Mihambo: "... dann höre ich auf"

Bei den aus deutscher Sicht enttäuschenden Leichtathletik-Weltmeisterschaften in Eugene bestätigte Weitspringerin Malaika Mihambo erneut ihre Ausnahmestellung. Die Goldmedaille der 28-Jährigen blieb nach Bronze der Frauen-Staffel über 4x100 Meter das einzige Edelmetall für „Team D“.

SPORT1 traf Mihambo in Mannheim zum Interview. Dabei sprach die 28-Jährige über das historisch schlechte Abschneiden, berichtete aber auch vom Geheimnis hinter den eigenen Erfolgen und gab ihre Meinung zu Doping.

Die gebürtige Heidelbergerin, die bei SPORT1 auch auf das Karriereende von Formel-1-Legende Sebastian Vettel reagierte, thematisierte zudem, wie sich Kinder zum Sporttreiben motivieren lassen.

Nervenkitzel gehört zum Programm dazu

SPORT1: Frau Mihambo, bei Ihren Wettkämpfen gehören Thriller-Momente offenbar dazu. In Eugene brauchten Sie einen guten dritten Versuch, um noch im Wettkampf zu bleiben. Warum ist es so schwer, schon im ersten Sprung einen rauszuhauen?

Malaika Mihambo: Es wäre auf jeden Fall einfacher gewesen. Ein guter erster Sprung kann ein Ausrufezeichen setzen, dass die Konkurrentinnen so beeindruckt sind, dass sie keine Antwort mehr darauf haben. Es macht einem deutlich einfacher, die folgenden Sprünge auszureizen, weil man dann noch fünf Versuche hat, um mit den Bedingungen und der Anlage klarzukommen.

SPORT1: Ihr zweiter Versuch war dann haarscharf übertreten. Kann man solch eine Enttäuschung schnell ablegen, um sich schnell wieder zu fokussieren?

Mihambo: Ja, und das ist auch sehr wichtig. Der Wettkampf ist erst mit dem letzten Sprung vorbei, so banal sich das auch anhört. Aber genau so muss man da herangehen: Volle Konzentration auf den einen Sprung! Deshalb habe ich mich darauf konzentriert, im dritten Sprung erstmal mit meinem Trainer klarzustellen, was die technischen Schwierigkeiten waren, warum die Sprünge ungültig waren. Ich wusste also, was ich besser machen muss, auch wenn das gar nicht so einfach ist. Man darf nur eine Kleinigkeit verändern und nicht zu viel. Gleichzeitig ging es auch darum, den Glauben an sich selbst aufrechtzuerhalten. Ich hatte ein gutes Gefühl und war mir sehr sicher, dass ich das schaffen kann. In meiner Vorstellung gab es zu diesem Zeitpunkt keine Alternative, als dass der nächste Sprung gültig ist. Die letzten Jahre gehört der Nervenkitzel zu meinem Programm dazu.

SPORT1: Merken Sie dann, wie das Adrenalin in Ihre Adern schießt?

Mihambo: Das Adrenalin kommt dann dazu, aber man muss aufpassen, dass es einen nicht ablenkt. Ich habe mich zwischen dem zweiten und dritten Sprung hingesetzt, meditiert und versucht, mich runterzubringen.

SPORT1: Ihre Nervenstärke ist inzwischen legendär und unterscheidet sich teilweise eklatant von anderen deutschen Leichtathleten. Ist der DLV schon mal auf Sie zugekommen, ob Sie anderen deutschen Athleten Tipps oder sogar ein Seminar in Sachen Mentaltraining geben könnten?

Mihambo: Ich habe so etwas noch nicht gemacht, aber vorstellen könnte ich es mir schon. Es kann ja auch jeder Athlet einzeln auf mich zukommen, wenn er diesbezüglich Fragen hat. Das ist bislang aber weniger vorgekommen.

Doping-Nachverfolgung „konsequent angehen“

SPORT1: Sie haben von 2018 bis 2022 alle Großveranstaltungen (Olympia, 2x WM und EM) gewonnen. Hat sich dadurch auch das Verhältnis zu Ihren Konkurrentinnen verändert? Schauen diese jetzt mit anderen Augen auf Sie?

Mihambo: Man schaut insofern mit anderen Augen auf mich, weil man sich meiner Konkurrenz bewusster ist. Das Verhältnis zu meinen Konkurrentinnen hat sich über die Jahre insofern verändert, dass ich jetzt einigen näher bin als noch vor ein paar Jahren. Ich kann mich auch mit ihnen über ihre Leistung freuen.

SPORT1: Hätten Sie sich auch dann gefreut, wenn Konkurrentin Ese Brume Sie im letzten Versuch noch übertroffen hätte?

Mihambo: Ja, ich hätte dann auch noch einen Sprung gehabt und versucht, noch einmal zu kontern. Wenn das nicht geklappt hätte, wäre es für mich in Ordnung gewesen, weil ich es an dem Tag nicht besser hätte machen können. Ich hätte es wahrscheinlich schade gefunden, weil ich ein höheres Leistungspotenzial gehabt hätte als diese 7,12 Meter, die es am Ende waren. Aber trotzdem hätte ich ihr den Sieg gegönnt.

SPORT1: In Eugene gab es teilweise Leistungen zu bestaunen, die einen sprachlos machten – wie zum Beispiel die beiden Fabelweltrekorde über 100 und 400 Meter Hürden bei den Frauen. Kann man solche Weltrekorde anders erklären als mit der Zugabe von leistungssteigernden Mitteln?

