Mehr Chancengleichheit – ein Tweet des Kanzlers reicht nicht aus

Warum sponsert StepStone einen Frauen-Fußballverein aus der Regionalliga? Es geht um Chancengleichheit – im Profifußball wie bei Jobbeschreibungen. Das besprechen wir mit Katharina Kurz, Viktoria-Mitgründerin und Chefin der Berliner Craftbeer-Marke BRLO, und mit Thorsten Otte, dem Chief Financial Officer von StepStone.

Frage: Frau Kurz, Herr Otte: Die Recruiting-Plattform StepStone sponsert die Frauenfußballmannschaft von Viktoria Berlin. Warum?

Thorsten Otte: Für uns ist Viktoria Berlin eines der spannendsten Fußballprojekt Deutschlands.

Katharina Kurz: Wir wollen mit Viktoria Berlin neue Wege im Frauenfußball gehen. Dabei wollen wir nicht nur innerhalb von fünf Jahren in der Bundesliga spielen, sondern auch weit über Berlin hinaus Strahlkraft entwickeln.

Thorsten Otte: Viktoria Berlin hat sich nicht nur sportlich ein ambitioniertes Ziel gesetzt, sondern auch gesellschaftlich. Es geht um mehr Sichtbarkeit für den Frauenfußball. Es geht darum, die Bedingungen für Sportlerinnern zu verbessern. Wir sind überzeugt davon, dass Viktoria Berlin als Vorreiter über den Fußball hinaus wahrgenommen wird.

Katharina Kurz: StepStone will mit uns gemeinsam etwas bewegen. Und das haben wir auch schon. Durch unsere Partnerschaft mit StepStone war es möglich, dass zum ersten Mal ein Regionalligaspiel der Frauen im deutschen Free-TV übertragen werden konnte, das Lokal-Derby gegen Türkiyemspor.

Frage: Und wie passt Frauenfußball zu Stepstone?

Thorsten Otte: Das passt perfekt zu unserem Engagement für mehr Chancengleichheit am Arbeitsmarkt. Denn, auch wenn die Unterschiede zwischen Männern und Frauen in anderen Branchen nicht so auf der Hand liegen wie im Fußball, so herrscht am Arbeitsmarkt doch noch viel Ungleichbehandlung. Das wollen wir ändern. Wir stehen für Fair Play – im Sport genauso wie im Berufsleben.

Katharina Kurz: Auch wir bei Viktoria haben uns Fair Play auf die Fahne geschrieben. Und dazu gehört selbstverständlich auch die Bezahlung von Sportlerinnen. Im Fußball ist der Gender Pay Gap sicherlich nochmal größer. In den Bundesligavereinen hält sich darüber hinaus hartnäckig der Glaube, dass man männlicher Profifußballer gewesen sein muss, um es in den großen Clubs zu etwas bringen zu können. Hier findet nur langsam ein Umdenken statt, dabei wäre genau das bitter nötig.

Frage: Das heißt: Die Ungleichheiten im Profifußball findet sich so oder so ähnlich auch auf dem Arbeitsmarkt?

Thorsten Otte: Der Gender Pay Gap hat strukturelle Gründe. Genauso wie es keine Rolle spielen sollte, ob Frauen oder Männer Fußball spielen, sollten Mädchen wie selbstverständlich eine Karriere als IT-Spezialistin anstreben und Männer eine Karriere als Erzieher. Erst, wenn jedem Menschen alle beruflichen Wege offenstehen, wird sich der Gender Pay Gap wirklich signifikant verringern.

Frage: Und wie entwickelt sich das – im Fußball und im Arbeitsmarkt allgemein?

Katharina Kurz: Das System Fußball stößt langsam an seine Grenzen. Viele Fans sind desillusioniert. Mehr Vielfalt würden hier viel bringen. Bis zu einer gleichen Bezahlung ist im Fußball sicherlich noch ein langer Weg zu gehen. Dafür müssen wir im ersten Schritt die Aufmerksamkeit für den Frauenfußball deutlich und vor allem auch nachhaltig erhöhen. Die EM hat dieses Jahr schon einige positive Zeichen gesetzt, wie ich finde. Es haben beispielswiese mehr Menschen das EM-Finale der Frauen gesehen als das Vorrunden-Aus der Männer bei der WM in Katar.

