Der Kronprinz tritt aus Bradys Schatten

Eric Böhm
Sport1

Die Story ist aus den vergangenen Jahren bekannt.

Eine riesige Traube von Journalisten umschwärmt vor dem Super Bowl täglich den charismatischen, gut aussehenden Quarterback mit dem Gewinnerlächeln. Eine Sache ist allerdings 2020 anders: es ist nicht Megastar Tom Brady. (NFL: Super Bowl zwischen Kansas City Chiefs und San Francisco 49ers am 3. Februar ab 0.30 Uhr LIVE)

Stattdessen sitzt da sein einstiger Kronprinz Jimmy Garoppolo. Tatsächlich wirkt der Spielmacher der San Francisco 49ers genauso geschaffen für diese Bühne wie sein ehemaliger Mentor. Garoppolo ist im Rampenlicht angekommen.

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Dabei war vor zehn Jahren eine so märchenhafte Karriere, die am Sonntag gegen die Kansas City Chiefs ihre vorläufige Krönung erfahren kann, nicht ansatzweise abzusehen.

"Es ist ein unglaubliches Gefühl hier zu sein. Ich habe zweimal erlebt, wie Tom den Super Bowl gewonnen hat. Er war so ruhig, ich war ganz nah dran und habe einfach alles aufgesaugt und seither versucht, es in mein Spiel aufzunehmen", sagte Garoppolo in dieser Woche.

Garoppolo schon früh talentierter Sportler

Dieses Zitat beschreibt "Jimmy G" auf so vielen Ebenen. In der High School war er ein herausragender Athlet im Baseball, Basketball und als Sprinter, aber hatte als Quarterback nicht die mega guten Zahlen oder Titel.

Aber schon damals hatte er eine starke Präsenz. "Wir waren 16 und er sah aus wie 25", erinnert sich High-School-Teamkollege Colin Buscarini bei The Athletic.

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Trotzdem bekam er kaum Angebote für Stipendien und entschied sich für Eastern Illinois, dort spielte übrigens einst Mike Shanahan, der Vater von Garoppolos heutigem Coach Kyle. Statt sich zu beklagen, sah er das jedoch als Chance, sich zu beweisen.

Dreieinhalb Jahre von Brady und Belichick gelernt

Es ist eine der Stärken des Sunnyboys, er sieht in jeder Situation das Positive. Genau wie als Kronprinz von Brady, wo er dreieinhalb Jahre von einem der besten Quarterbacks und Coach Bill Belichick lernte, ohne ungeduldig zu werden.

Genauso ging er seine College-Karriere an, obwohl die Bedingungen alles andere als ideal waren. Er wohnte in einem runtergekommenen Haus unter dem Dach, im Sommer war es so heiß, dass er woanders auf einer Couch schlafen musste - als Quarterback.

Das Team war richtig schlecht, in seinen ersten zwei Jahren lief er um sein Leben, wurde über 50 Mal gesackt, warf 27 Interceptions, gewann gerade einmal vier von 22 Spielen und trotzdem "liebte er jede Sekunde", wie es Mitspieler John Wurm ausdrückte.


In der NFL immer kritische Stimmen

Genau diese Mentalität zeichnet den 28-Jährigen bis heute aus. Kritik oder Fehler machen ihm nichts aus: "Ich höre viele Sachen, aber am Ende des Tages musst du es nehmen, wie es kommt. Du gehst raus und spielst Football."

Zweifler gab es immer, nachdem ihn die New England Patriots 2014 nach einer überragenden Saison mit 5.000 Yards und 53 Touchdowns schon an der 62. Stelle ausgewählt hatten. "Zu früh" oder "Wer ist das überhaupt" war in den Medien zu lesen. Auch nachdem die 49ers 2017 einen Zweitrundenpick für ihn eintauschten oder ihn nach nur fünf Starts mit einem 137-Millionen-Dollar-Vertrag ausstatteten, hagelte es Unverständnis.

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Aktuell wird er von einigen Pseudo-Experten im Vergleich mit seinem Gegenüber am Sonntag, Patrick Mahomes, als "Game-Manager" verschrien, weil er im NFC-Finale nur acht Pässe warf.

Garoppolo hat Wurzeln nie vergessen

All das hat Garoppolo nie an sich heran gelassen, er hat ruhig und entspannt seinen Weg an die Spitze vorangetrieben - so wie es ihm sein alter Meister Brady vorgelebt hat.

So trägt er immer noch seinen alten Eastern-Illinois-Rucksack mit sich herum, und brachte fünf College-Teamkollegen mit zum Draft, sodass Commissioner Roger Goodell fragte, 'wie viele Brüder hat dieser Junge?' Es sind eigentlich drei, aber Garoppolo hat seine Wurzeln nie vergessen.

Das aktuelle Argument läuft ohnehin komplett ins Leere. Natürlich spielt Mahomes spektakulärer, aber Garoppolo ist ein Top-Quarterback.

Ganz starke Zahlen

Genau genommen ist er der einzige Quarterback der NFL, der in dieser Saison unter den Top Fünf bei Passquote, Yards pro Wurf und Pass-Touchdowns steht - der Einzige. Kein anderer Spielmacher schaffte zudem drei Spiele mit mindestens 300 Yards, vier Touchdowns und mindestens 70-prozentiger Passquote.

Die Teamkollegen verteidigen ihn vehement. Cornerback Richard Sherman bezeichnete diese Woche Zweifler an Garoppolo als "Idioten".

Aufgrund des so starken Laufspiels und der überragenden Defense muss er aktuell nicht so viel werfen, was nicht bedeutet, dass er es nicht kann.


Kittle offenbart größte Schwäche

Aber Moment, eine Sache scheint der Überflieger dann doch nicht zu können, wie Tight End George Kittle nun verriet: Textnachrichten beantworten.

"Er ist der Schlimmste aller Zeiten! Ich schreibe: 'Hey Jimmy, was muss ich bei dieser Passroute machen?' Keine Antwort. 'Hey Jimmy, gehen wir ins Kino?' Keine Antwort. Ein paar Tage später kommt er dann: 'ja, hab ich gelesen, hab nur nicht geantwortet.' Danke, Jim. Das ist echt super", erzählte Kittle mit einem breiten Grinsen im Gesicht.

Abgesehen davon gelingt Garoppolo offensichtlich alles. Vor seinem großen Auftritt am Sonntag wird er sich noch einmal Rat von Brady holen. Bei dessen gigantischen Super-Bowl-Comebacks gegen Seattle (das Marshawn-Lynch-Spiel) oder Atlanta (3:28) stand Garoppolo im Schatten, am Sonntag wird er alles dafür tun, seinen eigenen Super Bowl zu gewinnen und die Zweifler ein weiteres Mal zu widerlegen.

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