Mesut Özil: Der Verfall einer großen Karriere

·Sports Editor
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Mesut Özil steht beim FC Arsenal endgültig im Abseits. Der ehemalige Nationalspieler muss in den letzten Jahren einen bemerkenswerten und vor allem undurchsichtigen Verfall seiner Karriere beobachten.

Wird seinen Vertrag beim FC Arsenal aussitzen: Mesut Özil. (Bild: Getty Images)
Wird seinen Vertrag beim FC Arsenal aussitzen: Mesut Özil. (Bild: Getty Images)

Inzwischen kann, darf und muss man es wohl so deutlich sagen: Die Karriere von Mesut Özil ist an einem toten Punkt angelangt. Dafür sorgte spätestens die Nicht-Aufnahme in den Premier-League-Kader des FC Arsenal und das anschließende Statement des 32-Jährigen über die Sozialen Medien am Mittwoch.

Im Juni 2021 läuft der Vertrag Özils in London aus. Bis dahin bezieht er ein fürstliches Gehalt, ist aber von vielen Pflichten des Profilebens entbunden. Schwierig ist es zu bestimmen, wo die Reise noch hingehen soll. Das liegt auch daran, dass die Entstehung der aktuellen Lage hochgradig undurchsichtig ist.

Özil stehen im Sommer sicherlich einige Türen offen. Viele Türen dürften sich aber auch für immer geschlossen haben. Das liegt nicht nur an der sportlichen Beurteilung des Kreativspielers - was nun wirklich nichts neues ist für den Ex-Nationalspieler.

Özil hatte Mut, der vielen anderen fehlt

Lange Zeit war Özil der vielleicht beste deutsche Offensivspieler gewesen, wirklich fair beurteilt wurde er allerdings nie. Unumstritten ist, dass er es in den letzten Jahren nur selten zu ähnlichen Leistungen wie in seinen besten Jahren zwischen 2009 und 2016 brachte.

Doch es scheint vielmehr ein, im wahrsten Sinn des Wortes, politisches Problem zu sein, das Özils Potenzial im Weg steht. “Ich kann versprechen, dass ich [...] wo immer möglich die Stimme gegen Unmenschlichkeit und Ungerechtigkeit erheben werden”, war Özils letzter Satz in einem umfangreichen Statement nach der Ausbootung durch Arsenals Trainer Mikel Arteta.

Özil wagte zuletzt immer öfter etwas, wovor ein Großteil der Profis zurückschreckt: Politische Äußerung, direkte Worte und auch das Vertreten umstrittener Meinung. Es scheint sich (leider) zu zeigen, dass der Großteil der Profis in diesem Punkt gut beraten ist, was die sportliche Karriere angeht.

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Erdoğan-Foto sorgte für Skandal 2018

Man mag feststellen, dass sich Özil bisweilen verrannt hat. Die Fotos mit dem türkischen Staatschef Recep Tayyip Erdoğan vor der Europameisterschaft 2018 hat man ihm in Deutschland bis heute nicht verziehen - zumal diese nur das Kerosin auf einen ohnehin schon schwelenden Brand waren.

Seit mindestens 2011 pflegte Özil eine gute Beziehung zu Erdoğan. Bis kurz vor der EM 2018 hatte das kaum jemanden gestört. Plötzlich war der Skandal groß, DFB-Manager Oliver Bierhoff deutete in einem Welt-Interview an, mit der Nominierung Özils einen Fehler gemacht zu haben.

Es war der Beginn einer steilen Talfahrt. Der DFB schob Özil den Schwarzen Peter zu und Özil feuerte nach einiger Bedenkzeit in nie da.gewesener Deutlichkeit zurück. Die Kontroverse hängt bis heute über dem DFB, über der Karriere von Özil und dem Abschneiden des DFB-Teams bei der EM 2018. Ausgesprochen hat man sich bis heute nicht.

Erdoğan wusste das “patriotische” Verhalten von Özil zu schätzen und instrumentalisierte den Fußballer für sich. 2019 war er Trauzeuge bei Özils Heirat.

Bruch mit dem FC Arsenal - China und Gehalt

In Deutschland dürften spätestens damit einige der Türen zugeschlagen worden sein. Aber der FC Arsenal? Die Gunners standen eigentlich zu ihrem Spielmacher und verwehrten so unter anderem Joachim Löw und Oliver Bierhoff den Zutritt zum Gelände, als diese ein klärendes Gespräch mit Özil suchen wollten.

Die Beziehung zerbrach in vielen kleinen Schritten. Da waren blutleere Auftritte als Sportler und einige Kontroversen neben dem Platz. Da war der Abschied von Förderer Arsene Wenger und eine kurze Beziehung zum spanischen Trainer Unai Emery, mit dem Özil nie auf einen gemeinsamen Nenner kam.

Als Mikel Arteta nach London kam, eigentlich ein Match wie Faust und Auge, hatte Özil wenige Tage zuvor wieder etwas gewagt, wofür kein Fußballer des gleichen Formats außer ihm den Mut hatte: Öffentlich kritisierte er den Umgang der Volksrepublik China mit den Uiguren.

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Kein Gehaltsverzicht in Coronakrise

In Zeiten in denen die europäischen Klubs, insbesondere die Klubs aus der Premier League, auf den asiatischen Markt drängen, war das ein schwerwiegendes Marketingdebakel für den FC Arsenal. Das Spiel zwischen Arsenal und Manchester City wurde aus dem chinesischen TV gestrichen, das Außenministerium Chinas stellte Özils Worten eine eigene Version entgegen.

Chinesische Fans filmten sich dabei, wie sie Özil-Trikots verbrannten. In London hingegen hielten viele Anhänger zu ihrem Spieler. Der Klub - nun ja - ein Marketing-Debakel wird heutzutage lieber unter den Tisch gekehrt als offensiv angegangen.

Der Bruch mit vielen englischen Fans folgte schließlich in der Coronavirus-Pandemie als Özil sich einem Gehaltsverzicht verweigerte, dem seine Kollegen zustimmten. Dass Özil aber offenbar vom Verein Angaben darüber forderte, wie sein Gehaltsverzicht eingesetzt werden würde, fand in der Öffentlichkeit dann schon kaum mehr Gehör. Das tägliche Gehalt von 54.000 Euro fand viel mehr Aufmerksamkeit.

Wann wurde Özil je nur sportlich beurteilt?

Die DailyMail, selbst gerne Brandstifter im Hause Özil, berichtet nun, dass auf Seiten Özils davon ausgegangen wird, dass die China-Debatte sowie der ausgeschlagene Gehaltsverzicht einen großen Anteil daran haben, dass er keinen Platz mehr im Kader findet.

Da half es auch nicht, dass Özil vor einigen Wochen offensiv anbot, das Gehalt des Arsenal-Maskottchens “Gunnersaurus” aus eigener Tasche zu bezahlen, um eine Entlassung des langjährigen Mitarbeiters zu verhindern. Vielmehr wurde es vielerorts ihm als geschickter Zug für das eigene Image ausgelegt.

Arteta erklärte den Verzicht auf Özil letztlich aus rein sportlichen Gründen. Es wäre das erste Mal in der Karriere Özils, dass er wirklich nur anhand sportlicher Leistungen beurteilt werden würde.

Für Außenstehende bleibt also vieles undurchsichtig. Wer die Lage einschätzen möchte, muss zwischen den Zeilen lesen. Die Situation von Özil ist verfahren wie selten eine Karriere zuvor.

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