"Du wirst nicht mehr gebraucht"

Reinhard Franke
Sport1

Martin Bader wirkt entspannt und bestens erholt.

Die schwierige Zeit beim 1. FC Kaiserslautern hat bei dem 51-Jährigen offenbar keine allzu tiefen Spuren hinterlassen. Der ehemalige Geschäftsführer Sport ist seit 1. Januar ohne Job, sein Vertrag bei den Pfälzern wurde nicht verlängert.

Nun hat Bader Zeit zurückzublicken. Als Manager ist er seit rund 20 Jahren im Geschäft, war vor dem FCK bei Hertha BSC, dem 1. FC Nürnberg und Hannover 96 tätig.  

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SPORT1 besuchte Bader zu Hause - nur wenige hundert Meter Luftlinie vom Fritz-Walter-Stadion entfernt. Im Interview spricht er über seine Erfahrungen und Fehler als langjähriger Manager, sein aktuelles Leben ohne Fußball und den FCK.

SPORT1: Herr Bader, der FCK ist seit sieben Spielen in der 3. Liga ungeschlagen. Wie oft haben Sie zuletzt mit der Faust in der Tasche gedacht: "Das ist meine Mannschaft und ich bin gar nicht mehr dabei"?

Martin Bader: Das ist im Fußball so. In Hannover bin ich im März freigestellt worden, zwei Monate später ist die Mannschaft in die  Bundesliga aufgestiegen und da standen dann andere auf dem Balkon. Es ist mir wichtig, dass diejenigen, die im Sommer die Straßenseite gewechselt haben, als sie mich sahen, jetzt zu mir kommen und sagen: "Ich war am Anfang vom Trainer nicht überzeugt, auch nicht von der Kaderzusammenstellung, mittlerweile schon." Diese Truppe hat Qualität und Fantasie. Ich konnte lesen, dass Bayer Leverkusen sich mit Lennart Grill beschäftigt, das sagt etwas aus. Auch Spieler wie Florian Pick, Dominik Schad, Carlo Sickinger und Christian Kühlwetter sind begehrt. Unsere Aufgabe war, dass diese Mannschaft erfolgreich Fußball spielt - und das tut sie jetzt.

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SPORT1: Bleiben Sie erst einmal in Kaiserslautern oder haben Sie schon andere Pläne?

Bader: Was ich mache, das steht noch in den Sternen, natürlich habe ich Ideen. Ich kann realistisch einschätzen, dass die Wahrnehmung meiner Arbeit medial nicht so positiv ist, dass man sagen könnte, da kommt schon bald wieder ein neuer Verein auf mich zu. In Nürnberg ist es nach elfeinhalb Jahren auseinandergegangen, in Hannover habe ich den Aufstieg nicht miterlebt, und beim FCK war im Dezember auf Platz 8 Schluss. Was in einem halben Jahr ist, wird man sehen. Ich bleibe mit meiner Familie erst mal in Kaiserslautern. Ich nutze die Zeit, um zu reflektieren, ich führe Tagebuch. Ich habe in den fast zwei Jahren Kaiserslautern viel lernen dürfen.

SPORT1: Sie führen wirklich Tagebuch?

Bader: Ich schreibe darin nur über die geschäftlichen Dinge, und nur verschiedene Highlights. Ich fasse eine Woche stichpunktartig zusammen, und blättere dabei gerne zurück, um zu sehen, was in den vergangenen Jahren alles passiert ist. Auch wie die Herangehensweise bei Transfergesprächen war. Es sind kleine Notizen, die mir helfen.

SPORT1: Sie haben die mediale Darstellung Ihrer Arbeit angesprochen. Fühlen Sie sich öffentlich unterschätzt?

Bader: Ich wäre im Fußball nicht 20 Jahre unterwegs, wenn ich nur unterschätzt worden wäre. Mit den Leuten, mit denen ich zusammengearbeitet habe, war es eine professionelle Ebene und auch immer ein intensiver und vertrauter Austausch. Ich kann mit Kritik leben, aber die Arbeit wird leider final nach dem Ergebnis bewertet. Du bist ein guter Manager, wenn deine Mannschaft gewinnt, und ein schlechter, wenn du abgestiegen bist oder die Truppe nicht so funktioniert. Ich habe trotzdem immer versucht, nachhaltig zu arbeiten. Ich tue von morgens bis abends Dinge, die nachvollziehbar sind. Ich muss mich nicht verstellen und verkaufen. Wenn das nicht gesehen wird, dann kann ich es nicht ändern. Aber ich trage es nicht vor mir her.


SPORT1: Muss man sich in dieser Branche nicht auch verkaufen?

Bader: Das ist typbedingt, es sind Charaktereigenschaften. Und ich war noch nie der große Trommler. Ich habe immer versucht, im Team zu arbeiten. Ich kann mich nicht hinstellen und sagen: Das ist meine Mannschaft. Ich muss am Ende die Verträge unterschreiben und den Aufsichtsrat und die Geschäftsführung überzeugen. Es fällt mir schwer, nur von "ich" zu sprechen. Die Menschen, die mit mir zusammengearbeitet haben, haben meine Meinung gerne wertgeschätzt und mich gerne um Rat gefragt. Ich bin mit mir im Reinen.

