Darum mischt Bayern plötzlich Europa auf

Christian Paschwitz
·Lesedauer: 4 Min.

Es sind Sphären, die allmählich schon unheimlich anmuten: Das oftmals überstrapazierte Wort Höhenflug ist insofern fast schon leichte Untertreibung, richtet sich der Blick auf die Basketballer von Bayern München in der EuroLeague.

Neun Spiele hat der entthronte Deutsche Meister in der Königsklasse in dieser Saison abgespult, sieben Mal gingen die Bayern dabei als Gewinner vom Feld, sind überraschend Zweiter.

"Unwirklich", twitterte Geschäftsführer Marko Pesic.

Eine Bilanz, die nach Triumphen wie unter anderem zuletzt gegen den Vorjahreszweiten und türkischen Topklub Anadolu Efes Istanbul um den früheren Nationalspieler Tibor Pleiß, gegen den die Münchner vor einem Jahr noch eine 75:104-Packung einstecken mussten, unverhofft daherkommt und vielfältige Ursachen hat.

Zumal die Belastung in Coronazeiten ungleich höher ist als gewöhnlich, gerade in dieser Woche mit einem Zwei-Tages-Rhythmus.

Und doch kommen die Bayern, im Vorjahr beim Abbruch der EuroLeague Tabellenvorletzter, damit besser denn je zurecht - und strotzen auch vor dem nächsten Knaller mit Euroleague-Champion ZSKA Moskau am Donnerstagabend nur so vor Selbstbewusstsein.

"Wir haben diesen Comeback-Modus, weil wir im Spiel bleiben", erklärte Coach Andrea Trinchieri nach dem ersten Sieg überhaupt gegen den türkischen Titelkandidaten.

SPORT1 nennt weitere Gründe für die Erfolgsstory, die ein deutsches Team erstmals klar auf Playoff-Kurs liegen lässt.

- Team-Spirit und Comeback-Qualitäten:

Denn selbst wenn es mal hakt wie gegen Efes (52:62-Rückstand), besinnt sich das Team auf seine Stehauf-Mentalität. Gegen Fenerbahce wandelten die Bayern gar einen 21-Punkte-Rückstand in einen Sieg um.

"So ein Comeback kannst du eigentlich nicht erwarten", meinte Trinchieri zum Efes-Sieg. Er hat es aber selbst, "weil meine Mannschaft immer alles versucht, im Spiel zu bleiben. Das war ein Sieg, weil wir daran geglaubt haben. Weil wir an ihn glaubten, glaubten, glaubten!"

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Ähnlich bewertete bei MagentaSport Paul Zipser den Sieg: "Da steckte viel Energie drin." Gerade auch, weil abgesehen von der 82:100-Niederlage bei Real Madrid bei allen anderen Auseinandersetzungen hinten höchst entschlossen zu Werke gegangen wurde. "Unsere Defensive war heute wieder der Schlüssel", erklärte Lucic nach dem Efes-Coup.

Mit dem Duell mit EuroLeague-Champion ZSKA Moskau wartet am Donnerstag die ultimative Bewährungsprobe - derzeit ist es das Aufeinandertreffen zwischen dem Zweiten und Dritten der Tabelle. Die Woche der Wahrheit endet mit der Halbfinal-Neuauflage des BBL-Finalturniers gegen die MHP Riesen Ludwigsburg.

- Vladimir Lucic:

Der Serbe ist in der Form seines Lebens. Lucic toppte gegen Valencia in seinem 107. Spiel in der Euroleague die 1.000-Punkte-Marke, wurde bereits zum zweiten Mal in dieser Saison zum wertvollsten Spieler gewählt.

Das offizielle Onlineportal der EuroLeague brachte es nach dem Erfolg über Valencia so zum Ausdruck: "Das ist Lucics Welt, und wir alle leben gerade darin." Bei Twitter schrieb der FCBB: "Willkommen auf Planet Lucic."

Der 2,04 Meter große Flügelspieler ist ein Allrounder, wie man ihn selten findet. Er kann in der Offensive jederzeit übernehmen, was der Vizekapitän mit mehreren wichtigen Würfen in der Crunchtime bewies. Gleichzeitig kann Lucic wie gegen Efes, als er laut Trinchieri "nicht seinen besten Tag in der Offense hatte, wichtige kleine Dinge in der Defense" erledigen.

Trinchieri sagte kürzlich: "Er spricht vielleicht nicht so viel, aber ich bin glücklich über einen, der so seine Leistung sprechen lässt. Lucic ist unser wichtigster Spieler, unser Leader, unser Che Guevara."

- Erfolgscoach Trinchieri:

Nach Pesic, Djordjevic, Radonjic und Kostic weht durch Andrea Trinchieri ein neuer Wind in München.

Einst machte der Italiener in Bamberg auf sich aufmerksam und gewann dort insgesamt vier Titel. In den vergangenen Jahren arbeitete Trinchieri auch bei Partizan Belgrad erfolgreich (2019 und 2020 serbischer Pokalsieger und Supercup-Gewinner der Adriatischen Basketballliga 2019).

Seit Juli 2020 ist er bei den Bayern nach deren enttäuschendem Dahoam-Aus beim Finalturnier am Ruder. Seine Ansprache wirkt aktuell treffend, er ist mitreißend, ein Kommunikator, akribisch und emotional. Und er fordert seine Spieler bis an die Grenzen. "Das Training ist mental sehr anstrengend, physisch sowieso", sagte Nationalspieler Paul Zipser, der gegen Valencia 24 Punkte in 24 Minuten erzielte.

Auch taktisch ist der 52-Jährige gewieft - und zeigt zudem das richtige Händchen in Sachen Belastungssteuerung.

- Breite im Kader

"Wir haben die Minuten gut verteilt und mit der ganzen Bank gespielt", meinte Trinchieri nach dem 72:52 in der easycredit BBL in Frankfurt. Besonders in der Liga verschafft er seinen Leistungsträgern dringend benötigte Pausen, denn die BBL erlaubt höchstens sechs Ausländer auf dem Spielberichtsbogen - und die Münchner haben neun.

Zudem übernehmen immer wieder andere Spieler Verantwortung. Neben Lucic sind das in erster Linie Kapitän Nihad Djedovic, Wade Baldwin (15 Punkte und elf Assists gegen Efes), Jalen Reynolds, Nick Weiler-Babb oder auch Zipser.

"Jeder Gegner, ganz egal wer und wie gut er ist, nimmt uns jetzt zu 100 Prozent ernst", erklärte Zipser.