Wer letzte Nacht am schlechtesten geschlafen hat: Valtteri Bottas

Stefan Ehlen
·Lesedauer: 4 Min.

Liebe Leser,

das war gar nichts, und das weiß er auch selbst. Nicht umsonst hat Valtteri Bottas sein Rennen in Istanbul schlicht als "Katastrophe" bezeichnet. Und das ist keine Übertreibung: Er hat sich beim Türkei-Grand-Prix gleich sechs Mal gedreht.

Manches davon passiert bei derart rutschigen Bedingungen, wie die Szene direkt nach dem Start, als er einfach nur dem Renault von Esteban Ocon ausweichen wollte und selbst einen Dreher hinlegte.

Aber: Bei seiner versuchten Aufholjagd im Anschluss an die Startpanne hat sich Bottas nicht besonders gut angestellt, wie die Kollision mit Ocon in Kurve 9 beweist. Das Manöver war von so weit hinten mindestens optimistisch, wahrscheinlich sogar plump. Und es steht in krassem Kontrast zum Vorgehen von Lewis Hamilton.

Fairer Verlierer: Bottas gratuliert Hamilton zu Sieg und Titel

Fairer Verlierer: Bottas gratuliert Hamilton zu Sieg und Titel<span class="copyright">Andy Hone / Motorsport Images</span>
Fairer Verlierer: Bottas gratuliert Hamilton zu Sieg und TitelAndy Hone / Motorsport Images

Andy Hone / Motorsport Images

Das ist übrigens eine Erkenntnis, die selbst Mercedes-Sportchef Toto Wolff in ähnlicher Form vertritt. Er sagte nach dem Türkei-Grand-Prix, und man achte auf die Wortwahl: "Valtteri hat dieses Jahr ein paar wirklich gute Leistungen gezeigt, aber gegen Ende hin ist er abgefallen."

"Ein paar wirklich gute Leistungen", das trifft es ziemlich gut. Wie der Sieg beim Auftakt in Spielberg oder seine Pole-Positions in Silverstone, am Nürburgring oder in Imola. Das waren punktuelle Spitzen, die er gegen Hamilton gesetzt hat, aber nicht ausreichend viele, um ernsthaft Gegenwehr im Titelkampf zu leisten.

Nochmals Wolff: "Ich mag Valtteri und Lewis. […] Wenn Lewis einen schlechten Tag hat, dann zieht es Valtteri durch, und andersherum. Valtteri hatte [in Istanbul] einen wirklich schlechten Tag und Lewis gewinnt das Rennen. Ich glaube, diese Kombination funktioniert echt gut für das Team."

Das Problem dabei aus Bottas-Sicht: Hamilton hat zu wenige dieser "schlechten Tage", als dass Bottas dies nutzen könnte. Und so steht er bei Mercedes in der zweiten Reihe, wenngleich er gelegentlich mal aufzeigt, aber nie aufmuckt. Kurzum: Der ideale Flügelmann für Hamilton, den Titelsammler.

Valtteri Bottas bei Mercedes: Geschätzter Flügelmann, aber kein echter Titelkandidat

Valtteri Bottas bei Mercedes: Geschätzter Flügelmann, aber kein echter Titelkandidat<span class="copyright">Steve Etherington / Motorsport Images</span>
Valtteri Bottas bei Mercedes: Geschätzter Flügelmann, aber kein echter TitelkandidatSteve Etherington / Motorsport Images

Steve Etherington / Motorsport Images

In Istanbul jedenfalls lief für Bottas gar nichts zusammen. Natürlich: Nach dem Dreher gleich zu Beginn und der hemdsärmeligen Kollision mit Ocon war das Rennen für ihn eh gelaufen.

Bottas wusste: Alles andere als der Sieg würde ihm praktisch nicht helfen, um sich weiter im Titelkampf zu halten. Da kann man ihm das Mehr an Risiko schier nicht übelnehmen. Er hat es probiert, es sollte nicht sein, es kam immer noch dicker. Die Überrundung durch Hamilton in Runde 45 war dann der negative Höhepunkt.

Und nächstes Jahr? Da blüht Bottas ein ähnliches Schicksal, sollte Hamilton wie erwartet erneut bei Mercedes unterschreiben. Und wenn nicht, dann wird sich Bottas gehörig strecken müssen gegen einen Max Verstappen im Red Bull, der sich mit ihm in den noch ausstehenden drei Rennen 2020 um den Titel "Best of the Rest" streiten darf.

Bottas ist eben kein Überflieger in der Formel 1. Das hat aber nicht erst der Türkei-Grand-Prix 2020 gezeigt (in dem auch noch einige andere prominente Fahrer Federn gelassen haben!), sondern seine bisherige Form an der Seite von Hamilton seit 2017. Unterm Strich reicht es damit einfach nicht gegen den besten Fahrer seiner Zeit.

Mit dieser Erkenntnis dürfte Bottas keine allzu ruhige Nacht verbracht haben. Und ich wage auch zu behaupten: Es war weder seine erste unruhige Nacht seit 2017, noch war es die letzte in seiner Mercedes-Zeit.

Ihr
Stefan Ehlen

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