Die Kritik am Fußball ist scheinheilig

Matthias Becker
Sport1

Die positiven Corona-Tests beim 1. FC Köln sind ganz sicher ein Rückschlag für die DFL und ihre Klubs. Der Plan, die Saison bald weiterlaufen zu lassen, wird dadurch nicht leichter umzusetzen.

Aber ist die Empörungswelle die seit Freitagabend durch Medien und soziale Netzwerke rollt denn auch berechtigt?


Scrollen, um mit dem Inhalt fortzufahren
Anzeige

Auf Plattformen wie Twitter sind viele unterwegs, die es natürlich schon immer gewusst haben. Doch die Kritik, die derzeit am Profi-Fußball geübt wird, ist vor allem eines: scheinheilig.

Denn die Argumente entwickeln sich nicht weiter. Angeblich seien die Positiv-Fälle beim FC der Beweis dafür, dass die Liga auf keinen Fall wieder loslegen dürfe. Dass das Hygienekonzept der DFL nicht funktioniere. Aber ist das wirklich so?

Alle Informationen rund um einen möglichen Neustart der Bundesliga im CHECK24 Doppelpass am Sonntag ab 11 Uhr LIVE auf SPORT1 und im LIVESTREAM

Faktisch haben die Vereine ab Donnerstag mit den angekündigten Corona-Tests begonnen. Mit weitem Vorlauf zu einem möglichen Spielbeginn also. Und bevor der nächste Schritt ansteht, der ins Mannschaftstraining.

Nach jetzigem Kenntnisstand gibt es bei keinem anderen Bundesligaverein positive Fälle. Das bedeutet, dass kommende Woche – nach einem weiteren Test – sehr viele nachweislich nicht infektiöse gesunde junge Menschen gemeinsam Sport treiben würden. Der Infektionsschutz, der das Maß aller Dinge sein muss, wäre an dieser Stelle also nach bestem Gewissen gewährleistet.


Bundesliga-Klubs verstopfen nicht die Labors

Immer wieder wird zudem kritisiert, anderen gesellschaftlichen Gruppen werde etwas weggenommen, wenn die DFL ihr Konzept durchziehe. Aber was eigentlich?

Nach offiziellen Zahlen des maßgeblichen Robert-Koch-Instituts werden die Kapazitäten für Corona-Tests in Deutschland bei weitem nicht ausgeschöpft. Etwa 400.000 Tests mehr pro Woche wären möglich, hieß es dort. Die etwa 25.000 Tests die die DFL bis Saisonende einplant, erscheinen da wahrlich nicht kritisch. Zumal die Kosten für diese Tests vom Ligaverband selbst getragen werden.

Wenn es also weiterhin stimmt, dass Pfleger und Erzieherinnen nicht ausreichend getestet werden können, ist das ein Unding. Aber es ist eben nicht so, dass die Bundesliga-Klubs auf Steuerzahler-Kosten die Labors verstopfen.


Und auch den Vorwurf, für die Planungen des Fußballs sei Zeit, während für Kitas und Schulen weiterhin ein Konzept fehle, kann man kaum der Fußball-Industrie machen. Oder glaubt jemand ernsthaft, dass sich in den verschiedenen Bundes- und Landesministerien und den örtlichen Behörden niemand um Kita-Pläne kümmern kann, weil er Geisterspiele organisieren muss?

Die nach Lektüre des DFL-Plans berechtigte Befürchtung, Positivfälle sollen vertuscht werden, wurde am Freitag auch widerlegt. Am Donnerstag wurden die Spieler in Köln getestet. Am Freitag waren die Ergebnisse da, am Freitagabend die öffentliche Meldung des Vereins. Recht viel schneller geht das nicht. Und die Namen der positiv Getesteten gehen außer deren Kontaktpersonen und die Gesundheitsämter auch niemanden etwas an.

Intuitiv und blitzschnell: Die neue SPORT1-App ist da! JETZT kostenlos herunterladen in Apples App Store (iOS) und im Google Play Store (Android)

"Köln-Fälle" offenbaren Sollbruchstelle des DFL-Konzepts

Und doch offenbaren die "Köln-Fälle" bei aller unberechtigten Kritik auch die Sollbruchstelle des DFL-Konzepts. Die Idee, die Profis könnten in den Wochen der Rest-Saison ein halbwegs normales Leben zwischen ihrem Zuhause, dem Trainingsplatz und den Stadien führen, wird so nicht durchsetzbar sein.

Letztlich läuft es für die Bundesliga-Profis auf eine Gladiatoren-Rolle raus: Alle Spieler eines Teams werden initial getestet, alle gesunden gehen dann für die sechs bis sieben Wochen, die man braucht, um die Saison durchzuziehen, in eine Gruppen-Quarantäne. Nur so lässt sich das Infektionsrisiko, das von Außenstehenden ausgeht, minimieren.


Für alle Beteiligten wäre das ein immenses Opfer. Der Zeitraum ist aber überschaubar, ähnlich dem eines großen Turniers mit vorangestelltem Trainingslager. Über die Spieler, also die Menschen, die das aushalten müssen, wird dabei zu wenig gesprochen.

Die Klubs müssen deshalb glaubhaft machen, dass die Spieler keinerlei negative vertraglichen Konsequenzen zu befürchten haben, wenn sie nicht mitmachen wollen. Sei es wegen gesundheitlicher Bedenken oder wegen einer Ablehnung der Dauer-Quarantäne.

Lesen Sie auch