Was Kramer bei Klopp beeindruckt

Was Kramer bei Klopp beeindruckt
Was Kramer bei Klopp beeindruckt

2021 rettete Frank Kramer Arminia Bielefeld noch überraschend vor dem Bundesliga-Abstieg.

In diesem Jahr gelang ihm das nicht. Wenige Wochen vor Saisonende entließ ihn die Arminia; den erneuten Abstieg der Bielefelder erlebte er als Außenstehender mit. Ein weiteres lehrreiches Kapitel für Kramer, der in seiner Trainerlaufbahn schon einige Stationen hinter sich gebracht hat. (NEWS: Alle aktuellen Infos zur Bundesliga)

In Hoffenheim coachte er die TSG mal für zwei Spiele interimsweise, Greuther Fürth führte er 2014 in die Bundesliga-Relegation gegen den HSV, beim DFB war er später drei Jahre lang für die wichtigsten Jahrgänge der U-Teams verantwortlich und bei RB Salzburg leitete er das Nachwuchsleistungszentrum und trainierte die U19.

Im Gespräch mit Business-Coach und Autor Mounir Zitouni erzählt Kramer, wie er mit Beurlaubungen umgeht, er beschreibt den langen Weg vom Jugendtrainer zum Chefcoach, sagt als ehemaliger Dozent, wieso man ganz oft die Lehrinhalte über Bord werfen muss und wieso Jürgen Klopp und Pep Guardiola seine Vorbilder sind.

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So erlebte Kramer das Aus bei Arminia Bielefeld

Im April war Schluss für Frank Kramer. Kurz vor Saisonende das Aus bei Arminia Bielefeld. Dem Verein, den er ein Jahr zuvor noch überraschend vor dem Abstieg rettete.

Wie nimmt man als Trainer so eine Entlassung auf? „Also, erst einmal tut das weh. Das muss man erstmal verdauen und dann braucht man erstmal eine ganze Zeit, um das sacken zu lassen und um die Dinge zu sortieren. Wo sind Anteile drin, die ich hätte besser machen können und wo sind aber auch Dinge, die du einfach nicht beeinflussen kannst?“

Was Kramer betonen will: „Eins ist ganz wichtig, der Bock auf Fußball ist ungebrochen. Den darf man sich nie nehmen lassen.“

Kramers Ansatz: Aus Niederlagen lernen. „Diese Erfahrungen sind auch wichtig, dass man die macht und man muss halt die richtigen Lehren daraus ziehen. Und da auch: Das ist eine Niederlage. So muss man es nehmen. Man wird immer wieder auch mal scheitern. Man hat Erfolge, da muss man die richtigen Schlüsse daraus ziehen, was man gut macht und was man beibehalten muss. Und man muss natürlich auch das Scheitern und so eine Niederlage muss man richtig einordnen und dann geht‘s weiter. Denn nur so wird man besser.“

Niederlagen „haben Euphorie bei mir eher befeuert“

Schon einige Jahre zuvor hatte Kramer Bundesligaerfahrung in Hoffenheim sammeln dürfen, als er interimsweise für zwei Spiele einsprang, aber dabei zwei Niederlagen kassiert.

„Die zwei Niederlagen als Interimstrainer in Hoffenheim haben die Euphorie bei mir eher befeuert, Trainer zu werden. Von solchen Niederlagen kann man immer wahnsinnig viel rausziehen, da habe ich wieder was gelernt, da habe ich tolle Erfahrung mitnehmen können, die machen einen ja nicht dümmer, sondern ein kleines Stück lernt man immer und man wird ein klein wenig besser und kann diese Erfahrungen gut einbauen.“

Kramer um 5 Uhr in der Backstube

Kramer war 2013 nicht nur Bester seines Fußball-Lehrer-Jahrgangs, sondern er studierte auch Didaktik, unterrichtete in seiner Anfangszeit an Gymnasien und an der Uni.

„Das gehört auch dazu im Leben, sich die Dinge zu erarbeiten. Und bei mir kam das parallel dazu, also Fulltime-Lehrer, Fulltime-Dozent und nebenbei dann U19 oder U23 Trainer, wohlgemerkt bei Greuther Fürth. Ich musste mir einfach selber Dinge viel beibringen. Das heißt die Spieler, die bei Greuther Fürth gelandet sind in der U19, die habe ich vorher gescoutet. Da ist nicht eine Scouting-Abteilung unterwegs gewesen; man hat die Gespräche mit den Spielern und den Eltern geführt. Und da hat man auch mal die Semmel abgeholt, bevor Abfahrt war nach Frankfurt und hat um 5 Uhr morgens in der Backstube gestanden, damit die Jungs danach was zum Essen haben“, erzählt Kramer aus seiner Anfangszeit.

