Lukas Podolski: Ein oscarreifer Ausstand

HINTERGRUND

Natürlich drehte sich nach dem Spiel alles um diesen einen Moment, der fast zu schön, zu perfekt war, um wahr zu sein. Es war schon kurz vor Mitternacht, als Lukas Podolski - immer noch samt Kapitänsbinde und Fußballschuhen in Trikot, Hose und Stutzen der deutschen Nationalmannschaft unterwegs - in der kalten Outdoor-Mixed-Zone des Dortmunder Westfalenstadions noch einmal gefragt wurde, wie er das eigentlich angestellt hatte. Wie er den Ball mit seinem linken Hammer punktgenau in den Knick geprügelt hatte.

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"Das sind Momente, die man nicht beschreiben kann", sagte Podolski: "Das ist genauso wie bei den Fragen, wie es sich anfühlt, während der Hymne auf dem Platz zu stehen - es ist schwer, das einem Normalbürger zu erklären. Das muss man schon selbst erleben."

Wie es sich anfühlt, nun ein letztes Mal vor all die Kameras und Diktiergeräte zu treten, wollte ein Reporter daraufhin wissen. Mit einem spitzbübischen Grinsen auf den Lippen scannte Podolski umsichtig seine Umgebung, ehe es herzhaft aus ihm heraussprudelte. "Die ganzen Idioten hier", lachte er schwer amüsiert, nachdem klar war, dass ihn weit und breit kein DFB-Delegierter beobachtete. Und die Idioten lachten mit. 

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Nun könnte man ja meinen, da stünde gerade so ein arroganter Pinsel von Profifußballer, ein Multimillionär, der von Normalbürgern, ja, von Idioten spricht und schon längst in seiner eigenen Welt lebt. Nur wäre das weit gefehlt. In all den Jahren hat Podolski seine Bodenständigkeit nicht verloren, seinen Humor, seine ehrliche, herzliche, direkte und offene Art, für die ihn die Menschen überall in der Republik schätzen, aber genauso wenig.

After-Show-Party nur dank oscarreifem Hauptdarsteller

Dass er sich selbst tatsächlich keineswegs über andere stellt, das hatte er am Tag seines 130. und letzten Länderspiels einmal mehr bewiesen. Schon vor der Partie hatte er etwa das Team hinter dem Team besonders hervorgehoben. Und natürlich: die Fans. Er sei ja selber Fan und habe früher in der Kölner Südkurve gestanden, erinnerte Podolski. Vielleicht genieße er deshalb diese besondere und vereinsunabhängige Wertschätzung vieler Fußballliebhaber, mutmaßte er. Natürlich war er zuvor explizit gefragt worden, warum er denn so beliebt sei.

Nach dem Abpfiff hatte Podolski minutenlang mit den Fans gefeiert. Er hatte eine Ehrenrunde gedreht, wahrscheinlich waren es sogar zwei oder drei. Er war auf den Zaun geklettert, hatte sich herzen lassen. Immer und immer wieder suchte er den Kontakt zu den Zuschauern. "Man hat die Stimmung und die Begeisterung gespürt. Da ist ein Danke auch zu wenig. Und wenn man dann nach dem Spiel noch 'Kölsche Jung' hört und das ganze Stadion singt, ist das nochmal eine Emotionsstufe höher." 

Für Podolski war es "ein perfekter Abend", "It was like a movie", sagte er den englischen Kollegen. Filmreif war der Abend allerdings nur, weil der Hauptdarsteller in dieser einen Szene so oscarreif performt und damit das müde Publikum für die große After-Show-Party wachgerüttelt hatte.

Eigentlich, ja eigentlich hätten die Rahmenbedingungen besser kaum sein können. Ein Stadion mit reichlich Plätzen, Flutlicht-Atmosphäre und ein Gegner, gegen den die Spiele immer etwas Besonderes sind. Nur kam am Mittwochabend in Dortmund lange Zeit kaum Stimmung auf. 

"Da wären Real Madrid oder Barcelona noch zu wenig"

Nicht zuletzt aufgrund der mitunter frechen Ticketpreise waren viele Plätze auf den Tribünen leer geblieben. Und diejenigen, die doch gekommen waren, glänzten nicht unbedingt als Partykanonen. Während des Spiels waren von der Pressetribüne aus fast ausschließlich die mitgereisten Supporter aus England zu hören. Wären auch die still gewesen, man hätte zwischenzeitlich vermutlich eine Stecknadel fallen hören. 

Erschwerend hinzu kam, dass die 22 Akteure auf dem Rasen nur äußerst selten für Spektakel sorgten. Und wenn es im ersten Durchgang dann doch mal gefährlich wurde, zeichneten sich zumeist die Gäste dafür verantwortlich. Die DFB-Elf dagegen trat offensiv kaum in Erscheinung und wackelte defensiv bedenklich. Letztendlich war es also der Protagonist höchstpersönlich, der die 60.109 Zuschauer mit seinem Traumtor bei Laune halten musste. 

"Ich kenne ja meinen linken Fuß. Ich weiß nicht, wer mir den gegeben hat. Der liebe Gott vielleicht - oder noch ein paar andere", philosophierte Podolski. Wie seine Karriere wohl verlaufen wäre, wenn er mit dem rechten Fuß ähnliche Kunststücke hätte vollbringen können? "Dann", scherzte Podolski, ehe er sich herzlich von all den Idioten verabschiedete, "müsste man eine Mannschaft für mich erfinden. Da wären Real Madrid oder der FC Barcelona noch zu wenig."

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