Wie Rangnick Schalke in Rekordzeit verzauberte

Felix Kunkel
·Lesedauer: 5 Min.
Wie Rangnick Schalke in Rekordzeit verzauberte
Wie Rangnick Schalke in Rekordzeit verzauberte

Die Anzeichen verdichten sich, dass Ralf Rangnick erneut zum FC Schalke 04 zurückkehren könnte.

Es wäre seine dritte Amtszeit bei den Königsblauen - und gerade angesichts der aktuellen Krise und dem nach dem 0:5 in Wolfsburg mehr denn je drohenden Abstieg aus der Bundesliga schwelgen viele Schalke-Fans schon in Erinnerungen an das rauschende Frühjahr 2011, als Rangnick unter dem damals neuen Sportvorstand Horst Heldt zum zweiten Mal den Weg nach Gelsenkirchen gefunden hatte.

Der CHECK24 Doppelpass mit Friedhelm Funkel und Löw-Weggefährte Harald Stenger am Sonntag ab 11 Uhr im TV auf SPORT1

Am 21. März, knapp drei Monate nach Rangnicks Aus als Trainer bei der TSG Hoffenheim, bestätigte Schalke 04 damals den neuen Coach im Amt. Im letzten Drittel der Saison 2010/11 trat er die Nachfolge von Felix Magath an. Seine Aufgabe: den Klub nach schweren Zerwürfnissen unter Magath wieder in die richtige Spur führen.

Klingt auf den ersten Blick nach einer Parallele zur heutigen Situation, sportlich aber bewegte sich Schalke damals in ganz anderen Sphären: Als Vizemeister der Vorsaison war S04 sogar noch in der Champions League unterwegs und hatte mit Magath das Viertelfinale erreicht. Dort wartete nur zwei Wochen nach der Amtsübernahme des neuen Trainers Titelverteidiger Inter Mailand, der zuvor den FC Bayern ausgeschalten hatte.

Der folgende denkwürdige 5:2-Triumph der Schalker im Giuseppe-Meazza-Stadion ging in die Geschichtsbücher ein. Minutenlang feierten die Spieler nach Abpfiff losgelöst im fast leeren Stadion, die weitgereisten Anhänger jubelten ihnen zu.

Rangnicks Meisterleistung gegen Inter

Hauptverantwortlicher dieser Freudenbilder: der neue alte Trainer Ralf Rangnick. In wenigen Wochen hatte der Rückkehrer den verlorenen Spaß auf Schalke zurückgebracht und die Spieler mit einer taktischen Meisterleistung in eine neue spielerische Dimension geführt.

Die Schalker Kinderriegel-Abwehr wies an diesem Tag Inters Weltklasse-Angriff in die Schranken. Nicht nur defensiv glänzten die erst 19-jährigen Joel Matip und Kyriakos Papadopoulos, Erstgenannter erzielte mit seinem ersten Champions-League-Tor auch noch den wichtigen Treffer zum zwischenzeitlichen 1:1.

Aber auch in den anderen Mannschaftsteilen drehte Rangnick an den richtigen Stellschrauben. Ausgerechnet gegen den Triple-Gewinner und entgegen aller Erwartungen bot der stets angriffslustige Trainer fünf Offensivakteure auf. Alexander Baumjohann, der wie Hans Sarpei von Magath bereits in die zweite Mannschaft abgeschoben worden war, lief im offensiven Mittelfeld neben den quirligen Jefferson Farfán und José Manuel Jurado zur Höchstform auf.

"Wenn wir es schaffen, ins Halbfinale zu kommen, dann ist das sicherlich mein größter Trainertriumph", frohlockte Rangnick im Anschluss an den Ausnahmeerfolg. "Ich trinke jetzt erst mal in Ruhe ein, zwei Gläser Wein", erklärte er und ergänzte: "Roten. Denn bei weißem kann ich nicht gut schlafen." Schlafen konnte er sicher gut, denn das Rückspiel auf Schalke wurde zur Formsache, mit einem 2:1-Sieg erreichte S04 das Halbfinale.

Die ganz großen Königsklassen-Träume unter Rangnick platzten jedoch im Halbfinale: Hin- und Rückspiel addiert, verabschiedete sich Schalke gegen Manchester United mit 1:6 (0:2, 1:4) aus dem Wettbewerb. Dennoch bleibt das Erreichen der letzten vier Teams unter Rangnick bis heute der größte Erfolg der Schalker Vereinsgeschichte in der Königsklasse.

Mit Schalke zum ersten Trainertitel

Während Schalke in der verbleibenden Bundesliga-Saison kein Sieg mehr gelang, stand am Ende der Spielzeit noch das DFB-Pokalfinale gegen den MSV Duisburg an. Dieses hatte die Mannschaft noch unter der Führung von Felix Magath erreicht. Mit dem ungefährdeten 5:0-Erfolg in Berlin gewann Rangnick seinen ersten Titel auf nationaler Ebene.

Die folgende Spielzeit begann für Schalke mit einem weiteren Titel. Der Gewinn des Supercups gegen Rivale Borussia Dortmund stellte zugleich den zweiten nationalen Trainertitel Rangnicks in Folge dar.

Rangnick am Ende seiner Kraft

Im September 2011 dann die überraschende Nachricht: Nach 23 Pflichtspielen zog Rangnick wegen eines Burnouts die Reißleine und gab seinen Trainerposten bei Schalke auf.

Es war das zwischenzeitliche Ende einer Ausnahmekarriere, in der Rangnick ohne nennenswerte Erfahrung als Profispieler den Sprung auf die Trainerbank in der Bundesliga geschafft hatte.

"Mein derzeitiger Energielevel reicht nicht aus, um erfolgreich zu sein und insbesondere die Mannschaft und den Verein in ihrer sportlichen Entwicklung voranzubringen", erklärte Rangnick das Aus. In der Kabine der Knappen soll es sehr emotional zugegangen sein. Vor der Mannschaft sprach Rangnick davon, "keine Kraft mehr" zu haben. Kapitän Benedikt Höwedes gab zu Protokoll: "Der Trainer hat sehr ehrliche Worte gefunden. Das hat jeden tief getroffen."

Der damalige Aufsichtsratsvorsitzende Clemens Tönnies zeigte sich bestürzt: "Es tut mir unendlich leid, dass wir Ralf Rangnick jetzt verlieren. Wir müssen aber die Person und die Gesundheit über die Interessen des Vereins stellen. Es ist viel wichtiger, dass er wieder ganz gesund wird."

Auch über den Ruhrpott hinaus sorgte das Ende von Rangnicks Zeit bei Schalke 04 für Reaktionen. Bundestrainer Joachim Löw sprach von einer "mutigen und richtigen Entscheidung. Das zeugt auch von Stärke, wenn man spürt, dass der Akku leer ist und man das offen zugibt."

DAZN gratis testen und internationale Fußball-Highlights live & auf Abruf erleben | ANZEIGE

Der Mann, der immer alles für seinen Job gab und stets offensiven Power-Fußball predigte, hatte sich offenbar übernommen.

Im Sommer 2012 setzte Rangnick seine Karriere als Sportdirektor in Salzburg fort, arbeitete fortan acht Jahre lang erfolgreich im Red-Bull-Imperium.

Folgt nun die dritte Amtszeit auf Schalke?