Ligue 1: Thomas Meuniers Geschichte: Vom Postboten zum BVB-Star

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Mit 15 will er aufhören, eine Rabona bringt ihn zu Brügge und mit 19 muss er noch in Nebenjobs ackern. Die verrückte Karriere von Thomas Meunier.
Mit 15 will er aufhören, eine Rabona bringt ihn zu Brügge und mit 19 muss er noch in Nebenjobs ackern. Die verrückte Karriere von Thomas Meunier.

Mit 15 will er aufhören, eine Rabona bringt ihn zu Brügge und mit 19 muss er noch in Nebenjobs ackern - die Karriere von Thomas Meunier lässt sich nur als verrückt bezeichnen.

Seite 1: Meuniers Karrierebeginn, das Beinahe-Aus mit 15 und sein Weg zurück

Entschlossen griff Mama Meunier an jenem Tag zum Telefonhörer. Irgendwo tief in ihrem Inneren wusste sie offenbar, dass sie das jetzt tun muss. "Ich hätte eigentlich erwartet, dass meine Mutter verständnisvoller sein würde. Aber das war sie nicht", schreibt Thomas Meunier, heute PSG- und bald BVB-Star, in seinem Beitrag für The Players' Tribune.

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Er war 15 damals - und hatte mit Fußball eigentlich schon abgeschlossen. "Ich sagte meinen Eltern, dass ich aufhören werde. Ich habe die Leidenschaft einfach nicht mehr gespürt. Mein Traum war gestorben", sagt Meunier. Sein Jugendtrainer hatte ihm gerade mitgeteilt, dass es für ihn bei Standard Lüttich nicht mehr weitergeht. Dass sein Niveau nicht ausreiche, um weiterhin bei einer der Top-Adressen im belgischen Fußball ausgebildet zu werden. Das Kapitel Standard war nach zwei Jahren beendet.

Doch von vorne. Meunier wächst in Sainte-Ode auf, einem 2000-Einwohner-Örtchen im Süden Belgiens, unweit der Grenze zu Luxemburg. "Man ging zur Schule, spielte Fußball, vielleicht noch ein bisschen Fitness. Viel mehr konnte man dort nicht machen", erklärt Meunier. Fußball spielt er ausschließlich aus Spaß an der Freude im Dorfklub, sein Vater sieht das aber schon immer etwas anders.

Meunier senior war ambitionierter Amateurkicker, für den Profibereich sollte es jedoch nie reichen. Umso mehr setzt er auf die Karte Thomas, will, dass zumindest sein Sohn es im Fußball zu etwas bringt. "Er kam immer mit zum Training und trieb mich an, besser zu werden. Wenn ich nicht gehen wollte, erzählte er mir was."

Als sich Meuniers Eltern trennen, wird die Beziehung zum Vater noch komplizierter. Gemeinsam mit seiner Schwester lebt er nun bei seiner Mutter, die hat zeitweise drei Jobs, um die Familie irgendwie über Wasser zu halten. "Sie tat alles dafür, damit wir immer etwas im Kühlschrank hatten", sagt Meunier.

Ein Jahr nach der Trennung seiner Eltern, mit 13, erhält er ein Angebot von Standard Lütttich, zögert zuerst und nimmt es trotz der weiten Entfernung zu seinem Heimatdorf dann doch an. Er zieht nach Lüttich, geht nahe der Akademie zur Schule, ist aber nie einer der Überflieger. Immer gibt es Andere, die vermeintlich mehr Talent haben. "Heute verdient von denen aber keiner sein Geld mit Fußball", sagt Meunier inzwischen. Nicht ohne ein bisschen Genugtuung.

Thomas Meunier: Rauswurf bei Standard? "Für mich war das keine Katastrophe"

Nach zwei Jahren bei Standard endet der Traum mit der Mitteilung seines Coaches dann abrupt. "Das klingt vielleicht komisch, aber für mich war das damals keine Katastrophe. Es war ja nicht so, dass Fußball meine einzige Freude im Leben war", erzählt Meunier. Seine Großmutter bringt ihm schon damals das Interesse an Kunst näher, ein Faible, das sich der Rechtsverteidiger bis heute bewahrt hat. "Fußball ist mein Beruf. Und die Kunst die Leidenschaft, der ich mich danach widme", sagte er vergangenes Jahr im Interview mit Bozar.