Kramer: „Nur so wird man vor der Gruppe authentisch“

Doch trotz aller Lehrinhalte ist sich Kramer bewusst: „Man muss kein Studium machen, um ein sehr guter Trainer zu sein. Man muss nicht unterrichtet haben, um vor einer Gruppe gut da zu stehen. Der wichtigste Punkt ist, dass man das, was man vermitteln will, den Jungs bzw. den Teams näher bringt.“

Wie schafft man das am besten? „Vor allem muss man viele Dinge ganz einfach halten, weil die Jungs Stress haben, die sind mit Dingen beschäftigt, so dass die für komplexe Dinge einfach keinen Kopf haben. Auch die Emotionalität ist wichtig, die muss immer dabei sein. Nur so wird man auch vor der Gruppe authentisch. Nur so wird dir die Gruppe auch folgen, weil die dann auch sehen, ja klar, der hat Gefühle, der ist jetzt einmal stinksauer, das nächste Mal ist er total stolz. Das gehört mit dazu. Das macht auch das Miteinander und das Zwischenmenschliche aus.“, erklärt Kramer.

Er fasst zusammen: „Man muss Mensch bleiben und muss auch menschlich miteinander umgehen, das hat ganz wenig mit irgendwelchen wissenschaftlichen Dingen zu tun. Da kann man mit Didaktik und Pädagogik ankommen, wie man will, da ist der Draht zum einzelnen Spieler wichtig, privat mal den Spielern das Gehör zu schenken. Das gehört dann einfach mit dazu.“

Kramer von Klopp beeindruckt

Gerne schaut sich Kramer auch Dinge ab bei Trainerkollegen. So war er schon in Liverpool, um sich mit Jürgen Klopp auszutauschen. Für ihn ein Vorbild in Sachen Trainer.

„Im Umgang mit den Spielern und mit den Menschen in der Mannschaft hat er ganz viele Dinge beibehalten, sehr empathisch, sehr authentisch, sehr emotional und unterstützend. Andererseits ist es auch beeindruckend, wie er die Spielweise seiner Mannschaften weiterentwickelt hat. Am Anfang waren sie eben die typische Pressingmaschine, wo alle sehr viel investiert haben, ein wahnsinnig schneller Fußball. Es hat sich aber weiterentwickelt und das hat er geschafft, mit Ballbesitz, klaren Strukturen, klaren Abläufe. Auch zu wissen, wann kann ich Tempo reinbringen. Wie er das entwickelt hat, das muss ich sagen, das ist schon beeindruckend“, so Kramer.

Ex-Bielefeld-Coach: „Boah, das wär cool, wenn...“

Ein anderer Trainer beeindruckt den 50-jährigen Coach ebenfalls. „Im sportlichen Bereich muss ich sagen finde ich Pep Guardiola beeindruckend, weil er einfach viele Dinge, die schon außergewöhnlich sind, immer wieder auf den Platz bringt mit seiner Mannschaften. Wie beweglich das Positionsspiel ist und dass trotzdem die Aufgaben klar sind. Wenn man von außen drauf geschaut hat, war das so beweglich und flexibel, dass man einfach auf Prinzipien schauen musste und nicht auf einzelne Positionen, nicht auf das System, sondern nach Prinzipien, nach denen die Räume besetzt wurden. Nicht nur stures Dogma, sondern er hat eben auch immer wieder sein Spektrum erweitert und da hat man schon mit offenem Mund und mit Staunen Dinge aufgenommen und sich gesagt: Boah, das wär cool, wenn ich das mit meiner Mannschaft auch hinbekommen könnte. Sehr, sehr innovativ, sehr kreativ und ja beeindruckend, wie seine Teams Fußball spielen.“

Mounir Zitouni (51) war von 2005 bis 2018 Redakteur beim kicker und arbeitet seitdem als Businesscoach, betreut Sportler, Trainer und Führungskräfte in punkto Auftreten, Kommunikation und Persönlichkeitsentwicklung. Der ehemalige Profifußballer (OFC, SV Wehen, FSV Frankfurt, Esperance Tunis) hat zuletzt die Autobiographie von Dieter Müller verfasst und veröffentlicht regelmäßig eine Kolumne auf www.sport1.de.

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