Maradona und Neapel: Die Stadt in der er Gott war

Moritz Piehler
·Freier Autor
·Lesedauer: 6 Min.
Am Abend seines Todestages sammelten sich die Menschen vor dem Stadion San Paolo in Neapel um zu trauern. (Bild: REUTERS/Yara Nardi)
Am Abend seines Todestages sammelten sich die Menschen vor dem Stadion San Paolo in Neapel um zu trauern. (Bild: REUTERS/Yara Nardi)

Um die Beziehung zwischen den Neapolitanern und Diego Maradona zu beschreiben, reichen Worte kaum aus, Nirgends wurde der Argentinier so verehrt, wie in der Stadt in Kampanien.

Am Abend des 25. Novembers ist Neapel im kollektiven Trauerzustand. Gerade ging die Nachricht um die Welt, dass Diego Armando Maradona gestorben ist. Ihr Maradona. Die Menschen eilten auf die Plätze und zum Stadion San Paolo, um Kerzen aufzustellen. Sie hatten Fahnen dabei, trugen Maradona-Trikots und sangen seine Hymne: “Ho visto Maradona!” - ich habe Maradona gesehen. Die Stadt wurde von einem Tränenmeer überschwemmt.

Das verwundert nicht, denn kein anderer Ort auf der Welt ist mit dem Namen Maradona so eng verknüpft wie Neapel. In Süditalien wurde er zu mehr als einem Superstar, er wuchs zu der überlebensgroßen Symbolfigur heran, der er letztlich selbst nicht gerecht werden konnte. Das Ende seiner Napoli-Zeit war unrühmlich, doch die Erfolge machten ihn in der Hafenmetropole zur unantastbaren Legende. Noch heute stößt man an jeder zweiten Ecke auf ein Maradona-Graffiti. Jede Kneipe hat ein Trikot oder zumindest ein Bild der Legende an der Wand. In einer Bar gibt es sogar einen Maradona-Altar, zu dem Fans pilgern, um den berühmten starken Caffè zu trinken und der Legende zu huldigen.

Die Nilo Bar in Neapels Altstadt hat einen eigenen Maradona Altar, den Besitzer Carmine Alcide hier zeigt. (Bild: REUTERS/Ciro De Luca)
Die Nilo Bar in Neapels Altstadt hat einen eigenen Maradona Altar, den Besitzer Carmine Alcide hier zeigt. (Bild: REUTERS/Ciro De Luca)

Das Schlitzohr Gottes

Dass die Verehrung des kleinen Diego religiöse Züge angenommen hat, ist bekannt. Es gibt sogar eine oft beschriebene Kirche, die “Iglesia Maradonia”, zu seinen Ehren. Doch in Neapel wurde er wahrlich vergöttert. Nicht nur dank seiner “Hand Gottes”, die ihm bei vielen Fans Verachtung und in den Augen der Underdogs den Ruf des schelmischen Schlitzohrs eingebracht hat, der den übermächtigen Gegnern ein Schnippchen schlägt. Dass es überhaupt dazu kam, dass der Barca-Star im besten Fußball-Alter von 24 Jahren zum S.S.C. Napoli wechselte, ist ein kleines Fußball-Wunder.

Maradona: Das bewegte Leben der “Hand Gottes”

Es hatte mit seiner Situation bei Barcelona zu tun und damit, dass hinter dem neuen Verein die Camorra mit viel Geld saß und den schließlich 13,5 Millionen Lire (umgerechnet etwa 7 Millionen Euro) teuren Wechsel möglich machte. Und, wie Maradona es selbst sagte: “Kein anderer Verein wollte mich haben.” Er habe Neapel gar nicht gekannt, kann man ihn in dem ausgezeichneten Dokumentarfilm von Asif Kapadia sagen hören. Das hinderte die Menschen in Neapel nicht daran, ihn vom ersten Tag an zu lieben. 85.000 Menschen kamen ins San Paolo im ärmlichen Stadtteil Fuorigrotta, nur um den neuen Star zu begrüßen.

