Lenkrad schief: "Katastrophales" Rennen beendet Bottas' WM-Traum

Stefan Ehlen
·Lesedauer: 5 Min.

"Es könnte das schwierigste Rennen meiner Formel-1-Laufbahn gewesen sein", sagt Valtteri Bottas. Zumindest lief der Türkei-Grand-Prix 2020 aus der Sicht des Mercedes-Fahrers überaus enttäuschend: Als Titelkandidat war Bottas angetreten, als 14. kreuzte er nach sechs Drehern die Ziellinie, überrundet von seinem Teamkollegen Lewis Hamilton, der noch dazu den WM-Titel perfekt machte.

Kein Wunder, dass Bottas nach diesem Rennen bedient ist. Er meint: "Es war eine Katastrophe für mich." Auf die explizite Nachfrage von 'Ziggo Sport', ob er den Tag am liebsten vergessen würde, sagte Bottas schlicht: "Ja, oder den Tag, an dem jemand in Wuhan eine Fledermaus gekauft hat!"

Dabei hatte sein Rennen von P9 kommend zunächst gut begonnen. "Die ersten 200 Meter liefen wirklich gut, sogar großartig", sagt Bottas. "Ab da aber befand ich mich im Hintertreffen."

Bottas unter Druck, und schon ...

Er habe einen enormen Druck verspürt, schließlich war er der einzige verbliebene WM-Rivale von Hamilton - und ihn musste er schlagen, um die Titelentscheidung zu vertagen.

"Mir war also klar: Wenn ich nicht rasch Fortschritte mache und das Rennen gewinne oder so, dann gibt es keine Chance mehr. Also habe ich es darauf ankommen lassen", erklärt Bottas. Er habe dann allerdings "zu viel gewollt", wie er meint.

Schon in Kurve 1 war Bottas in einen Zwischenfall verwickelt worden. Vor ihm drehte sich Renault-Mann Esteban Ocon von der Bahn. "Ich wich aus und drehte mich dann selbst", berichtet Bottas.

Der Unfall in Runde eins mit Ocon

Doch dabei blieb es nicht. "Alles lief schief in dieser ersten Runde", meint Bottas. "Ich hatte kurz darauf noch eine Kollision in Kurve 9." Der Unfallgegner: Ocon!

Bottas' Version der Ereignisse: "Ich hatte mich in Kurve 1 gedreht und war Letzter, holte aber rasch auf die Gruppe vor mir auf. In Kurve 8 hatte ich den Anschluss hergestellt und lag hinter den anderen Autos."

"Ich hatte die Chance auf ein Manöver in Kurve 9, dann aber verbremste ich mich, weil innen in Kurve 9 mehr Wasser stand. Die Sicht war auch ziemlich bescheiden." Prompt kam es zur Berührung. "Ich war natürlich gierig", sagt Bottas rückblickend, "vielleicht ein bisschen zu sehr. Ich traf den Renault und das wars."

Der Schaden am Bottas-Mercedes

Es war der zweite Dreher binnen nur weniger Kilometer, und ein kostspieliger noch dazu: "Nach der Berührung war das Auto nicht mehr dasselbe", sagt Bottas.

"Ich musste kämpfen, um auf der Strecke zu bleiben. Das Lenkrad stand schief und es fehlte ein Stück vom Frontflügel. Es ging nur noch ums Durchkommen, aber schön war es nicht."

Sein Mercedes W11 habe auf den Geraden "nach links" gezogen und sich auch in den Kurven nur schwer lenken lassen. Doch Bottas will nicht alles auf die Schäden am Fahrzeug schieben und meint: "Die ganzen Zwischenfälle, die ich hatte, so sollte es nicht sein. Es war ein schlechtes Rennen, eine Katastrophe."

Wolff nimmt Bottas in Schutz

"Ich habe natürlich maximal gepusht, weil ich heute nichts zu verlieren hatte. Dabei sind mir Fehler unterlaufen, und natürlich hat es auch der Schaden ziemlich schwierig gemacht."

Gratulation des Unterlegenen im Titelkampf an den alten und neuen Weltmeister

Gratulation des Unterlegenen im Titelkampf an den alten und neuen Weltmeister<span class="copyright">Motorsport Images</span>
Gratulation des Unterlegenen im Titelkampf an den alten und neuen WeltmeisterMotorsport Images

Motorsport Images

Mercedes-Sportchef Toto Wolff zeigt Verständnis: "Ich glaube, ihn hat zu schaffen gemacht, was viele andere Fahrer zu schaffen gemacht hat: Die Reifen befanden sich praktisch nie im richtigen Temperaturfenster."

"Max hat sich drei Mal gedreht, andere Gott weiß wie oft. Wenn du einmal in dieser Spirale drin bist, ist es unheimlich schwierig, sich mental wieder zu befreien. Heute ist bei ihm einfach alles zusammengekommen."

Wie schon in Imola ...

Schon in Imola hatte sich Bottas mit einem beschädigten Auto ins Ziel gerettet, aber wenigstens als Zweiter gepunktet. Dieses Mal ging er leer aus. "Das kann passieren, wenn du wirklich pushen musst", meint Bottas selbst.

"Andererseits gibt es für die kommenden Rennen keinen Druck. Schauen wir mal, ob das einen Unterschied macht. Ich freue mich auf diese Rennen, will gute Ergebnisse erzielen und mehr dazulernen. Am meisten aber freue ich mich auf nächstes Jahr."

Sofern Hamilton dann erneut für Mercedes antritt, dürfte es Bottas gegen den nun siebenmaligen Formel-1-Weltmeister wieder schwer haben. "Valtteri", sagt Wolff, "hat dieses Jahr ein paar wirklich gute Leistungen gezeigt, aber gegen Ende hin ist er abgefallen."

Hamilton-Sieg? Keine Überraschung für Bottas!

Er halte die Kombination Hamilton/Bottas dennoch sinnvoll, so meint der Teamchef. Wolff erklärt: "Wenn Lewis einen schlechten Tag hat, dann zieht es Valtteri durch, und andersherum. Valtteri hatte heute einen wirklich schlechten Tag und Lewis gewinnt das Rennen. Ich glaube, diese Kombination funktioniert echt gut für das Team."

Und dass Hamilton im Rennen glänzen würde, das kam selbst für Bottas nicht überraschend. "Mir war schon klar", meint er, "dass Lewis den Titel stilvoll gewinnen wollte. Er hatte ein gutes Rennen, ein richtig gutes Rennen ohne Fehler. Es war für ihn ein gutes Rennen, um den Titel zu gewinnen."

Er dagegen habe "so viele Fehler" gemacht. "Mit meinen Drehern und allem habe ich wer weiß wie viele Minuten in den Sand gesetzt." Immerhin: Bottas belegt weiter den zweiten Platz in der Formel-1-Fahrerwertung vor Red-Bull-Mann Max Verstappen.

Mit Bildmaterial von Motorsport Images.