Viel größer als bei ihm selbst saß die Enttäuschung seinerzeit bei Meuniers Vater. "Wir redeten nicht mehr über Fußball. Und das war ein Problem, weil Fußball ja unser Leben war. Er war so enttäuscht. Als mein Traum zerstört wurde, wurde auch seiner zerstört", erklärt er. Dennoch ist es nicht der Papa, sondern die Mutter des heute 40-fachen belgischen Nationalspielers, die ihren Sohn davon abhält, aufzuhören.

Sie ruft einen Trainer von Royal Virton an, einem kleineren Klub in der Nähe von Sainte-Ode. "Sie sagte: 'Mein Sohn war bei Standard Lüttich, da haben sie ihn rausgeworfen. Kann er zum Probetraining kommen? Er ist sehr gut, ich verspreche es'", erinnert sich Meunier. "Ich denke, sie sah etwas in mir. Ich selbst war vielleicht schon so daran gewöhnt, Fußball zu spielen, dass ich noch nicht begriffen hatte, wie wichtig es für mich ist."

Meunier spielte also bei Virton vor, überzeugte und wurde in den Nachwuchs aufgenommen. Allzu viel erhoffte er sich davon allerdings nicht. "Virton war in der dritten Liga, die Jungs aus der ersten Mannschaft verdienten vielleicht 400 Euro im Monat. Nicht mal genug, um davon zu leben", sagt er. Doch es lief gut, rund zweieinhalb Jahre nach seinem Wechsel nach Virton hatte Meunier mit 17 die ersten Einsätze im ersten Team - vor einem ganz besonderen Zuschauer.

Seite 2: Meunier dank Traumtoren von der 3. Liga zu Brügge und PSG

Thomas Meunier: Kurz davor, in die vierte Liga verramscht zu werden

"Mein Vater hatte gesagt, dass er nicht zu meinen Spielen für Virton kommen würde. Es schien so, als habe er mit diesem Kapitel abgeschlossen. Aber dann, eines Abends, bei einem meiner ersten Spiele in der ersten Mannschaft, sah ich ihn auf der Tribüne sitzen. Ganz alleine in einer Ecke, um mich spielen zu sehen", erzählt Meunier.

Er muss sich seinerzeit durchbeißen, sich zunächst an Männerfußball gewöhnen. "Zu Beginn der Saison 2009/10 hatte er ein paar körperliche Probleme und der damalige Trainer von Virton wollte ihn schon an Givry abgeben, einen Klub aus der vierten belgischen Liga", erinnert sich Daniel Jonette, ein Lokaljournalist, bei 20minutes.fr. "Er blieb letztlich aber doch in Virton und explodierte kurz darauf."

Meunier ist damals noch Stürmer, schießt viele Tore in der dritten Liga. Profi ist er aber noch nicht, braucht Nebenjobs, um gut über die Runden zu kommen. "Als ich 18 war und der Fußball nicht reichte, um meinen Lebensunterhalt zu bestreiten, nahm ich einen Job bei der Post an", verrät der heute 28-Jährige. "Ich musste um 5 Uhr morgens aufstehen und startete meine Route, als die Sonne gerade aufging."

Einfach fällt ihm das Briefe austragen nicht. "Ich komme aus einem kleinen Dorf in Belgien, wo die Häuser sehr weit auseinander sind. Wenn es in Strömen regnet und du von deinem Auto aus 50 Meter bis zum Briefkasten laufen musst, verzweifelst du irgendwann. Und vor allem musst du das alle zehn Meter so machen", erklärt Meunier.

Zwei Monate lang machte er den Job, fand dann in einer Automobilfabrik eine neue Anstellung. "Das war viel besser", sagt Meunier. Um 6 Uhr morgens beginnt seine Schicht, er setzt Windschutzscheiben zusammen und verlädt sie auf einen Lastwagen, bevor sie verschifft werden. "Nach China, nach Frankreich, Rumänien. Ich nahm auch Bestellungen von Kunden an. Jeden Tag bis 14 Uhr war ich in der Fabrik, danach ging ich zum Training."

