Lewis Hamilton: Was er seinem 22-jährigen Ich heute raten würde

Juliane Ziegengeist
motorsport.com

In dieser Formel-1-Saison hat Mercedes-Pilot Lewis Hamilton die Chance, seinen insgesamt siebten Titel in der Königsklasse einzufahren und mit Rekordchampion Michael Schumacher gleichzuziehen. Eine Erwartungshaltung, die vor allem von außen an ihn herangetragen wird und mit gewissem Druck verbunden ist.

Doch mit den Jahren, die Hamilton schon in der Formel 1 aktiv ist, hat er damit umzugehen gelernt. "Die Sorge darüber, das andere denken, wie sie dich beurteilen, hat mir früher oft die Freude genommen", gibt der 35-Jährige in einer Gesprächsrunde von 'HPE Discover 2020' zu, an der auch weitere Spitzensportler teilnahmen.

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Heute könne er das ausblenden. "Worauf es ankommt, ist, an sich selbst zu glauben, da raus zu gehen und es zu genießen, während man sein Bestes gibt. Sobald ich das begriffen und gelebt hatte, begann meine erfolgreichste Zeit in meiner Karriere", sagt Hamilton, der mit Mercedes in sechs Jahren fünf WM-Titel holte.

"Wollte das Geld meines Vaters nicht verschwenden"

"Natürlich ist auch der Druck von außen groß, aber nichts im Vergleich zu dem Verlangen, das man innerlich spürt. Ich persönlich versuche, mir genau das zu bewahren und auf die richtige Weise zu kontrollieren. Das ist die Hauptsache, denn jeder kann trainieren, sich fit halten, aber der Verstand ist der stärkste Muskel, den wir haben."

Das erste Mal echten Druck verspürt, hat der Brite schon sehr früh. "Als ich mit dem Kartfahren anfing", erinnert er sich. "Mein Dad arbeitete hart, damit wir ein Dach über dem Kopf haben, und versuchte dazu noch, unsere Rennsportleidenschaft zu finanzieren. Das erzeugte natürlich Druck, ich wollte sein Geld nicht verschwenden."

Mit dem Sprung in die Formel 1 ging für Hamilton 2007 ein Traum in Erfüllung. Doch wirklich genießen konnte er diesen zu Beginn nicht. "Als ich jünger war, war ich sehr, sehr hart zu mir selbst. Ich war viel zu hart zu mir selbst, vor allem wenn ich versagt habe. Ich habe mich fast selbst bestraft", blickt der Weltmeister zurück.

Hamilton gesteht: "Konnte ersten Titel nicht genießen"

"Es war eine sehr, sehr unproduktive Sache, aber ich habe es so viele Jahre lang getan, dass es wirklich schwer war, aus dieser Denkweise herauszukommen. Erst im Laufe der Jahre habe ich gelernt, die Freude zu finden. Das Wichtigste ist, Freude an dem zu haben, was man tut. Sich selbst zu quälen endet damit, negativ zu sein."

Diesen Rat würde er heute seinem 22-jährigen Ich geben, "auch wenn es nicht auf mich gehört hätte", gibt er zu. "Ich war einfach zu stur. Hätte ich damals gewusst, was ich heute weiß, hätte ich möglicherweise mehr Meisterschaften gewonnen, wäre aber auf jeden Fall glücklicher gewesen", hält der Mercedes-Pilot fest.

2008 gelang Hamilton mit McLaren-Mercedes sein erste Titelgewinn

2008 gelang Hamilton mit McLaren-Mercedes sein erste Titelgewinn <span class="copyright">Motorsport Images</span>
2008 gelang Hamilton mit McLaren-Mercedes sein erste Titelgewinn Motorsport Images

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Denn: "Als ich meine erste Meisterschaft gewann, habe ich das nicht wirklich genossen. Es ist irgendwie traurig. Erst später in meiner Karriere, als ich eine weitere Meisterschaft gewann, konnte ich sie mehr genießen, mich in mir selbst wohler fühlen. Man sollte es fließen lassen und nicht versuchen, alles zu kontrollieren."

Zusammenarbeit mit dem Team als wichtiger Antrieb

So könne er auch mit Niederlagen besser umgehen als früher, sagt der Brite. "Wenn ich zurückblicke, war keine meiner Saisons perfekt. Aber Fakt ist doch, dass man viel mehr lernt, wenn man scheitert. Es tut weh, aber das sind die Zeiten, in denen man am meisten wächst. Ich bin jetzt 35 und will immer noch besser werden."

Dazu spornt ihn auch sein Team bei Mercedes an. Fast 2000 Leute arbeiten hinter den Kulissen am Formel-1-Erfolg mit. "Das bedeutet naturgemäß, dass viel Druck auf deinen Schultern lastet, insbesondere wenn du das letzte Puzzleteil bist, um es vollständig zu machen und über die Ziellinie zu bringen", räumt Hamilton ein.

"Im Team zu arbeiten, bedeutet aber auch, sich gegenseitig zu pushen und Halt zu geben. Ich arbeite mit Ingenieuren zusammen, die aus Harvard und Oxford kommen. Das hätte ich, der immer Probleme in der Schule hatte, mir nie vorstellen können. Sie treiben mich zu Höchstleistungen an, die ich nie für möglich gehalten hätte."

Mit Bildmaterial von Motorsport Images.

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