Mercedes: Abu-Dhabi-Rennen zugunsten der Testfahrten geopfert?

Matt Somerfield
·Lesedauer: 3 Min.

Es war schon auffällig, wie die bislang so dominanten Mercedes in Abu Dhabi plötzlich gegen Red Bull verlieren konnten - und das auf einer Strecke, in der man seit 2014 alles in Grund und Boden gefahren hatte. Zwar erklärte man das mit aus Sicherheitsgründen heruntergedrehten Motoren und einem nicht getroffenen Reifenfenster, es könnte aber noch einen versteckten Faktor geben.

Es ist bekannt, dass Mercedes kurzfristige Konkurrenzfähigkeit gerne einmal zugunsten von langfristigen Vorteilen opfert. Schon früh hat man die Arbeiten am W11 eingestellt, um sich auf 2021 zu konzentrieren. Und so eine Denkweise könnte auch in Abu Dhabi eine Rolle gespielt haben.

Am Dienstag nach dem Grand Prix fand ein Testtag statt, bei dem die Teams ausdrücklich nur die Spezifikation fahren durften, die sie im Rennen von Abu Dhabi hatten. Ist Mercedes daher am Wochenende mit Komponenten gefahren, die eher für den Test gedacht waren als für das Rennen?

Schon 2019 Kompromisse eingegangen

Das ist zumindest etwas, das Mercedes auch früher schon gemacht hat. Die gleiche Regel hat man bereits 2018 und 2019 ausgenutzt und war mit Staudrucksonden am Unterboden des Autos unterwegs und konnte so sowohl im Rennen als auch im anschließenden Test Daten sammeln. Der Nachteil war nur, dass man mit etwas mehr Gewicht unterwegs war.

Bei Mercedes hat sich innerhalb der vorderen Aufhängung etwas getan

Bei Mercedes hat sich innerhalb der vorderen Aufhängung etwas getan<span class="copyright">Giorgio Piola</span>
Bei Mercedes hat sich innerhalb der vorderen Aufhängung etwas getanGiorgio Piola

Giorgio Piola

Der Katalysator für diese Veränderung sind wahrscheinlich die anstehenden Regelveränderungen und die neue Reifenkonstruktion für die kommende Saison. Die Unterschiede in der Konstruktion sorgen nicht nur für eine leicht veränderte Form der Reifen, sondern verändern auch, wie man Kerntemperatur in die Reifen bekommt und auf die Lauffläche aufpassen muss.

Diese veränderte Form könnte Mercedes 2021 dazu zwingen, weitere Anpassungen an der Vorderradaufhängung vorzunehmen, da die Radträger-Verlängerung, die in den vergangenen Jahren verwendet wurde, die Querlenker nah an der Seitenwand des Reifen platziert.

Veränderte Reifenform beeinflusst Querlenker

In Vorbereitung darauf wurden die Enden des oberen Querlenkers bereits mit Styropor eingefasst, um Schäden beim Testen der neuen Reifen zu verhindern. Dadurch kann aber auch die Oberfläche durch den Reifen abgeschliffen werden. Das gibt einen klaren Hinweis, wie nah man den Querlenker positionieren kann, bevor er mit der Seitenwand des Reifens in Berührung kommt.

Die Seitenwand der Reifen kommt den Querlenkern ziemlich nah

Die Seitenwand der Reifen kommt den Querlenkern ziemlich nah<span class="copyright">Giorgio Piola</span>
Die Seitenwand der Reifen kommt den Querlenkern ziemlich nahGiorgio Piola

Giorgio Piola

Zehn Runden mit dem neuen Reifen waren im zweiten Training vorgeschrieben, doch Mercedes absolvierte mehr, weil man darauf hoffte, dass man die Daten back-to-back mit dem Test auf den Reifen von 2020 abgleichen könnte.

Dadurch vernachlässigte Mercedes seine übliche Vorbereitung auf das Rennen. Und dass sie auch die neuen Aufhängungselemente gefahren waren, legt den Schluss nahe, dass das Team eine weniger optimale Reifenperformance hinnahm, um zusätzliche Daten aus dem Test ziehen zu können.

Mit neuem Kühler unterwegs?

Es wird zudem davon ausgegangen, dass der Rennstall eine experimentelle Kühler-Variante fuhr, die in Sachir für kurze Zeit am Auto von Valtteri Bottas getestet wurde. Denn es wurden das gleiche hintere Bodywork und die gleichen Kühlauslässe wie bei dem Test gefahren.

Es liegt nahe, dass Mercedes mit einem neuen Kühler unterwegs war

Es liegt nahe, dass Mercedes mit einem neuen Kühler unterwegs war<span class="copyright">Giorgio Piola</span>
Es liegt nahe, dass Mercedes mit einem neuen Kühler unterwegs warGiorgio Piola

Giorgio Piola

Es heißt, dass das neue Design entworfen wurde, um mit der neuen Power-Unit zu funktionieren. Um die Zuverlässigkeit zu erhalten, war das Team daher wohl gezwungen, mit weniger Leistung zu fahren. Unterstrichen wurde das wohl von dem Fakt, dass die beiden Mercedes-Piloten die langsamsten in der Topspeed-Wertung im Rennen waren.

Es ist daher davon auszugehen, dass Mercedes im Rennen einige Nachteile hingenommen hat, um langfristig profitieren zu können, während Red Bull bis zum Saisonende stark am RB16 gearbeitet hat.

Weitere Co-Autoren: Norman Fischer. Mit Bildmaterial von Motorsport Images.