Lance Stroll: Nach Abschlusstraining niemals mit Pole gerechnet

Maria Reyer
·Lesedauer: 6 Min.

Im Alter von 22 Jahren und 16 Tagen krönte sich Lance Stroll im Qualifying zum Grand Prix der Türkei zum fünftjüngsten Polesetter der Formel-1-Geschichte. Zum ersten Mal seit Jerez 1997 steht wieder ein Kanadier auf dem ersten Startplatz. Wie kam es zu dieser Sensation?

"Ich kann keine Worte finden, ich bin geschockt. Ich habe nicht erwartet, dass ich hier sitzen werde nach dem dritten Freien Training", musste sich Stroll nach dem Qualifying in der Pressekonferenz erst einmal sammeln. Bei schwierigen Bedingungen am Samstagvormittag landete er nur auf dem zehnten Platz.

Pikant: Stroll war um 8,3 Sekunden langsamer als Max Verstappen an der Spitze, damit hätte er die 107-Prozent-Marke verpasst. "Es gab viele Dinge, über die wir nicht sehr sicher waren vor dem Qualifying. Im dritten Training sahen wir nicht sehr konkurrenzfähig aus."

"Zur richtigen Zeit auf dem richtigen Reifen"

Wie kam es dann zur Leistungssteigerung im Qualifying? "Der Schlüssel heute war, die Reifen auf Temperatur zu bringen", erklärte der 22-Jährige. "Es war ein Fall von: zur richtigen Zeit auf dem richtigen Reifen am Ende von Q3." Doch schon in Q1 zeichnete sich ab, dass Racing Point konkurrenzfähig sein würde.

Das Team entschied sich im allerersten Versuch bereits, die Intermediates aufzuziehen. Nach drei Runden lang Stroll auf dem dritten Platz, als das Training aufgrund der Bedingungen unterbrochen wurde. "Ab dem Vormittag waren das total verrückte Bedingungen. Im Nassen war es so rutschig."

Als Zwölfter qualifizierte er sich schließlich für das Q2, erneut lag er unscheinbar weit zurück (+9,982 Sekunden). Im zweiten Segment versuchte er es schließlich auf dem Regenreifen. Stroll setzte zwischenzeitlich gar die Bestzeit und schaffte den Q3-Einzug am Ende mit Rang vier (+3,079 Sekunden).

Im entscheidenden Shootout der Top 10 lag er nach seinem ersten Versuch auf dem Regenreifen bereits mit an der Spitze. Als allerdings Teamkollege Sergio Perez, der von Beginn an auf dem Intermediate unterwegs war, eine absolute Bestzeit aufstellte, schwenkte auch Stroll um.

"Wir haben auf dem Regenreifen begonnen und haben dann auf Inters gewechselt. Als ich dann rausfuhr, hat sich Valtteri vor mir gedreht. Danach hatte ich genau eine Runde, in der es klappen musste." Er sei unter enormen Druck gestanden.

"Ich hatte eine Runde, um abzuliefern. Aber ich habe genug Vertrauen ins Auto gehabt und bin konstant gefahren, um am Ende eine Runde zusammenzukriegen. Ich habe keine Fehler gemacht - und stehe jetzt auf der Pole-Position", strahlte er.

Wechsel auf Intermediate war goldrichtig

Mit einer Rundenzeit von 1:47.765 Minuten war er am Ende der schnellste Mann. In den Sektoren 2 und 3 gelangen ihm absolute Bestzeiten. Selbst Favorit Verstappen hatte am Ende keine Antwort - er verlor jeweils rund eineinhalb Zehntel in jenen Streckenabschnitten.

"Ich wusste, dass wir vorn mit dabei waren. Mein Ingenieur hat mir jede Runde Feedback gegeben, wo wir stehen, aber bei diesen Bedingungen hast du nicht wirklich Zeit, um darüber nachzudenken, wo du gerade stehst. Da geht es vor allem immer um die nächste Kurve."

Im Nachhinein entpuppte sich der Wechsel auf die Intermediates für den letzten Versuch als goldrichtig. "Als ich auf Inters gewechselt habe, wusste ich, dass wir in guter Form sind." Obwohl: "Ich habe eigentlich erwartet, dass wir das Quali auf den Regenreifen zu Ende fahren, da die Bedingungen wirklich schlecht waren."