SPORT1: Die Klubs sind jetzt aus der Winterpause zurück, der Transfermarkt ist in der heißen Phase. Haben Sie keine Sorge, mal ganz raus zu sein?

Bader: So geht es jedem - egal, ob Spieler, Trainer oder Manager -, der nicht mehr im Hamsterrad Fußball tätig ist. Es ist eine Kunst, damit umzugehen. Und es ist eine Erfahrung, die ich machen muss, jetzt wieder zu Hause zu sitzen, am Laptop zu arbeiten, weniger Anrufe und Mails zu bekommen und das Gefühl zu haben: Du wirst nicht mehr gebraucht. Das muss man lernen in dieser intensiven, hektischen und schnellen Welt. Ich sortiere mich und lade den berühmten Akku wieder auf.

SPORT1: Das klingt eher entspannt als besorgt.

Bader: Sorge ist der falsche Begriff. Ich habe in den vergangenen 20 Jahren für mich wirtschaftlich so gearbeitet, dass es auch mal möglich ist, eine Auszeit zu nehmen. Wichtig ist, nicht getrieben zu sein, alles zu machen. Ich habe nicht über die Verhältnisse gelebt. Ich kann ja nicht beeinflussen, ob ein Klub Interesse an mir hat. Und ich muss für mich entscheiden, ob ich noch mal bei einem Verein arbeiten möchte. Es gibt im Sport und im Fußball auch andere Bereiche, die nicht zwingend in einer verantwortungsvollen Position sind. Vielleicht mache ich auch etwas ganz anderes. Ich habe Sportökonomie studiert und für einen großen Vermarkter gearbeitet. Ich traue mir auch einen ganz neuen Berufsweg zu. Ich fühle mich nicht ausgebrannt.

SPORT1: Was machen Sie tagsüber, wenn Sie jetzt nicht im Büro sitzen?

Bader: Ich kann einige Dinge aufschreiben, die liegen geblieben sind oder meine Steuererklärung in Ruhe machen. Ich war zuletzt mit André Breitenreiter, Sandro Schwarz und Marc Arnold in Spanien. Ich konnte dort bei verschiedenen Vereinen im Trainingslager vorbeischauen, um den Kontakt zu halten. Das war sehr interessant. Ich werde in der nächsten Zeit versuchen, im Fußball weiter dabei zu sein, werde meinen guten Freund Dieter Hecking in Hamburg besuchen und auch Golf spielen, wenn es das Wetter zulässt.

SPORT1: Wenn Sie zurückschauen: Welche Fehler haben Sie gemacht?

Bader: Ich hätte möglicherweise in der Kommunikation nach innen und außen noch konkreter sein müssen. Vielleicht hätte ich auch mehr auf Langfristigkeit und Nachhaltigkeit drängen sollen. Vielleicht aber auch mal Probleme öffentlich ansprechen. In der unruhigen Zeit hätte man deutlicher sagen sollen, dass es oft nur noch um Politik ging und nicht um Fußball. Aber so entstand in der Endphase ein Vakuum, in dem fast unmöglich war zu arbeiten.


SPORT1: Wollen Sie sich verändern, um öffentlich besser anzukommen?

Bader: Mit 51 ist es schwierig, sich komplett zu verändern. Ich habe eine Tochter, sie ist 16 und verändert mich jeden Tag, indem sie mir täglich neue Herausforderungen stellt. Ich möchte authentisch sein und nichts vorspielen. Die Leute sollen sehen, wenn es mir nicht gut geht und sie sollen merken, wenn es mir gut geht. Ich bin sehr emotional, was den Fußball betrifft. Das werde ich auch nicht ablegen können. Ich werde und will mich nicht verändern, nur damit nach außen hin etwas neu ist. Ich muss derjenige bleiben, der ich bin, wenn ich morgens aufstehe. Ich will mir keine Maske aufsetzen, um bei dem einen oder anderen besser rüber zu kommen. Die 20 Jahre in dem Job hätte ich nicht gehabt, wenn ich mich dauernd verändert hätte.

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SPORT1: Sie sagten, Sie hätten nie über Ihre Verhältnisse gelebt.

Bader: Wenn man in einem Beruf eine verantwortungsvolle Position hat und sparsam lebt, ist das ratsam, denn es kann von heute auf morgen zu Ende sein. Man hat keine Sicherheit auf einen unbefristeten Vertrag oder auf weitere zehn Jahre. Deshalb muss man davon ausgehen, dass es vielleicht nach der ersten Station vorbei sein kann. Deshalb legt man sich besser etwas zur Seite für den Fall, dass es keine Verdienstmöglichkeiten mehr gibt.

SPORT1: Vermissen Sie den FCK bereits?

