Wie krank ist der Fußball? "Die Krise als Chance begreifen"

Johannes Fischer
Sport1

Die Coronakrise entlarvt gerade auf schonungslose Art die Fehlentwicklungen des Profi-Fußballs.

Dass Vereine wie der FC Schalke 04 nach zwei Monaten ohne laufende Einnahmen vor dem Kollaps stehen, ist eine erschreckende Quintessenz der Pandemie. Plötzlich wird auch den größten Befürwortern klar: Der Fußball hängt am Tropf und muss wiederbelebt werden.

"Für uns ist im Moment das gesamte System Fußball krank. Wir sehen gerade die Symptome dieser Krankheit", sagte Thomas Kessen, Sprecher der Interessengemeinschaft "Unsere Kurve" im CHECK24 Doppelpass. "Wir sehen, dass knapp anderthalb Monate Pause reichen, um 13 Erst- und Zweitligisten an den Rand der Insolvenz zu treiben." 

Scrollen, um mit dem Inhalt fortzufahren
Anzeige


Schon lange monierten viele Anhänger die grenzenlose Gier im Fußballgeschäft, stießen aber überwiegend auf taube Ohren. Warum auch sollten die Protagonisten etwas am Status Quo ändern? Scheinbar lief in einem nicht enden wollenden Geldkreislauf alles wie geschmiert - so lange bis ein Virus einen Kollateralschaden offenbarte.

Schäfer fordert Umdenken beim Wirtschaften

Dass nur die wenigsten Klubs nachhaltig wirtschafteten, obwohl der Fußballkreislauf ihnen immer mehr Mittel zur Verfügung stellte, das stritt auch der ehemalige Klub-Chef von Fortuna Düsseldorf, Robert Schäfer, nicht ab.

Jetzt aktuelle Fanartikel der Bundesliga bestellen - hier geht's zum Shop! | ANZEIGE

"Mit dem letzten TV-Vertrag haben wir 80 Prozent mehr Fernsehgelder bekommen", sagte Schäfer im CHECK24 Doppelpass. "Wir haben aber tatsächlich nicht viel verändert. Wir haben einfach so weitergemacht wie bisher."

"Wie bisher" - damit meint Schäfer unter anderem die Generierung immer neuer Geldquellen - letztlich auf Kosten der Fans. 


"Bei der Diskussion des 'Immer-Weiter-So' in den letzten Jahren haben wir Ticketpreise immer weiter erhöht, die Trikots sind immer teurer geworden – so als wären diese 80 Prozent mehr TV-Geld nicht passiert. Ich glaube, das ist auch etwas, was wir zurückdrehen müssen."

Reif über Club Nr.12: "Die können es sich leisten"

Dass der Patient Fußball nun mit Geisterspielen gerettet werden soll, stößt auf Seiten vieler Ultra-Gruppierungen auf wenig Gegenliebe - für viele Vereine sind sie allerdings alternativlos. 

Und dennoch gibt es verschiedene Gruppierungen, die Spiele ohne Zuschauer ohne wenn und aber ablehnen - egal mit welcher Konsequenz das verbunden ist. So veröffentlichte der "Club Nr. 12", die Fanklub-Vereiniung des FC Bayern, Geisterspiele seien "grotesk und heuchlerisch".

Für SPORT1-Experte Marcel Reif ist der radikale Ansatz allerdings in erster Linie scheinheilig. "Die können es sich leisten, die Saison abzubrechen. Die sollen mal ihre Kumpels auf Schalke oder in Bielefeld zu Geisterspielen befragen", sagte Reif. Während die Königsblauen ohne den Fortbestand der Saison - und damit ohne weitere TV-Gelder - am Abrund stünden, würde die Arminia wohl den geplanten Aufstieg verpassen. 


Die meisten Anhänger dürften sich allerdings bewusst sein, dass die Saison mit Geisterspielen zu Ende gebracht werden muss - koste es, was es wolle. Auch Kessen würde in den sauren Apfel beißen, hat aber die Befürchtung, dass nicht die richtigen Schlüsse gezogen würden.

"Geisterspiele können niemals die Lösung sein"

"Geisterspiele sind maximal eine Möglichkeit, um Erste Hilfe zu leisten, können aber niemals die Lösung sein. Wir haben die Befürchtung, dass die Geisterspiele nur dazu dienen, ein 'Weiter so' möglich zu machen und dass kein Umdenken stattfinden wird."

Und doch scheint bei vielen Verantwortlichen angekommen zu sein, dass eine Wende dringend vonnöten sein wird. Eine der Erkenntnisse: Es muss wieder einen echten Dialog mit den Fans geben - einer, der möglichst ohne Vorurteile auskommen sollte.

"Aus den vergangenen Diskussionen, die wir mit den Ultras geführt haben, sollten wir nicht mit Verbitterung in neue Gespräche reingehen", sagte Schäfer. "Wir müssen genau beobachten, was der Fußball tut – er muss was tun, das ist keine Frage. Aber er hat die Kraft und die Möglichkeiten dazu und sieht diese Krise ähnlich wie die Fans."


Dass es höchste Eisenbahn dafür ist, weiß auch Christoph Daum. "Der Dialog mit den Fangruppen wurde immer mehr limitiert, der Frust wurde immer größer", stellte der Ex-Bundesligatrainer im CHECK24 Doppelpass fest. "Und jetzt sitzen wir in dieser Krise natürlich auf einem Pulverfass, weil sehr viele Fragen gestellt werden, wohin sich der Fußball entwickelt."

Kommt der Zehn-Millionen-Puffer?

Dafür dass dieses Pulverfass nicht zur Explosion kommt, sind nun vor allem diejenigen gefragt, die dafür gesorgt haben, dass es überhaupt so weit kam: Investoren, Klub-Präsidenten, Manager, Berater, Spieler.


"Ich würde mir wünschen, dass man gleichzeitig die Krise auch als Chance begreift und das nachhaltige Wirtschaften mehr verankert", sagt Kessen. "Und dass beispielsweise die Lizenzierungsbedingungen in den ersten beiden Ligen geändert werden, etwa mit der Idee eines Zehn-Millionen-Reservepuffers."

Bei diesem Puffer würde es sich um eine Summe handeln, die nur in absoluten Notzeiten angezapft werden dürfte - wie etwa jetzt während der Coronakrise.

Die Einsicht - so scheint es zumindest mitten in dieser existenziellen Krise - ist auch bei den Verantwortlichen angekommen. Man darf gespannt sein, ob der Patient Fußball in der Nach-Corona-Zeit wieder auf die Beine kommt.

Lesen Sie auch