Experten über Vettel-Probleme: "Die Formel 1 ist kein Mädcheninternat!"

Ruben Zimmermann
·Lesedauer: 3 Min.

Die nackten Zahlen sprechen eine deutliche Sprache. Im teaminternen Ferrari-Duell der Formel-1-Saison 2020 liegt Sebastian Vettel mit 18:85 Punkten gegen Charles Leclerc klar zurück, im Qualifying war der Monegasse zuletzt zehnmal in Folge schneller als der viermalige Weltmeister - und das in der Regel mehr als deutlich.

So klar wurde Vettel in seiner Formel-1-Karriere noch nie von einem Teamkollegen geschlagen. "Leclerc beeindruckt mich in diesem Jahr noch mehr als im vergangenen, als er Rennen gewonnen hat", erklärt TV-Experte Martin Brundle bei 'Sky'. Doch ist Leclerc in diesem Jahr wirklich so stark oder Vettel einfach ungewöhnlich schwach?

Auch Ex-Weltmeister Nico Rosberg spricht angesichts der Zahlen von einem "unglaublich großen Unterschied" zwischen den beiden Ferrari-Piloten. "Es ist unmöglich, das zu erklären", wundert sich der Champion von 2016. Leclerc strahle im SF1000 ein großes Selbstvertrauen aus, gehe früh aufs Gas und habe das Auto gut unter Kontrolle.

Leclerc anpassungsfähiger als Vettel?

Kollege Brundle hat zumindest einen Erklärungsansatz. "Sebastian kann den Speed nicht in die Kurven mitnehmen. Er fühlt sich nicht wohl. So wie er gerne fährt und in die Kurve geht - das macht das Auto nicht mit", glaubt der Brite erkannt zu haben. Leclerc dagegen könne die Schwächen des aktuellen Autos besser "umfahren", so Brundle.

"Das macht einen großartigen Fahrer aus", lobt er und erinnert: "Es ist nicht so, dass Vettel kein toller Fahrer wäre. Er ist ein viermaliger Weltmeister. Aber Leclerc macht einen sensationellen Job, und Seb kommt mit dem Auto einfach nicht zurecht." Paul di Resta, ebenfalls Experte bei 'Sky', glaubt: "Vettels Selbstvertrauen ist auf dem Tiefpunkt angekommen."

"Ich denke, er zählt die Rennen", so di Resta, bis er im kommenden Jahr bei Aston Martin einen Neuanfang starten könne. Doch werden sich seine aktuellen Probleme dort einfach in Luft auflösen? Eine Garantie dafür gibt es nicht, denn niemand weiß, wie Vettel dort mit dem Auto zurechtkommen wird. Auch Helmut Marko ist skeptisch.

Vettels langjähriger Wegbegleiter verrät bei 'Sport1': "Ich habe ihm gesagt, er soll ein Jahr Pause machen, sich in der Zwischenzeit neu aufladen und dann mit völlig neuem Elan auf die Möglichkeiten, die sich 2022 bieten, konzentrieren und wiederkommen. Ich glaube, dass 2022 einige Cockpits eventuell zur Verfügung sein werden."

Wird bei Aston Martin alles besser?

"Er hat sich entschieden, dass er lieber im Geschehen bleibt und sieht bei Aston Martin eine Chance auf Podestplätze. Das, glaube ich, ist realistisch. Ob er siegen kann, zweifle ich aufgrund des Autos an. Der Abschied von Ferrari war unwürdig, ganz klar. Aber das ist halt die Formel 1. Ich hoffe, dass dieser Weg für ihn aufgeht", drückt ihm Marko die Daumen.

Di Resta erinnert daran, dass Vettel auch in seiner letzten Red-Bull-Saison einen schweren Stand hatte, bei Ferrari ein Jahr später aber wieder zurück in die Spur fand. 2014 schloss Vettel die WM hinter seinem damaligen Red-Bull-Teamkollegen Daniel Ricciardo ab, der zudem drei Siege holte, während Vettel komplett leer ausging.

Ein Jahr später bei Ferrari gewann Vettel selbst drei Rennen und schloss die WM als Dritter als "Best of the Rest" hinter den beiden Mercedes-Piloten ab. Doch es gibt keine Garantie dafür, dass es 2021 bei Aston Martin ähnlich laufen wird. Dort hat man zwar bereits erklärt, dass man Vettel helfen wolle, sein Selbstvertrauen wiederzufinden.

Doch Brundle merkt kritisch an: "Das hier ist kein Mädcheninternat oder ein Rehabilitationszentrum. Das ist die Formel 1." Oder anders gesagt: Spätestens 2021 muss Vettel beweisen, dass er seinen Platz in der Königsklasse weiterhin verdient hat.

Mit Bildmaterial von Motorsport Images.