Wie Lewis Hamilton Toto Wolff den Alltags-Rassismus erklärt hat

Christian Nimmervoll
motorsport.com

Lewis Hamilton hat auf Instagram ein weiteres Statement zum Thema Rassismus veröffentlicht, das in den Medien und unter seinen Followern derzeit hohe Wellen schlägt. In dem Posting gesteht der sechsmalige Weltmeister ein, dass er sich nach den Ereignissen um den Tod des farbigen Mannes George Floyd durch Polizeigewalt in Minneapolis "von Wut übermannt" fühlt und das Thema ihn seit Tagen emotional sehr stark berührt.

Hamilton steht mit seinen Äußerungen an vorderster Front der weltweiten BlackLivesMatter-Bewegung, die sich seit Tagen sehr medienpräsent gegen Rassismus stellt. Die vergangenen Tage seien "dunkel" gewesen, räumt er nun ein, und es sei ihm nicht gelungen, "meine Emotionen im Zaum zu halten".

"Ich habe so viel Zorn und so viel Traurigkeit gefühlt und konnte nicht glauben, was meine Augen gesehen hatten. Angesichts so unverfrorener Missachtung von Menschenleben wurde ich komplett von Wut übermannt. Die Ungerechtigkeit, die unsere Brüder und Schwestern auf der ganzen Welt immer wieder erfahren, ist entsetzlich und MUSS aufhören."

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Er sei als farbiger Mann nicht schuldig geboren, schreibt Hamilton, und betont, dass ihn die jüngsten Rassismus-Vorfälle nicht überrascht haben: "Will Smith", erwähnt er seinen Hollywood-Kumpel, "hat es am besten beschrieben: Der Rassismus ist nicht schlimmer geworden. Der Unterschied ist nur, dass er jetzt gefilmt wird." Mit Handykameras, wie im Fall von George Floyd.

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This past week has been so dark. I have failed to keep hold of my emotions. I have felt so much anger, sadness and disbelief in what my eyes have seen. I am completely overcome with rage at the sight of such blatant disregard for the lives of our people. The injustice that we are seeing our brothers and sisters face all over the world time and time again is disgusting, and MUST stop. So many people seem surprised, but to us unfortunately, it is not surprising. Those of us who are black, brown or in between, see it everyday and should not have to feel as though we were born guilty, don’t belong, or fear for our lives based on the colour of our skin. Will Smith said it best, racism is not getting worse, it’s being filmed. Only now that the world is so well equipped with cameras has this issue been able to come to light in such a big way. It is only when there are riots and screams for justice that the powers that be cave in and do something, but by then it is far too late and not enough has been done. It took hundreds of thousands of peoples complaints and buildings to burn before officials reacted and decided to arrest Derek Chauvin for murder, and that is sad. Unfortunately, America is not the only place where racism lives and we continue to fail as humans when we cannot stand up for what is right. Please do not sit in silence, no matter the colour of your skin. Black Lives Matter. #blackouttuesday ✊🏽

A post shared by Lewis Hamilton (@lewishamilton) on Jun 2, 2020 at 9:45am PDT

Hamilton fordert mehr Menschen zum Protest auf

Dass es die Proteste hunderttausender Menschen und brennende Gebäude gebraucht hat, bevor der beschuldigte Polizist Derek Chauvin wegen Mordes verhaftet wurde, findet Hamilton "traurig". Er sagt: "Leider ist Amerika nicht der einzige Ort, an dem es Rassismus gibt." Und er appelliert: "Wir versagen als Menschen, wenn wir nicht dafür aufstehen, das Richtige zu tun."

Hamilton ist der erste farbige Weltmeister der Formel 1 und setzt sich als solcher seit Jahren für gesellschaftlich relevante Themen wie Umweltschutz und Klimawandel ein. Beim Thema Rassismus positioniert er sich besonders lautstark, polarisiert damit und schafft Bewusstsein.

Seine vorbildliche Haltung gegen Rassismus und für Toleranz und sein Aufruf, es sei eine Schande, wenn dazu heute noch jemand schweigt, hat in der Formel 1 eine ganze Reihe an Social-Media-Postings von verschiedenen Beteiligten ermutigt. Ein Verhalten, das von Mercedes-Teamchef Toto Wolff unterstützt wird: "Wir wissen, dass Lewis Minderheiten schon immer unterstützt hat."

Warum Weiße den Alltags-Rassismus oft nicht erkennen

Wolff gibt zu: "Ich habe da viel von ihm gelernt. Er hat mich einmal gefragt: 'Toto, hast du je aktiv darüber nachgedacht, dass du weiß bist?' Und ich habe geantwortet: 'Nein, habe ich nicht.'" Darauf Hamilton: "Weißt du, ich muss jeden Tag über meine Hautfarbe nachdenken, weil ich jeden Tag darauf aufmerksam gemacht werde."

Eine Unterhaltung, die bei Wolff ein Bewusstsein geschürt hat, das er davor nicht hatte. Er gibt zu: "Es ist aus unserer Sicht sehr schwierig, sich wirklich vorzustellen, wie schwierig das ist. Daher bin ich sehr froh darüber und unterstütze das auch, dass er sich zu dem Thema so stark äußert. Er ist einer der Botschafter dieses Sports, und was er da macht, ist gut."

"Ich hatte das große Glück, in einem Haushalt mit unterschiedlichen Nationalitäten aufgewachsen zu sein. Ich lebte lange bei einer jüdischen Familie, als es meiner Familie nicht so gut ging. Da konnte ich schon als Kind miterleben, was es bedeutet, diskriminiert zu werden. Wir alle können etwas dazu beitragen, Veränderung herbeizuführen. Manchmal braucht es leider Ereignisse wie jenes in den USA, um eine Welle der Unterstützung für eine Minderheit zu triggern."

"Es ist gut, dass Lewis als Superstar in dieser Bewegung ganz vorne ist, als einer, der aus einem von Weißen dominierten Sport kommt", sagt Wolff und betont: "Ich finde, jeder von uns sollte sich dieser Bewegung anschließen, damit solche schrecklichen Dinge nicht mehr passieren. Wir als Team fördern Diversität. Wir wählen unsere Mitarbeiter nur nach Leistung und nicht nach Kultur, Religion oder Hautfarbe aus."

Weitere Co-Autoren: Adam Cooper. Mit Bildmaterial von Laureus.

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