Mercedes: Wurde eine Innovation von 2018 in Istanbul zum Bumerang?

Christian Nimmervoll
·Lesedauer: 4 Min.

Bei Mercedes herrscht nach dem schlechtesten Qualifying-Ergebnis seit Beginn der Hybridära im Jahr 2014 Enttäuschung vor, aber keine Ratlosigkeit. Denn die möglichen Ursachen dafür, dass erstmals seit Monza 2013 (Nico Rosberg P6, Lewis Hamilton P12) kein Mercedes in die Top 5 der Startaufstellung gefahren ist, kann das Team zumindest gut eingrenzen.

Die Ursache dafür dürfte mindestens zwei Jahre zurückliegen. Im Jahr 2018 entwickelten die Ingenieure in Brackley eine technische Innovation, die damals als "Wunderfelge" Schlagzeilen machte.

Mercedes hatte in den Jahren zuvor auf manchen Rennstrecken große Schwierigkeiten damit, die Reifen nicht zu überhitzen. Ein solches Sorgenkind war der Stadtkurs in Singapur. Die "Wunderfelgen" sollten dieses Problem ab 2018 lösen.

Genauer gesagt ging es dabei nicht um die Felgen per se, sondern um Distanzscheiben zwischen Felgen und Radträger. In die wurden Löcher gebohrt, um die heiße Luft, die innerhalb der Räder generiert wird, besser abzutransportieren. Rund um die "Wunderfelgen" herum wurde eine Reihe weiterer Maßnahmen getroffen, um die Reifentemperaturen besser kontrollieren zu können.

Istanbul-Quali: Da war ein "Reifenkiller" gefragt!

Das Konzept hatte Erfolg. Plötzlich war Mercedes auch in Singapur und Co. ein Gradmesser an Konstanz. Aber: "An einem Tag wie diesem wünschst du dir ein Auto, das die Reifen überhitzt, sie nahezu umbringt. Es ist keine große Überraschung, dass wir heute nicht besonders gut waren", sagt Andrew Shovlin, der leitende Ingenieur des Mercedes-Teams an der Rennstrecke.

"Wir haben unser Auto dafür entwickelt, bei heißen Bedingungen gut zu sein. Das war früher eine Schwäche von uns. Wir müssen uns aber anpassen, wenn es plötzlich sehr, sehr kalt wird, und das ist uns nicht gut gelungen. Daraus müssen wir eindeutig lernen", weiß er.

Durch die einzigartigen Bedingungen im Istanbul-Qualifying standen nicht die sonst üblichen Performance-Parameter wie aerodynamischer Anpressdruck, Luftwiderstand oder Balance im Vordergrund. Sondern in der Kombination aus feinem Bitumenfilm auf dem neu aufgetragenen Asphalt, Regen und niedrigen Temperaturen zählte in erster Linie die Reifentemperatur.

Die, die ihre Reifen auf Temperatur bekamen, kämpften um die Pole-Position. Teams wie Mercedes, die ihre Reifen nicht erhitzen und daher auch signifikant weniger Grip aufbauen konnten, hatten am Ende enormen Rückstand auf Polesetter Lance Stroll. Hamilton fehlten 4,8, Valtteri Bottas 5,5 Sekunden.

Beobachtern ist aufgefallen, dass Mercedes die Freien Trainings wenig genutzt hat, um sich auf die Bedingungen in Istanbul vorzubereiten. Ein Extrembeispiel zeigt den Unterschied: Während Sebastian Vettel im dritten Freien Training auf 14 Runden kam, begnügte sich Hamilton mit drei.

Für die Konkurrenz war es eine "Überraschung", wie Red-Bull-Motorsportkonsulent Helmut Marko im Interview mit 'Sky' sagt, "dass sie im dritten Training beim Regen kaum auf die Strecke sind. Wir dachten, sie sind sich so sicher. Aber das war Gott sei Dank nicht der Fall."

Wolff: Wenig Trainingsrunden war keine Faulheit

Toto Wolff entgegnet: "Wir haben uns gar nicht sicher gefühlt. Wir sind am Ende ja rausgefahren, aber es war einfach zu nass. Das Wetter hatte komplett umgeschlagen. Die guten Bedingungen waren nur zu Beginn. Am Ende der Session standen fast alle in den Boxen. Wir gingen einmal raus, um was zu probieren, aber das ergab keinen Sinn. Weil es zu nass war."

Gegenüber 'Sky' ergänzt der Mercedes-Teamchef: "Wir haben gewusst, dass wir ein Temperaturproblem haben. Das ist heute zum Tragen gekommen. Ein guter Tag für uns zu lernen. Das ist das erste Rennen, das irgendwie nicht so läuft. Daraus werden wir stärker hervorgehen."

Auch Shovlin ist optimistisch: Es sei zwar "ein Schock" gewesen, "dass wir gleich ein paar Sekunden langsamer sind als Racing Point und Red Bull. Das ist dann doch eine Sache, die uns überrascht hat. Wir glauben aber, dass wir genug über die Reifen verstehen, um da wieder rauszukommen."

Wolff ergänzt: "Ich glaube, wir haben dieses Jahr im Nassen noch keine Pole verloren. Aber es waren diesmal ungewöhnliche Bedingungen, denn es war nicht nur nass, sondern es war brandneuer, sehr rutschiger Asphalt, noch dazu mit niedrigen Luft- und Asphalttemperaturen. Da brachten wir unsere Reifen einfach nicht auf Temperatur."

"Wenn du aber nicht im richtigen Temperaturfenster bist, rutschst du nur noch durch die Gegend, und die Konsequenz daraus sind enorme Zeitunterschiede zwischen Teams und Autos", sagt der Österreicher. "Daraus müssen wir lernen. Denn auch wenn die Bedingungen ungewöhnlich waren: Sie waren für alle gleich."

"Wir haben es nicht geschafft, die Reifen auf Temperatur zu bringen und Grip zu finden. Andere aber schon. Ich sage immer, dass wir an den Tagen, an denen wir geschlagen werden, am meisten lernen. Heute ist so ein Tag. Ich hoffe, dass wir in Zukunft auch bei Temperaturen wie am Nordpol verstehen werden, was wir tun müssen, um Temperatur in die Reifen zu kriegen."

Grand Prix der Türkei in Istanbul ab 10:45 Uhr MEZ im F1-Liveticker!

Mit Bildmaterial von Motorsport Images.