Auf dem Platz startete Meunier zeitgleich allmählich durch. Als Nummer neun von Virton gelangen ihm immer wieder verrückte Tore, die immer größer werdende Beliebtheit von Youtube-Videos kam ihm zugute. "Der Süden des Landes ist so ein bisschen wie das arme Belgien. Wir sind an der Grenze zu Luxemburg, es gibt keine große Stadt und keinen großen Fußballverein in unmittelbarer Umgebung. Also schaut sich kaum jemand an, was hier passiert. Es ist dementsprechend schwer, aus Virton rauszukommen", erklärt Vincent Olimar, ein Freund Meuniers.

Thomas Meunier: Dank Rabona-Tor nach Brügge

Umso besser, dass Zuschauer Meuniers Treffer filmten und die besten davon ins Netz stellten, einige gingen viral und machten ihn plötzlich landesweit zum Thema. "Schon bald sprachen alle in Belgien von diesem Typen aus der dritten Liga, der diese irren Tore macht", sagt Meunier und ergänzt: "Wahrscheinlich war ihnen nicht bewusst, dass er in einer Autofabrik arbeitet."

Eines der Videos erregt ganz besonders viel Aufmerksamkeit, als Meunier im Oktober 2010 gegen RFC Lüttich zuerst drei Gegenspieler austanzt und dann per Rabona zum 4:0-Endstand für Virton trifft. "Das Video davon hat für seine Wahrnehmung in Belgien sehr viel gebracht", sagt Lokaljournalist Jonette. Meunier fühlt sich in jener Zeit wie befreit. Das Pflichtgefühl, das er in der Akademie von Standard Lüttich hatte, das er hatte, als ihn sein Vater in jeder Sekunde des Spiels von der Seitenlinie aus beobachtete, war wie weggeblasen. "Ich spielte wieder aus Freude, aus Leidenschaft, aus Liebe zum Fußball" erklärt er.

Und die verrückten Tore lohnen sich, schon bald klopfen größere Vereine an. "Mein Marktwert lag bei 100.000 Euro, das war ja nichts. Die Klubs dachten sich also: 'Er ist 19, er ist günstig. Warum nicht das Risiko eingehen?'", sagt Meunier. Club Brügge legt im Sommer 2011 letztlich sogar 200.000 Euro auf den Tisch, um ihn zu verpflichten. Einer der Granden in Belgiens Fußball, der Lieblingsklub seines Großvaters. "Der beste Moment war, als mein Vater mich anrief. Er sagte: 'Verdammte Scheiße! Ja! Mein Sohn hat es geschafft! Mein Sohn spielt für Club Brügge!'"

Meunier in Brügge sofort Stammspieler

Und obwohl alle Welt denkt, Meunier müsse sich in Brügge erst einmal zurechtfinden, würde Zeit brauchen, um sich an das Niveau heranzutasten, ist er beim 15-fachen Landesmeister sofort Stammspieler. Später wird er vom Stürmer zum Außenverteidiger umgeschult, debütiert Ende 2013 in der Nationalmannschaft. "Ich erinnere mich noch, wie meine Mutter mir erzählte, dass jeder aus dem Dorf sie angerufen hatte. Sie sagten: 'Thomas ist im Fernsehen! Er spielt für Belgien! Verrückt! Unglaublich!'"

Er darf mit zur EM 2016, ist Stammspieler auf dem Weg zu Platz drei bei der WM 2018, als Belgien im Viertelfinale Brasilien ausschaltet und den gesperrten Meunier im so knapp verlorenen Halbfinale gegen Frankreich schmerzlich vermisst. Und seit 2016 kickt er bekanntlich für Paris Saint-Germain, einen der größten Klubs der Welt. "Früher habe ich in einer Autofabrik Kaffee getrunken, heute spiele ich mit Neymar", sagt Meunier stolz. "Mein Karriereweg klingt wie ein Hollywood-Film. Man kann sich durchaus fragen, wie das möglich war. Ich selbst frage mich das manchmal."

Und wenn er sich so seine Gedanken über sein Leben macht, hat Meunier eines immer im Kopf: Diesen Anruf seiner Mutter, die um jeden Preis verhindern wollte, dass ihr Sohn seinen Traum einfach aufgibt. "Wenn meine Mutter nicht diesen Trainer angerufen und ihn angefleht hätte, mich anzuschauen ... Ich will gar nicht darüber nachdenken, was ich dann jetzt machen würde. Mein Leben wäre komplett anders."

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