Mr. Zuverlässig muss die deutsche Horror-Schanze bändigen

Stefan Schnürle
Sport1

"Ich gehe All In. Wir werden alles riskieren." 

Die Devise von Karl Geiger vor dem Abschlussspringen der Vierschanzentournee in Bischofshofen ist klar. (Vierschanzentournee: Springen in Bischofshofen, Montag ab 17.15 Uhr im LIVETICKER)

Ganze 13,3 Punkte - umgerechnet 7,38 Meter - trennen Geiger vom Goldenen Adler, der dem Gesamtsieger der Tournee überreicht wird. Denn diesen Rückstand hat der drittplatzierte Geiger auf den Gesamtführenden Dawid Kubacki aus Polen. Zwischen den beiden liegt noch der norwegische Senkrechtstarter Marius Lindvik.

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Geiger könnte am Montag der Nachfolger von Sven Hannawald werden, der mit seinem historischen Vierfacherfolg vor 18 Jahren als letzter Deutscher die Tournee gewann.

SPORT1 hat Gründe gesammelt, die für und gegen einen Tourneesieg von Geiger sprechen.

Darum wird Geiger noch Tourneesieger:

Ein Rückstand von bis zu 15 Punkten ist in zwei Sprüngen auf alle Fälle aufzuholen. Das hat bereits Helmut Recknagel 1958 bewiesen, als er in Bischofshofen noch den Russen Nikolai Schamow abfing. Dessen Vorsprung auf den ehemaligen DDR-Skispringer hatte 15,7 Punkte betragen.

Man muss aber gar nicht so weit in der Geschichte zurückgehen, um zu sehen, was im Abschlussspringen in Bischofshofen alles passieren kann. 

Bei der Vierschanzentournee 2016/2017 stürzte der Gesamtführende Daniel-Andre Tande aus Norwegen wegen eines Materialfehlers im zweiten Durchgang ab und verlor fast 60 Punkte auf den Polen Kamil Stoch, der den Gesamtsieg stibitzte.


Zudem kommt es bei der Tournee vor allem darauf an, konstant gute Leistungen im Wettkampf abrufen zu können. In dieser Disziplin ist der Deutsche die absolute Nummer 1 in dieser Saison. 

Als einziger Springer landete Geiger in diesem Winter in jedem Wettkampf unter den Top 10. Sein schwächstes Ergebnis war Rang acht in Innsbruck, was vor allem an den enorm schlechten Windbedingungen im ersten Durchgang lag.

Ein Blick auf die Platzierungen in den sechs bisherigen Tournee-Sprüngen zeigt, wie konstant Geiger bei der Tournee bisher ist: 2 - 3 - 3 - 1 - 23 - 2. Ohne den Ausrutscher im ersten Durchgang von Innsbruck wäre ihm der Tourneesieg wohl kaum noch zu nehmen. (SERVICE: Gesamtwertung der Vierschanzentournee 2020)

Während Ryoyu Kobayashi mit Ausnahme von Innsbruck ähnlich konstant wie Geiger unterwegs ist, unterliegen Kubacki und Lindvik in dieser Saison deutlich größeren Schwankungen.

Bei Lindvik war dies beim Auftaktspringen in Oberstdorf zu sehen, als er nur Zehnter wurde. Kubacki präsentierte sich bei der Tournee dagegen erstaunlich konstant, zeigte am Sonntag in der Qualifikation aber Schwächen.

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Darum gewinnt Geiger die Tournee nicht:

Die Konkurrenten haben in der Qualifikation zwar durchaus kleinere Probleme offenbart, doch den schlechtesten Sprung der Favoriten zeigte Geiger.

Das allein ist kein Beinbruch, da im Wettkampf auf den DSV-Adler bisher stets Verlass war. Dennoch sind Geigers Probleme auf der Paul-Außerleitner-Schanzer bisher nicht von der Hand zu weisen. Bereits im Training reichte es nur für die Ränge 18 und 11.

Der 26-Jährige muss sich daher gewaltig steigern, wenn er nicht nur mit den Rivalen auf Augenhöhe springen, sondern einen entscheidenden Vorsprung auf diese herausholen will. Das größte Problem für Geiger ist dabei, dass er nicht nur einen Gegner hat, sondern drei.

Der Oberstdorfer muss nicht nur Kubacki und Lindvik abhängen, sondern vor allem auch den Weltcupführenden und Titelverteidiger Kobayashi in Schach halten. Der Japaner liegt nur 0,4 Punkte hinter Geiger und macht in Bischofshofen bisher den stärksten Eindruck der Favoriten.


Ohnehin muss Geiger auf ein kleines Wunder hoffen, denn der Sprung von Rang drei nach ganz vorne gelang in Bischofshofen schon lange keinem mehr. Der Finne Risto Laakkonen schaffte es 1988/89 - allerdings betrug sein Rückstand auf Spitzenreiter Jens Weißflog nur 4,5 Punkte.

Deutsche Springer haben in Bischofshofen traditionell einen schweren Stand. Weißflog verspielte dort gleich dreimal die Gesamtführung, Dieter Neuendorf gab 1966 sogar einen Zwölf-Punkte-Vorsprung noch aus der Hand.

In den letzten 15 Jahren sprangen lediglich zwei Podestplätze für deutsche Springer (Severin Freund und Andreas Wellinger) heraus. Auf keiner anderen Tournee-Schanze ist die deutsche Bilanz in dieser Zeitspanne so schlecht wie in Bischofshofen.

Den letzten deutschen Sieg gab es 2002, als Hannawald Geschichte schrieb. Diesen Sieg wird Geiger wiederholen müssen, wenn er doch noch in dessen Fußstapfen als Tourneesieger treten will.

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