Wer letzte Nacht am schlechtesten geschlafen hat

Christian Nimmervoll
motorsport.com

Liebe Leser,

eins gleich vorweg: Der Schwesternbeitrag "Wer letzte Nacht am besten geschlafen hat", der normalerweise parallel zu dieser Kolumne veröffentlicht wird, entfällt heute. Ersatzlos. Nach einem Wochenende, das den Tod eines Menschen in einem Autorennen gefordert hat, glauben wir nicht, dass irgendjemand gut schlafen konnte.

Wir möchten keinesfalls unsensibel sein; werden aber die Tragödie um Anthoine Hubert und Juan Manuel Correa in "Wer letzte Nacht am schlechtesten geschlafen hat" sonst nicht weiter thematisieren. In unserer News-Berichterstattung haben wir den erschütternden Formel-2-Unfall hinlänglich aufgearbeitet, und mein Kollege Jack Benyon hat einen ebenso persönlichen wie emotionalen Nachruf auf den jungen Franzosen, der am Samstag sein Leben verloren hat, verfasst.

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The Show must go on: So brutal das auch klingen mag, letztendlich ist es die Realität. Irgendwann lernt man, den Tod als Teil des Lebens zu akzeptieren. Was nicht heißen soll, dass man sich nicht bemühen sollte, die Sicherheit im Motorsport stetig zu verbessern. Aber es liegt diesmal kein Generalversagen der Verantwortlichen vor. Motorsport is dangerous. Das steht auf jeder Eintrittskarte, und das nicht ohne Grund.

Rein sportlich war für mich Sebastian Vettel eine der Enttäuschungen des Wochenendes. Er ist bereits zum vierten Mal in dieser Saison das Kernthema dieser Kolumne. Aber wenn der Teamkollege das Rennen gewinnt und man selbst mit fast einer halben Minute Rückstand Vierter wird, dann kann man nicht gut geschlafen haben.

 

War Spa schon die Wachablösung bei Ferrari? Nein!

Es spricht für Vettels Charakter, dass er kein Problem damit hatte, sich in den Dienst der Scuderia zu stellen, als es darum ging, Charles Leclerc nach dem ersten Boxenstopp überholen zu lassen. Für ihn war ohnehin nichts mehr zu holen, und bei inzwischen 99 Punkten Rückstand in der Fahrer-WM ist wohl auch das Thema endgültig erledigt.

Für viele war Spa ein Signal für eine Wachablösung bei Ferrari. Vettel hatte fünf Jahre lang Gelegenheit, den Durchbruch zu schaffen. Aus verschiedenen Gründen hat das bislang nicht geklappt. Er ist inzwischen 32. Das ist jung genug, um es noch zwei-, dreimal zu probieren. Aber genau wie sein großes Vorbild Michael Schumacher auf Ferrari Weltmeister zu werden, das ist nicht einfacher geworden.

Denn selbst wenn Ferrari auf die Beine kommen und 2020 aus eigener Kraft WM-fähig sein sollte, hat Vettel nun auch in den eigenen Reihen einen Gegner, der zunehmend unüberwindbar scheint. "Das Rennen heute ist wohl die endgültige Wachablösung bei Ferrari", schrieb mir ein Kollege während des Grand Prix von Belgien. Und: "Ich sehe nicht, wie Seb dieses Momentum dieses Jahr noch ändern kann."

Nun bin ich bei aller Euphorie um Leclercs besonders in Spa wirklich überragende Leistung (und zwar vom ersten Freien Training an) kein Fan davon, Vettel zu früh abzuschreiben. Ja, vielleicht hatte er in den letzten Qualifyings das Nachsehen, vielleicht wartet er noch auf den ersten Saisonsieg, vielleicht wirkte er zuletzt ein kleines bisschen wie eine Nummer 2.

 

2020er-Ferrari: Schlimmer kann's nicht werden ...

Aber in der Punktetabelle, und darauf kommt es letztendlich an, steht's im Ferrari-Stallduell immer noch 169:157. Zugegeben, Leclerc könnte auch schon vor ihm sein, wenn ein paar Rennen ein bisschen weniger unglücklich für ihn gelaufen wären. Aber Vettel hat sich 2019 auch schon die eine oder andere Dummheit geleistet und damit Punkte liegen gelassen.

Was Vettel viel mehr Gedanken machen sollte als Leclerc, ist die technische Ausrichtung des Ferrari-Teams. Das aerodynamische Konzept des SF90 ist Gift für seinen Fahrstil, wie Nico Rosberg unlängst leicht verständlich für jedermann erklärt hat. Ich bin geneigt, mich Nicos Einschätzung anzuschließen. Wenn Ferrari das in den Griff bekommt, wird Vettel auch wieder gewinnen.

Die Frage ist: Setzt Ferrari in den nächsten Jahren eher auf die Karte Leclerc oder eher auf die Karte Vettel? Man könnte es Mattia Binotto nicht übelnehmen, sollte er insgeheim schon der Jugend den Vorzug geben. Aber mit dem aktuellen Aero-Konzept ist im Hinblick auf die WM kein Blumentopf zu gewinnen. Das weiß man bei Ferrari. Und hilft Vettel.

Damit wir uns nicht falsch verstehen: Der Sebastian Vettel von 2019 ist im Vergleich zu Leclerc auf dem absteigenden Ast. Er macht Fehler, ist zu langsam, hat nicht das Format eines viermaligen Weltmeisters. Aber das wird sich ändern, wenn der Ferrari kein Gift mehr ist für seinen persönlichen Fahrstil. Und das wird hoffentlich schon 2020 der Fall sein!

Christian Nimmervoll
Christian Nimmervoll

P.S.: "Wer letzte Nacht am schlechtesten geschlafen hat" fand jahrelang jeden Montag auf unseren Portalen Formel1.de und Motorsport-Total.com statt. 2019 ist sie umgezogen zu de.motorsport.com. Auf unseren Schwesterportalen erfahren Sie stattdessen, "Wer letzte Nacht am besten geschlafen hat". Aufgrund der tragischen Folgen des Formel-2-Unfalls in Spa entfällt die Kolumne diese Woche.

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