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Der Leuchtturm im deutschen EM-Chaos

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Der Leuchtturm im deutschen EM-Chaos
Der Leuchtturm im deutschen EM-Chaos

Das Corona-Chaos rund um die deutsche Nationalmannschaft bei der Handball-EM will einfach nicht enden.

Seit Mittwoch steht fest, dass sich drei weitere Spieler infiziert haben. Gedanken um einen Rückzug vom Turnier wurden immer lauter, dass das heutige Spiel gegen Spanien überhaupt wie geplant stattfindet, wurde erst im Lauf des Tages endgültig klar. (DATEN: Spielplan und Ergebnisse der Handball-EM)

Bundestrainer Alfred Gislason ist bislang von einer Infektion in der Slowakei verschont geblieben - und macht angesichts des Wahnsinns einen erstaunlich entspannten Eindruck. (DATEN Tabellen der Handball-EM)

Geht er mit der Situation aber wirklich so gelassen um oder lässt sich der Isländer die negative Stimmung nur nicht anmerken? SPORT1 hat bei einem Mann nachgefragt, der es wissen muss. (NEWS: Alles Wichtige zum Handball)

Frank Michael Wahl war Anfang der 1990er Jahre Co-Trainer unter Gislason beim VfL Hameln. Der deutsche Rekordnationalspieler, der für die DDR 331 und anschließend für die Bundesrepublik noch einmal 31 Länderspiele absolvierte, spricht im Interview über Gislason, den Trainer und Menschen. (Die Handball-EM im LIVETICKER)

SPORT1: Herr Wahl, wie würden Sie den Handball-Trainer Alfred Gislason beschreiben?

Frank Michael Wahl: Alfred ist sicher einer der verrückten Trainer-Vertreter - handballverrückt. Er lebt Handball von morgens bis abends, auch zu meiner Zeit, als ich mit ihm zusammenarbeiten durfte. Er ist sehr akribisch in seiner Einstellung und Vorbereitung auf den Gegner, das macht er rund um die Uhr - schon damals, als er sicher noch ein Stück unerfahrener war als Neueinsteiger. Er hat sich dann über die Jahre zu einem echten Spitzentrainer entwickelt, der abgeklärt und routiniert geworden ist. Heute wirkt er viel ruhiger als früher. Aber das ist als junger Trainer auch ganz verständlich, dass man mit gewissen Situationen etwas forscher umgeht. Die Ruhe und Gelassenheit spürt man auch bei dieser EM, er wirkt auf die Truppe insgesamt sanfter. Er ist mit allen Wassern gewaschen. Auch unsere Zusammenarbeit damals war ein tolles Erlebnis, wir waren ja beide verhältnismäßig jung und haben uns gut ergänzt. Ich gönne ihm seine Entwicklung, weil er auch vom Menschlichen her ein ganz sauberer Typ ist, man kann mit ihm sehr gut umgehen.

SPORT1: Auf die Außenstehenden wirkt er gar nicht so viel ruhiger, als er es früher war...

Wahl: Es ist so, besonders in den Auszeiten. Er wirkt heute auf die Mannschaft viel ausgeglichener, viel ruhiger und lässt alle Spieler in dieser Konstellation mitunter auch die Auszeit spielen. Er lässt auch Gedanken eines Führungsspielers wie Philipp Weber einfließen. Das war damals in dieser Konstellation nicht so. Als Trainer will man immer etwas vorgeben und die Mannschaft die eigenen Ideen umsetzen lassen, das ist heute ein bisschen anders. Gerade in taktischen Dingen lässt er die Führungsspieler zu Wort kommen, das gefällt mir sehr gut. Insgesamt brodelt es aber in ihm, das sieht man auch in den Zeitlupen - ob beim Wurf oder Deckungsarbeit, er lebt mit seiner Mimik und Gestik mit. Manchmal wirkt es, als ob er selbst noch auf der Fläche mitwirkt. Das spricht für ihn. Der Vulkan in ihm ist längst noch nicht erloschen, das Feuer brennt nach wie vor in ihm.

SPORT1: Sie haben die Auszeiten angesprochen. Manchmal versteht man als Außenstehender nicht viel von dem, was er in der Auszeit sagt. Meinen Sie, die Spieler verstehen alles, oder kommt es darauf vielleicht gar nicht immer an?

Wahl: So würde ich das sehen. Man muss ihn als Typ kennen. Die Mannschaft weiß, dass er in seiner Art und Weise dazu tendiert, auch mal ein bisschen lauter zu werden. Dann geht er gerne mal mit den Spielern auf Tuchfühlung, unterbricht auch mal in einer schlechten Phase. Aber grundsätzlich wissen die Spieler, was er meint. Oft weist er auch nur in ganz kurzen Sequenzen auf etwas hin, und mehr kannst du den Leuten auch nicht auf den Weg geben. Er macht dann auch gerne mal am Tonfall klar, dass ihm etwas nicht gefällt. Gegen Belarus und Österreich hat er sich in den Anfangsphasen die Auszeiten genommen, um den Jungs Mut zuzusprechen, als sie nicht so gut reingekommen sind. Dabei ist er aber sehr ruhig geblieben.

SPORT1: Wie findet er die richtigen Worte vor so einem Spiel gegen Polen mit den vielen Nachnominierten? Wie geht er in so einer Extremsituation vor?