Titel und Triumphe

Und der Zehner zahlte dem erfolglosen Club die Liebe der Fans mit Zinsen zurück. Zuerst rettet er sein neues Team vor dem Abstieg. Dann kam er 1986 als Weltmeister aus Mexiko und holte 1987 mit Napoli das Double aus Pokal und Meisterschaft. Damit gab er den oft belächelten Süditalienern das Selbstbewusstsein gegenüber den reichen Clubs aus dem Norden Italiens zurück. 1989 holte er sogar den UEFA-Cup nach Neapel, ein Jahr später erneut den “Scudetto”, den italienischen Meistertitel. 188 Mal lief er in hellblau zwischen 1984 und 1991 auf, schoss dabei 88 Tore für “Gli Azzurri”. Bald konnte er sich kaum noch in der Öffentlichkeit bewegen, ohne von Fans umringt zu sein. Die Klatschmedien verfolgten jeden seiner Schritte, er wurde zum Popstar, der von Party zu Party gereicht wurde, oft in dubioser Begleitung. Der Zuneigung der Neapolitaner tat dies keinen Abbruch.

Nie wurde die Liebe der Stadt zu Maradona und sein zwiegespaltenes Verhältnis zu Italien deutlicher, als bei der WM 1990, als Maradona im Halbfinale mit seinen Argentiniern auf die Gastgeber traf. Seine Stadt feuerte statt der eigenen italienischen Mannschaft ihren Maradona an. Und der verwandelte den entscheidenden Elfmeter zum Finaleinzug. Es war das I-Tüpfelchen auf seiner persönlichen Neapel-Geschichte und der Beginn vom Ende seiner Italienzeit.

Längst ist er Ehrenbürger der Stadt, hier badet er 2017 nach der Überreichung der Urkunde im Applaus der Menge auf der Piazza del Plebiscito. (Bild: Paolo Manzo/NurPhoto via Getty Images)
Längst ist er Ehrenbürger der Stadt, hier badet er 2017 nach der Überreichung der Urkunde im Applaus der Menge auf der Piazza del Plebiscito. (Bild: Paolo Manzo/NurPhoto via Getty Images)

Einer von ihnen

Doch es waren nicht die Tore und die magische Leichtigkeit auf dem Spielfeld allein, die ihn zur Legende wachsen ließen. Maradona war selbst aus einfachsten Verhältnissen, wuchs im Armenviertel Villa Fiorito bei Buenos Aires auf. Das machte ihn zum Liebling der Massen im armen Süditalien - und anfällig für die Verlockungen in der halbseidenen Glamour-Welt der Mafia-Stadt. Das konnten die Menschen in Neapel gut nachvollziehen. Bis heute fühlen sie sich oft politisch von Rom im Stich gelassen, zuletzt konnte man das aktuell bei den Protesten gegen die Corona-Politik beobachten. Aus dem Norden schaute man auf sie herab, verachtete sie für ihre Armut, nannte sie “das Afrika Italiens”. Doch in den sieben Jahren mit Maradona konnten sie plötzlich dagegen halten, Siege gegen die Großen aus Mailand, Turin und Rom waren mehr als nur Fußballspiele. Diego, der “Goldjunge” war einer von ihnen, das ist bis heute in Neapel deutlich zu spüren.

“Sonne inmitten des Universums”: Ferrara trauert um Maradona

Dazu gehört auch und gerade die Geschichte seines Scheiterns, seine Drogensucht, das sich Einlassen mit den falschen Freunden, die gescheiterten Ehen. Das Ende war unrühmlich, die Verfolgung seiner Drogendelikte wirkte vielen wie eine Rache des Staates an dem Star aller Underdogs. Nach seiner Drogensperre und seinem selbst erzwungenen Wechsel nach Sevilla reichte er nie mehr an sein Können heran, seine letzten aktiven Jahre und die Zeit danach waren von Skandalen geprägt. Nichts davon hat seinen Ruf bei den Napoli-Fans schmälern können.

Auch die neue Generation Neapels wächst im Schatten von Maradona heran. (Bild: Paolo Manzo/NurPhoto via Getty Images)
Auch die neue Generation Neapels wächst im Schatten von Maradona heran. (Bild: Paolo Manzo/NurPhoto via Getty Images)

Wird das San Paolo zum “Stadio Maradona”?

Sie werden ihn in Neapel nicht vergessen. Das San Paolo wird vermutlich schon bald zum Maradona-Stadion umbenannt werden, das hat Neapels Bürgermeister Luigi De Magistris bereits gefordert. Diejenigen, die ihn noch haben spielen sehen vor illegalerweise 100.000 ins San Paolo gedrängten Zuschauern werden ihre Geschichten erzählen, auf den Mauern von Neapel werden neue Wandgemälde und Graffiti zu seinen Ehren gemalt werden. Und die Nachwuchsfußballer werden noch auch 30 Jahre nach seinem letzten Tor für Napoli noch versuchen, den Ball mit offenen Schuhen und Kaugummi im Mund so lässig zu jonglieren, wie Diego.