-Nummer nicht.

Ich hätte da mal ne Frage

“Als Journalist wieder frei und ehrlich berichten? Trau dich – steig aus!”, wirbt das OK. Also kramte ich in meinem Gedächtnis und überdachte meinen Kollegenkreis: Kenne ich jemanden, der unfrei berichtet, also entgegen seinem Gewissen, zum Beispiel? Auch hier fällt mir nichts ein. Ich kenne jede Menge Journalisten, die in ihrem Job nicht glücklich sind; manche möchten das ihnen angestammte Ressort wechseln, schaffen es aber nicht. Immer die gleichen Themen beackern, das kann langweilig werden. Aber im Widerspruch zur eigenen Meinung oder eben Erkenntnis? Leider kann ich der AfD nicht behilflich sein.

Vielleicht habe ich sie falsch verstanden. Die Website gibt eine Kontaktnummer an, sie führt ins Büro des Bundestagsabgeordneten Petr Bystron. Dort werde ich an ein “Teammitglied” weiter vermittelt, welches mir schriftliche Antworten von Bystron zusichert – die dann auch flugs kommen.

Zuerst wollte ich wissen, ob sich schon Journalisten gemeldet haben. “Es ist nicht zu erwarten, dass fundierte Berichte innerhalb der ersten Stunden eintreffen”, schreibt er. “Der Prozess dauert Tage, vielleicht sogar Wochen und Monate. Unter Umständen muss man zuerst die Beweise sammeln. Zu unserer Überraschung haben wir aber sofort Spam und Hassmails erhalten. Hass und Hetze gegen ein Angebot an Journalisten, Missstände aufzudecken. Ist das nicht irre?” Klar, Hassmails nerven und sind eine schlechte Sitte geworden, ich kriege dieses Zeug ja auch. Auf die Bestandsaufnahme in einigen Monaten jedenfalls bin ich gespannt.

Die Startseite des AfD-"Aussteigerprogramms" für Journalisten (Screenshot: mainstream-aussteiger.de)
Die Startseite des AfD-"Aussteigerprogramms" für Journalisten (Screenshot: mainstream-aussteiger.de)

Mit dem Begriff “freie Medien” konnte ich wenig anfangen – ich kenne ja keine unfreien, zumindest in Deutschland. Also fragte ich nach: Gibt es bei den “freien Medien” auch Medienredaktionen, also keine Blogger oder private Publizisten? “Natürlich!”, antwortet Bystron. “Die ‘freien Medien’ wie jouwatch, Tichys Einblick oder Achse des Guten arbeiten mit ganz normalen Redaktionen. Ihre Gründer und Chefredakteure sind professionelle Journalisten – Thomas Böhm bei Journalistenwatch, Roland Tichy bei Tichys Einblick ebenso wie Dirk Maxeiner auf Achse des Guten. Und für PI News schrieb lang der ehemalige BILD-Chefredakteur Peter Bartels.” Hm. Ich meinte eigentlich Redaktionen im Sinne von Medien wie Zeitungen und Zeitschriften, eben Verlagen. Als Beispiele nennt mir Bystron dann doch Einzelpersonen, eben Blogger.

Das Klagen ob der befristeten Verträge fand ich natürlich interessant. Daher fragte ich: “Inwiefern ist dies ein Thema für Sie, was bieten sie Journalisten, die sich bei Ihnen melden? Setzen Sie sich für materielle Verbesserungen des Berufsstands ein?”

Bystrons Antwort ist pikant. Er setzt erstmal eine Bedingung. “Zuerst wollen wir, dass die Journalisten saubere Arbeit in Ihren bestehenden Redaktionen machen. Aber wenn jemand wechseln will, ist es kein Problem.” Hä? Wohin denn?