Mihambo: Das kann ich nicht beurteilen. Ich denke, es ist wichtig, die Doping-Nachverfolgung konsequent anzugehen und weltweit die gleiche Qualität zu haben. In Deutschland ist sie aktuell wahrscheinlich mit am höchsten, in anderen Ländern passiert weniger. Die Nachverfolgung hängt ja auch immer zwei, drei Jahre hinterher und von daher kann man Dopingverstöße oft erst nachträglich erkennen, wie es schon häufiger vorkam.

Mihambo sieht es wie Lückenkemper

SPORT1: Ihre Goldmedaille hellt die schwache deutsche Bilanz auf. Wieso sind so viele DLV-Athleten unter ihren Leistungen geblieben?

Mihambo: Man sieht, dass viele Athleten nur im internationalen Mittelfeld stehen und diese Platzierung auch gehalten haben. Es ist schwer zu sagen, dass sie schlecht abgeschnitten hätten, wenn sie 100 Prozent ihres Leistungsvermögens abgerufen haben. Es gab aber natürlich auch manche Athleten, die ihr Potenzial nicht abgerufen haben.

SPORT1: Was muss passieren, dass deutsche Leichtathleten bei Weltmeisterschaften wieder erfolgreicher werden?

Mihambo: Zielführend wäre es, mehr Athleten in die Weltspitze zu bringen. Ich kann nur aus einem begrenzten Erfahrungsbereich sprechen, sehe es aber ähnlich wie Gina Lückenkemper. Unser Fördersystem fördert Leistung – und damit vornehmlich die Athleten, die bereits oben stehen. Wenn man sich auf dem Weg dahin befindet, ist es oft schwer. Und wenn man am Ende des Monats nicht weiß, ob man bei null rauskommt oder nicht, ist es schwierig, absolute Höchstleistungen zu bringen. Das führt dann, wie Gina es gesagt hat, dazu, dass Hobby- mit Leistungssport verglichen wird. Zum anderen müssen wir schauen, dass wir eine breitere Basis schaffen, aus der eine breitere Spitze heranwachsen kann. Dazu muss man aber auch die Sichtbarkeit für mehr Sportarten schaffen, denn in Deutschland kreist, im Gegensatz zu anderen Ländern, wirklich alles um den Männerfußball. Schon beim Frauenfußball hört es eigentlich auf, wenn wir nicht, wie jetzt gerade, in einem EM-Finale standen.

SPORT1: Thomas Dreißigacker, der frühere Bundestrainer im Laufen, sagte kürzlich bei SPORT1, die Trainerausbildung müsse in Deutschland besser werden. Hat er recht?

Mihambo: Ich denke, dass es zielführend ist, dass die deutschen Trainer immer im Austausch mit internationalen Trainern sind – wie bei meinem Trainer Uli Knapp. Dazu gehört, sich mit internationalem Know-how auseinanderzusetzen, zu fragen, wie deren Trainingspläne sind und wie man „up to date“ trainiert.

Kinder begeistern? „Gar nicht so schwer“

SPORT1: Sie sagten bereits, dass der Leichtathletik die Basis fehle. Wie kann man Schüler dazu begeistern, wieder mehr Sport zu treiben? Sie waren ja schon öfter an Schulen und haben mit den Kindern trainiert.

Mihambo: Eigentlich ist das gar nicht so schwer, denn Bewegung liegt in unserem Naturell. Kinder bewegen sich von sich aus gerne. Es ist eher die Frage, wie man es leiten kann, dass Kinder in den Vereinen ankommen und auch ihre Sportart finden, weil nicht jeder die gleiche Begabung hat und jedem das gleiche Spaß macht. Man muss die Kinder in die Vereine holen, für die sie sich interessieren.

SPORT1: Dennoch ist es in der heutigen Zeit oft schwer, weil Kindern etwa mit Smartphones ganz anderen Ablenkungen ausgesetzt sind, als sie es noch vor der Jahrtausendwende waren. Glauben Sie, dass Sie trotzdem so viel Sport getrieben hätten, wenn Sie, sagen wir, 20 Jahre später geboren wären?

Mihambo: Das weiß ich nicht (lacht). Ich bin in einer Art Grenzgeneration und hatte auch schon in der 5. Klasse ein Handy. Aber natürlich konnte ein Handy zu dieser Zeit nicht so viel wie ein heutiges Smartphone. Für mich war das immer etwas, was Spaß macht und eine Ablenkung ist. Aber auch heute ist es noch so, dass es ab einem gewissen Punkt für mich langweilig wird und ich mich lieber etwas anderem widme. Man erlebt den Reichtum des Lebens sonst gar nicht so, wenn man nur in dieser Blase lebt. Wenn man aber heute aufwächst und nichts anderes kennt, ist das schon eine Gefahr.

Karriereende für Mihambo noch kein Thema

SPORT1: Mit 28 Jahren haben sie noch einige Jahre als Leistungssportlerin vor sich. Haben sie trotzdem mal darüber nachgedacht, wann Sie den letzten Sprung in die Weitsprunggrube setzen?

Mihambo: Über den letzten Sprung habe ich mir explizit mit einem Datum noch keine Gedanken gemacht. Natürlich liegt es näher als mit 20. Für mich geht es einfach darum, wie lange ich gesund bleibe, das Leistungsvermögen habe – und vor allem, wie lange es mir Spaß macht. Leistungssport ist nicht etwas, was man nebenbei macht, sondern man muss mit 100 Prozent dabei sein. Solange dafür noch mein Feuer brennt, mache ich auch gerne meinen Sport. Sollte das irgendwann nicht mehr der Fall sein, höre ich auf.


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