Thorsten Otte: Ich bin sehr optimistisch aus einem einfachen Grund: Wir können es uns wirtschaftlich nicht mehr leisten, auch nur einen einzigen Menschen auszugrenzen. Wir erleben das Zeitalter der Arbeiterlosigkeit, in dem immer mehr Menschen in Rente gehen und es gleichzeitig immer weniger Menschen gibt, die neu in den Arbeitsmarkt einsteigen.

Frage: Was kann StepStone als Recruiting-Plattform für Chancengleichheit tun?

Thorsten Otte: In erster Linie sollte jeder Mensch die gleichen Chancen haben. Dabei spielt der Unconscious Bias eine zentrale Rolle – unsere unbewusste Voreingenommenheit, eine Art erlernte Annahme, die der Chancengleichheit alles andere als zuträglich ist. Um Unconscious Bias besser zu erkennen und auch zu bekämpfen haben wir den Genderbias Decoder entwickelt. Er identifiziert Formulierungen in Stellenanzeigen, die eher Frauen oder Männern zugeordnet werden.

Frage: Wie funktioniert der Genderbias Decoder?

Thorsten Otte: Mit dem Genderbias Decoder hat StepStone ein Produkt entwickelt, das Recruiter dabei unterstützt, Vorurteile bei der Formulierung von Stellenanzeigen zu vermeiden. Der Grund: Studien zeigen, dass sich Frauen von Formulierungen, die eher männlich-kodierte sind – wie „karriereorientiert” oder „leistungsstark” – abgeschreckt fühlen und sich nicht auf einen Job bewerben.

Frage: Was müsste Ihrer Meinung nach passieren, damit sich die Arbeitswelt insgesamt in Puncto Chancengleichheit nachhaltig verändert?

Katharina Kurz: Wir brauchen auf vielen Ebenen Veränderungen. Wir brauchen Vorbilder in allen Bereichen und ein Selbstverständnis. Wir brauchen Unternehmen, die mutig vorangehen und die Diversity nicht nur als Lippenbekenntnis sehen. Und natürlich brauchen wir auch eine Politik, die diese Veränderungen aktiv begleitet.

Thorsten Otte: Ich sehe das ebenfalls als eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe. Das geht von der besseren Vereinbarkeit von Familie und Beruf bis hin zu faireren und angemesseneren Bezahlungen.

Katharina Kurz: Im Fußball müsste sich für mehr Chancengleichheit sicherlich die Bezahlung ändern. Während man bei den Männern bereits in der Regionalliga (4. Spielklasse) gut vom Spielergehalt leben kann, haben die meisten Profisportlerinnen in der ersten Bundesliga noch einen zweiten Beruf. In der zweiten Bundesliga gibt es oftmals nur eine Aufwandsentschädigung und die Regionalliga (3. Spielklasse bei den Frauen) war bisher absolutes Amateurniveau. Hier wünschen wir uns klare Zeichen und Veränderungen.

Frage: Haben Sie in Sachen Fußball auch Erwartungen an die Politik?

Katharina Kurz: Es ist zwar schön, wenn der Kanzler nach der EM tweetet, dass er sich zum Thema Equal Pay austauschen möchte. Aber hier gibt es strukturelle Benachteiligungen, die wir dringend angehen müssen.

Frage: Denken Sie, dass die Partnerschaft von StepStone und Viktoria Berlin dazu beiträgt, dass das Thema Chancengleichheit mehr ins Bewusstsein der Menschen rückt?

Thorsten Otte: Definitiv. Das sehen wir schon an der großen Resonanz, die wir auf das Projekt bekommen haben. Immer mehr prominente Unterstützerinnen und Unterstützer schließen sich an und auch das mediale Echo ist großartig. All das trägt dazu bei, dass wir mehr Aufmerksamkeit auf dieses wichtige Thema lenken.

Katharina Kurz: Das sehe ich genauso. Plus: Wir haben so wahnsinnig viel Zuspruch für Viktoria erfahren, seit wir mit unserem Projekt an die Öffentlichkeit gegangen sind. Menschen, die einfach dankbar für dieses Zeichen sind und die die selbstbewusste Art und Weise feiern. Unsere Partner und Sponsoren haben uns natürlich wahnsinnig dabei unterstützt, die nötige Aufmerksamkeit und auch Legitimation zu bekommen. Wir hoffen sehr, dass wir im Frauensport noch viele Nachahmer finden. Denn: Ein starkes Netzwerk kann so vieles verändern.