“Wir haben Mittel zur Verfügung, mit denen wir die ganze FOCUS-Redaktion übernehmen könnten. Eine größere Reichweite haben wir eh schon. Alleine meine Facebook-Seite lesen mehr Menschen, als die Printausgabe von Focus.” Was Bystron nun ausgerechnet gegen den Focus hat, erschließt sich mir nicht, als linksradikales Blatt ist das Magazin bisher nicht aufgefallen. Aber vielleicht sollte jemand bei denen in München anrufen. Bystron klingt reichlich solvent – will er die Zeitschrift kaufen? Dann hätte er endlich eine echte Redaktion und nicht diesen Klub einzelner Blogger, welche sicherlich “frei” sind – aber dass sie die einzigen sein sollen, hüstel hüstel. Jedenfalls vermerke ich, dass von diesem “Organisationskomitee” beim Thema der befristeten Verträge und Stellenstreichungen erstmal nichts zu erwarten ist, außer der bekannten heißen Luft. Und dass Bystron Facebook-Interaktionen mit Printreichweiten vergleicht, ist ein wenig abenteuerlich. Zwischen Äpfeln und Birnen soll es ja dann doch ein paar Unterschiede geben.

Über die angebliche Unfreiheit wollte ich mehr erfahren, fragte deshalb: Wo sehen Sie Beispiele dafür, dass Journalisten daran gehindert werden, frei und ehrlich zu berichten?

Bystrons Antwort: “Viele renommierte Kollegen haben ihre Jobs verloren, weil sie nicht wie gewünscht geschrieben haben. Denken Sie nur an Matthias Matussek, Roland Tichy, Akif Pirincci oder die Angriffe gegen Henryk Broder und kürzlich Don Alphonso. Auch Komiker wie Dieter Nuhr werden völlig zu Unrecht attackiert. Die meisten Journalisten verstehen diese Signale und haben von Haus aus eine ‘Schere im Kopf’, wenn sie ihren Job behalten wollen. Die zitierten Studien der Hamburg Media School und Reuters Journalism Institute belegen das.”

Eine ziemlich freie Unfreiheit

Abgesehen davon, dass all diese Kollegen frei publizieren, verlor zum Beispiel Matussek tatsächlich seinen Job bei der “Welt”. Vielleicht aber, das kann man aus der Ferne nur mutmaßen, verlor er diesen nicht, weil er nicht “wie gewünscht” schrieb, sondern nach den Pariser Terroranschlägen im Jahr 2015 auf Facebook frohlockend schätzte, die Debatte über offene Grenzen werde sich “in eine ganz neue frische Richtung bewegen” und dies mit einem Smiley-Emoticon zierte. Wer will denn solchen Zynismus in der Redaktionskonferenz?

Tichy ist ein erfolgreicher Journalist, Pirincci ein erfolgreicher Autor und die Herren Broder und Don Alphonso haben keine Mühe sich Gehör zu verschaffen. Nuhr – der wurde zuletzt tatsächlich völlig zu Unrecht (verbal) attackiert, als ein Journalist der “Kieler Nachrichten” ihm zuschrieb, er habe die Klimaaktivistin Greta Thunberg in die Nähe von Hitler und Stalin gerückt. Keine Ahnung, woher der Kollege dies nahm, jedenfalls entschuldigte sich die Zeitung.

Fazit: Die von Bystron erwähnten Beispiele einer Unfreiheit überzeugen mich nicht wirklich. Er nimmt den Mund voll, auch was seine angeblich vollen Taschen angeht. Und die von ihm genannten “freien Medien” stammen aus der Parallelwelt des Socialmedia. “Aussteigerprogramme” kennt man für Nazis und gewaltbereite Salafisten - die AfD offenbart eine interessante Auffassung von Extremismen, wenn sie solche Begriffe für Tausende von Journalisten in Deutschland verwendet. Vielleicht ist es auch nur ein Gag. Ein PR-Trick.

Aber, der Einwand wird dann kommen, bestimmt habe ich eine “Schere im Kopf”. Ist ja auch praktisch, solch ein Vorwurf: Diese Scheren sind unsichtbar und selbst chirurgisch nicht offen zu legen. Man kann also ihre Existenz einfach mal behaupten. So wird das nichts mit dem heldenhaften Whistleblowen. Ich verharre im “Mainstream” und werde den Gedanken nicht los: Eine Hauptströmung besteht nicht immer aus Lämmern. Manchmal lernt die Menschheit halt dazu.

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