Allerdings hatte er in Q3 auf dem "Full-Wet"-Reifen plötzlich weniger Grip. "Ich wusste, dass die Strecke auftrocknete und dass es Zeit für Inters war." Auf dem grün markierten Reifen, der für Mischbedingungen vorgesehen ist, habe er sich direkt "deutlich besser" gefühlt.

Das sei "definitiv" die richtige Wahl gewesen. "Da die Oberfläche so rutschig ist, ist es schwierig zu sagen, welche Mischung besser ist. Alles hat auf den Regenreifen hingedeutet - aber ich war mit den Inters deutlich besser dran. Das sieht man auch am Ergebnis."

Im Gegensatz zu Verstappen, der auf dem letzten Run auf dem Intermediate keinen Grip verspürte, kam der RP20 mit dem Reifen gut zurecht. Wie hat sich das Fahrgefühl verändert? "Ich hatte einfach so viel mehr Grip. Schon unmittelbar nachdem wir den Inter aufgezogen hatten, habe ich die Veränderung gespürt und konnte viel schneller fahren."

Teamchef: Das war nicht einfach nur Glück

Zum Vergleich: Seine schnellste Zeit im ersten Q3-Versuch auf dem Regenreifen war sechs Sekunden langsamer als die Pole-Zeit am Ende. Der Kanadier wird damit am Sonntag zum ersten Mal vom ersten Startplatz aus in ein Rennen gehen, erst zum zweiten Mal in seiner Karriere aus der ersten Startreihe.

Was erwartet er im Rennen am Sonntag? "Lasst mich erst mal eine Nacht drüber schlafen", schmunzelte er nach dem Zeittraining. Ist sogar der Sieg möglich? "Das ist eine große Aufgabe. Es wird davon abhängen, wie die Bedingungen aussehen werden."

Laut Wetterbericht können leichte Regenschauer auch zur Rennzeit nicht ausgeschlossen werden. "Ich habe gehört, dass es zum Start regnen könnte. Das könnte alles ein wenig durcheinanderwürfeln." Mit Verstappen hat er jedenfalls einen gefährlichen Gegner direkt neben sich in Reihe eins.

"Jetzt muss ich erst einmal das Qualifying verdauen. Das ist ein sehr spezieller Moment für mich. Die erste Pole-Position in der Formel 1", schwärmte Stroll. Der Kanadier konnte nach verkorksten Wochen endlich wieder ein kräftiges Lebenszeichen von sich geben.

"Die vergangenen Monate waren ein wilder Ritt für mich, seit Mugello." In der Toskana verunfallte er schwer, danach plagten ihn gesundheitliche Probleme, schließlich wurde er positiv auf das Coronavirus getestet. Danach sei er körperlich und mental nicht wieder in Höchstform gewesen, musste Racing Point feststellen.

"Ich konnte seit dem Podium in Monza keine Punkte einfahren, das war eine schwierige Phase mit den Zwischenfällen und Corona. Es ist so viel passiert. Dass ich so zurückschlagen konnte, ist wirklich besonders." Er sprach gar vom "größten Highlight" in seiner Karriere. Schon als Kind habe er davon geträumt.

"Das ist großartig, sehr verdient", freute sich auch Teamchef Otmar Szafnauer. "Man könnte sagen, dass er zu Saisonmitte sehr viel Pech hatte. Aber diesmal war es nicht nur Glück." Denn Stroll habe von sich aus entschieden, am Ende von Q3 auf Inters zu wechseln.

"Er hat die Reifen zum Arbeiten gebracht und die Pole-Position verdient", so der Teamchef. Beide Fahrer hätten einen "fantastischen Job" erledigt. "So schwierige Bedingungen habe ich noch nie gesehen. Auch ohne Wasser ist die neu asphaltierte Strecke sehr rutschig."

Stroll sei ruhig geblieben und habe gut mit der Boxenmauer kommuniziert. "Wir mussten vorhersehen, wann die Strecke am schnellsten sein würde. Und sicherstellen, dass wir zu dieser Zeit auf dem richtigen Reifen draußen sind. Das haben wir gut gemacht."

Mit Bildmaterial von Motorsport Images.