Wahl: Erst einmal hat mir die Zusammenstellung der Mannschaft sehr gut gefallen. Er hat das Beste nominiert, was wir momentan an deutschen Spielern in der Bundesliga zur Verfügung haben. Da ist er selbst in die 2. Liga gegangen, hat sich Julian Köster vom VfL Gummersbach angesehen und sich schlau gemacht. Neben gestandenen Spielern wie Kai Häfner, Julius Kühn und Philipp Weber, die schon einige Höhepunkte mitgemacht haben, hat er auch junge Spieler mitgenommen, die noch hungrig sind und noch nichts gewonnen haben. Die wollen sich auf der internationalen Bühne zeige, das ist ein Vorteil für den Trainer. Dann liefern so junge Spieler, wie Julian Köster gegen Polen, auch mal solche überragenden Leistungen ab. Das ist nicht einfach so aus dem Ärmel geschüttelt, sondern dazu gehört eine gute Vorbereitung und Kommunikation.

SPORT1: Gegen Polen hatte es den Anschein, als wären die Ausfälle zwar bitter und kurzfristig, aber nicht komplett überraschend. Es wirkte, als habe Gislason das schon kommen sehen und die Leute, auf die es dann ankam, gut vorbereitet.

Wahl: Das Vertrauen muss man sicher jedem Spieler, der mit zum Kaderkreis gehört, auf den Weg geben. Dass nun doch so viele Ausfälle zu verzeichnen sind, hat auch Gislason nicht erwartet, glaube ich. Wenn man die Spiele Revue passieren lässt, hat man schon gesehen, was sein Stamm ist - mit Schiller, Kastening, Häfner, Kühn, Weber in der Mitte, Golla und Wiencek am Kreis. Die haben schon die meiste Zeit gespielt, neben dem Torhüter-Duo Klimpke und Wolff. Die anderen sind, ohne abwertend zu klingen, mehr oder weniger Ergänzungsspieler. Dass so eine Situation auftritt, wird ihm schon Kopfzerbrechen und manch schlaflose Nacht bereitet haben, weil man nicht weiß, wie es weiter geht. Gibt es weitere Ausfälle? Kommen die Spieler aus der Quarantäne schnell wieder zurück? Wie sehr sind sie körperlich angeschlagen? Das weiß ich als Trainer alles nicht. Ich fand es toll, dass Spieler wie Paul Drux, Fabian Wiede und Johannes Bitter dann sofort bereitstanden und der deutschen Nationalmannschaft helfen wollten.

SPORT1: Es spricht ja auch für Gislason, dass die Spieler seinem Ruf direkt folgen, oder?

Wahl: Richtig. Hier hat man, trotz aller Diskussionen im Vorfeld um die Absage des einen oder anderen Stars gesehen, dass, wenn wirklich Not am Mann ist, auch der Letzte zur Nationalmannschaft steht. Es hat gezeigt, dass die Nationalmannschaft doch einen höheren Stellenwert besitzt, als es durch die jüngsten Diskussionen den Anschein erweckt hat. Aber das sind dann auch nicht irgendwelche Spieler. Lukas Zerbe beispielsweise ist Stammspieler in einer der besten Ligen der Welt bei Lemgo und hat gegen Polen auch auf diesem internationalen Parkett versucht, seine Möglichkeiten optimal abzurufen. Das ist nicht selbstverständlich. Ähnliches gilt für Sebastian Heymann und Christoph Steinert, die in ihren Vereinen auch schon Top-Leistungen abgeliefert haben und auch bei dieser EM überzeugen. Was die hier abliefern, erfreut einen. Das hat niemand, auch nicht Alfred, so erwartet.

SPORT1: Was kann Alfred Gislason jetzt noch erschüttern?

Wahl: Im Prinzip kann Alfred jetzt nichts mehr erschüttern. Er hat gesehen, dass die Mannschaft auch gegen eine zugegebenermaßen geschwächte polnische Mannschaft bestehen kann. Was dann kommt, muss man abwarten. Alfred darf jetzt auch keinem wehtun. Das ist die Schwierigkeit jetzt, wieder eine gute Struktur in die Mannschaft zu bringen und ein gutes Gefühl dafür zu entwickeln, in der Aufstellung die richtigen Entscheidungen zu treffen.

SPORT1: Gegen Spanien hat die Mannschaft nicht viel zu verlieren, oder?

Wahl: Naja, jetzt haben die sich natürlich nach der enttäuschenden WM im letzten Jahr wieder ein paar Sympathien zurückgeholt. Im Vorfeld wurde viel von Umstrukturierung gesprochen, aber es sind immer noch gestandene Spieler mit gehobener internationaler Klasse im Team. Da muss man sich nicht verstecken oder jammern, sondern darf ruhig sagen, dass man jetzt wieder die Weltspitze erreichen möchte. Da muss man der Mannschaft auch das Vertrauen geben und sagen: Das ist das Beste, was wir momentan in Deutschland haben. Selbst die zweite Reihe funktioniert, und jetzt geht es darum, in der Zwischenrunde so viele Punkte wie möglich zu sammeln. Da warten noch hochkarätige Teams, und die muss man noch aus dem Weg räumen. Und trotz allem, was hier passiert: Die deutsche Mannschaft ist dazu in der Lage.

Alles zur Handball-EM 2022 auf SPORT1:


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