Bader: Ich würde lügen, wenn ich sagen würde, dass mir die Aufgabe nicht unheimlich viel Spaß gemacht hat. Und wenn man etwas sehr gerne gemacht hat, dann vermisst man es auch. Aber ich muss die Situation professionell annehmen. Ich habe immer noch Kontakt zu Boris Schommers und Boris Notzon (FCK-Trainer und Sportchef, d. Red.) und auch zu dem einen oder anderen Spieler. Florian Pick verfolge ich intensiver. Das bringt die Nähe zum Betzenberg mit sich, weil ich direkt nebenan wohne, aber auch, weil mein Abschied beim FCK noch ganz frisch ist.


SPORT1: Das Lauterer Jahr 2019 war von Querelen geprägt. Wie schlimm war es für Sie?

Bader: Schlimm ist relativ, es war unglaublich intensiv. Michael Klatt (Ex-Geschäftsführer Finanzen, jetzt beim MSV Duisburg, d. Red.) und ich haben alle Themen gemeinsam gestemmt. Wir hatten riesige Herausforderungen, mussten eine Lizenz bekommen, weil wir zwölf Millionen Euro nachweisen und 6,7 Millionen Euro Anleihe zurückzahlen mussten und auch wollten. Natürlich war es unser Ziel im Jahr 2019/2020 keine wirtschaftlichen Sorgen zu haben, wo man von einer Liquiditätslücke in die nächste springt. Nicht zu vergessen das große Thema Investorensuche. Der Fortbestand des FCK funktioniert nur mit einem strategischen Partner. Die sportliche Verbesserung war essentiell wichtig, also eine Mannschaft zu formen, die besser als Platz neun ist und auf Sicht um den Aufstieg mitspielen kann.

SPORT1: Dass scheint jetzt aufzugehen.

Bader: Richtig. Wir wollten unbedingt sämtliche Leistungsträger halten, um sportlich wieder einen Schritt nach vorne machen zu können. Das Ziel war und ist der Aufstieg. Die Truppe wird um den Aufstieg mitspielen. Ich kenne die Jungs und den Coach, sie werden nicht nachlassen. Die Verträge wollten wir so gestalten, dass der Verein dann Transfererlöse bekommen könnte, wenn er müsste. Stand jetzt ist beides aufgegangen. Und es können Transfererlöse erzielt werden dank drei, vier Spielern, die am Markt begehrt sind. Es war es ein intensives Jahr, denn Michael Klatt und ich wurden nur von zwei Aufsichtsräten unterstützt. Der Rest des Gremiums hatte eine eigene Agenda.


SPORT1: Sie haben den Trainer geholt und diese Mannschaft zusammengestellt, die jetzt um den Aufstieg mitspielen kann. Wie enttäuscht sind Sie, dass Sie als Sündenbock für vergangene Probleme abtreten mussten?

Bader: Wenn man die fünf Wochen vor der Winterpause nimmt, wo klar war, dass mein Vertrag nicht verlängert wird und die Siegesserie angehalten hat, dann wäre ich schon gerne bis Sommer Teil des Ganzen gewesen. Um vielleicht das mitzuerleben, wofür man hier angetreten ist. Es war natürlich alles Teamwork mit Boris Notzon, den Scouts und den Trainern. Ich halte es für wichtig, wenn ein sportlich Verantwortlicher neben dem kurzfristigen Erfolg aber auch auf Kontinuität und Nachhaltigkeit setzt. Das habe ich für mich immer als zwingend erachtet. Ein roter Faden in meiner Tätigkeit als Manager ist mir wichtig. 

SPORT1: Was bleibt negativ hängen?

Bader: Nicht hilfreich waren immer wieder Äußerungen in den sozialen Medien von Leuten, die ihre privaten Emotionen und persönlichen Befindlichkeiten gegenüber einzelnen Aufsichtsräten kundtaten. Dadurch entstand ständig Unruhe. Der Verein war nie in der Lage sich über die Lizenz, den Investor und diese junge Mannschaft zu freuen. Es war in der Form schlimm, weil es kaum um Fußball ging.

SPORT1: Glauben Sie, dass Kaiserslautern am Ende der Saison aufsteigt?

Bader: Ich bin von Mannschaft und Trainer trotz des kleinen Dämpfers beim 0:0 gegen Großaspach absolut überzeugt. Sie wird ins Aufstiegsrennen eingreifen, da werden am Ende Nuancen entscheiden. Die Mannschaft hat es geschafft, im Herbst auf Platz 16 zu stehen und sich dann innerhalb von fünf bis sechs Wochen auf Platz acht vorzuarbeiten mit nicht mal vier Punkten Rückstand auf Rang drei. Da kann das Ziel nur sein, so weiter zu spielen, um bis zum Ende im Aufstiegsrennen dabei zu sein. Ich bin sehr optimistisch, dass der FCK aufsteigen wird, weil jetzt vieles in der Mannschaft und im Verein stimmt.

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