Darum wird Löw zum Tiefstapler

Florian Plettenberg, Jochen Stutzky
Sport1

Vom Weltmeister 2014 zum EM-Tiefstapler 2019.

Gleich zweimal hat Bundestrainer Joachim Löw am Montagmittag betont: "Ich sehe uns nicht als Favorit bei dem Turnier."

WM-Debakel in Russland, Abstieg aus der Nations League, Umbruch. Hinter der Löw-Auswahl liegen schwierige Monate. Die ungefährdete EM-Qualifikation, die am Dienstagabend gegen Nordirland mit Platz eins abgeschlossen werden könnte, weckt zumindest ein bisschen Hoffnung auf bessere Zeiten.

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Warum aber ist Löw derart vorsichtig in der Zielsetzung? SPORT1 nennt die Gründe.

- Umbruch nicht abgeschlossen

Löw strich nach der WM etliche Routiniers und setzte auf frisches Personal. Einspielen konnte sich seine verjüngte Mannschaft in den vergangenen Monaten aber kaum. Immer wieder machten ihm Absagen und schwere Verletzungen zu schaffen. Zuletzt die von Leroy Sané (Kreuzbandanriss) und Niklas Süle (Kreuzbandriss).

Man habe daher einen "Umbruch im Umbruch", erklärte Löw. Wichtig: Mit Manuel Neuer, Matthias Ginter und Toni Kroos hat sich eine erfahrenen Weltmeister-Achse stabilisiert, die zudem Turniererfahrung hat. Sie gibt der jungen Mannschat Halt.

- Starke Konkurrenz

Aktuell steht Deutschland nur auf Platz 16 der Weltrangliste.

Löw betonte zwar, dass ihm solche Platzierungen egal seien. Dennoch weiß auch der Bundestrainer: In der Weltspitze sind derzeit andere Länder.

"England, Frankreich, Spanien, Italien, Belgien und Holland sind in der Gesamtentwicklung weiter als wir. Deshalb sehe ich uns nicht als Favorit bei der EM", sagte Löw.

Für die Entwicklung seines Teams findet der 59-Jährige dennoch lobende Worte: "Ich möchte den Spielern ein großes Kompliment aussprechen. Wir haben die Quali souverän gemeistert. Die Mannschaft ist sehr willig und ehrgeizig."

- Unsichere Rückkehrer

Ob, wann und mit welchem Leistungsvermögen Leistungsträger wie Sané oder Süle zurückkommen, ist derzeit völlig unklar.

Ex-Bayern-Präsident Uli Hoeneß legte Abwehr-Boss Süle nahe, die EM-Teilnahme abzuhaken. Der Innenverteidiger hofft allerdings darauf, rechtzeitig fit zu werden.


Die zuletzt verletzten Paris-Stars Thilo Kehrer und Julian Draxler sind wieder im Mannschaftstraining und hoffen im März 2020, in der nächsten Länderspielwoche, auf eine DFB-Rückkehr.

Antonio Rüdiger steigt beim FC Chelsea kommenden Mittwoch wieder ins Training ein.

Ein DFB-Juwel wie Kai Havertz wartet noch auf seinen Durchbruch. Marco Reus steckt im Formtief.

- Wenig Begeisterung

Unvergessen, wie das ganze Land beim Sommermärchen 2006 hinter der Mannschaft stand und frenetisch mitjubelte, als man 2014 in Brasilien Weltmeister wurde.

Seit der WM in Russland hat die Begeisterung für "die Mannschaft" jedoch rapide abgenommen. Leere Stadien und schlechte Stimmung waren die Folge. Dem Bundestrainer und den Spielern ist das nicht entgangen. Um die Begeisterung zum Leben zu erwecken, helfen vor allem Siege - und fitte Stars wie Sané.

- Löws eigene Zukunft

Viele Experten erwarteten nach der WM 2018 den Rücktritt Löws. Darauf verzichtete er, betonte stattdessen, mit vollem Elan die Mannschaft wieder aufrichten zu wollen.

Löw (Vertrag bis 2022) ist erfahren genug, um zu wissen, dass das Abschneiden bei der kommenden EM auch Einfluss auf seine eigene Zukunft haben könnte. Ein frühes Ausscheiden und Löw (seit 13 Jahren Bundestrainer) wäre wohl kaum noch zu halten. Indem er nun bewusst und berechtigt darauf verzichtet, Deutschland zu den EM-Favoriten zu zählen, nimmt er Druck von der Mannschaft - aber auch von sich.

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