Darum musste Thioune beim HSV wirklich gehen

Johannes Fischer
·Lesedauer: 4 Min.
Darum musste Thioune beim HSV wirklich gehen
Darum musste Thioune beim HSV wirklich gehen

Der Hamburger SV versucht zu retten, was vermutlich nicht mehr zu retten ist.

Um kurz vor zehn Uhr vermeldeten die Hanseaten, dass Horst Hrubesch für die letzten drei Spieltage als Cheftrainer übernimmt und damit Daniel Thioune ablöst. Mit dem Wechsel auf der HSV-Bank soll das letzte Fünkchen Hoffnung auf die Bundesliga-Rückkehr erhalten bleiben.

Hrubesch, mittlerweile 70 Jahre alt und längst zur Vereinsikone aufgestiegen, soll es also richten. Man könnte es auch eine Verzweiflungstat nennen.

Dass sich Hrubesch, der vor der Saison als Nachwuchschef zu seiner alten Liebe zurückkam, den Job als Feuerwehrmann antut, ehrt ihn allerdings. Man wolle "den Mist, den wir verbockt haben, wieder geraderücken", sagt er.

Hrubeschs Auftrag: Spieler aufrichten, Köpfe frei bekommen, Negativspirale durchbrechen.

"Laufen große Gefahr, von unserem Weg abzukommen"

"Zuletzt hat die Mannschaft leider oft unter Wert gespielt", sagt der frühere Stürmer. "Sie verfügt über eine andere Qualität, die wir jetzt in den verbleibenden Spielen auf den Platz bringen müssen. Ich werde viele Gespräche führen, reinhören und versuchen, ein paar Akzente zu setzen."

Dass der HSV zumindest noch den Relegationsplatz erreicht, ist mit einem Blick auf die Tabelle aber nicht gerade wahrscheinlich. Mit 52 Punkten liegt man zwar noch zwei Zähler vor dem Vierten Holstein Kiel, doch die Störche haben noch drei Nachholspiele in der Hinterhand. Zum Zweiten Fürth beträgt der Abstand bereits fünf Punkte. (2. Bundesliga: Die Tabelle)

Lediglich mit drei Siegen gegen Nürnberg (H), Osnabrück (A) und Braunschweig (H) dürfte der frühere Bundesliga-Dino noch auf das kleine Wunder hoffen.

Warum die Hanseaten zu einem so späten Zeitpunkt den Trainer wechseln, erklärte Sport-Vorstand Jonas Boldt auf einer kurzfristig anberaumten Pressekonferenz so: Man habe festgestellt, dass "die Dynamik in den letzten Tagen deutlich schneller und dramatischer geworden ist. Wir laufen große Gefahr, von unserem Weg abzukommen. Das wollen wir nicht und das werden wir nicht."

Die Negativserie zuletzt sei "nicht spurlos" an Thioune vorbeigegangenen, sagte Boldt. "Wir haben gesehen, dass sich alle wehren, auch wenn es auf dem Spielfeld vielleicht nicht immer so aussah. Das hat dazu geführt, dass die Beziehung zwischen Trainer und Spielen immer mehr gewackelt hat und dass sich viele Dinge verselbstständigt haben."

Spieler und Trainer nicht mehr auf einer Linie

Auf die Frage, warum man nicht schon früher reagiert habe, antwortete der frühere Leverkusen-Manager: "Ich habe gesehen, wie sich die Mannschaft berappelt hat und versucht hat, es selbst zu regeln. Ein Trainerwechsel gibt einer Mannschaft auch immer ein Alibi."

Das Verhältnis zwischen Thioune und einigen Profis war aber bereits seit längerem zerrüttet. Nach SPORT1-Informationen war ein Streit mit dem Coach für Bobby Woods Vertragsauflösung vor drei Wochen verantwortlich - und auch mit Sonny Kittel soll es Unstimmigkeiten gegeben haben.

Zur Überzeugung, es doch noch mal mit einem neuen Mann an der Seitenlinie zu versuchen, kam Boldt erst nach dem 1:1 gegen den Karlsruher SC - dem fünften sieglosen Spiel in Folge.

"Vor dem Spiel hat Thioune bewusst gesagt, er geht 'All In' - und wenn dann so ein Spiel rauskommt...", sagte der HSV-Chef. "Man hat ihm angemerkt hat, wie angeknockt er ist. Mit zwei Tagen Abstand - auch wenn ich nach wie vor überzeugt bin, dass er ein richtig guter Trainer ist - kam die Feststellung, dass die Distanz zwischen ihm und den Spielern viel zu groß ist und wir in Gefahr laufen, dass die Saison einfach austrudelt. Damit würden wir auch für den weiteren Weg viel zu viel kaputt machen."

Boldt: "Er wusste, dass die Frage kommt"

Dass Hrubesch nun den Karren aus dem Dreck ziehen soll, sei nicht geplant gewesen.

"Wir hatten eine klare Absprache, dass er seine Trainerkarriere beendet hat", erklärte Boldt. "Es war nie ein Thema. Aber auch er hat nach dem Karlsruhe-Spiel gemerkt, dass einiges nicht funktionieren. Je länger wir darüber geredet haben, kam irgendwann mal der Blickkontakt, wo er gewusst hat, dass alles, worüber wir gesprochen haben, vielleicht der Impuls sein kann, der von ihm nochmal kommt. Ohne dass wir darüber gesprochen haben, wusste ich, dass er sich nochmal Gedanken macht."

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Beim nächsten Telefonat habe er den Europameister von 1980 darauf angesprochen: "Er wusste auch, dass diese Frage jetzt kommt. Er war sich seiner Verantwortung bewusst und hat sie angenommen. Aber es ist ganz klar kommuniziert, dass das nur bis zum Saisonende geht."

Boldt ist sicher: Wenn es einer schafft, dann Hrubesch. "Er soll er selber sein, die Klarheit und Lockerheit behalten und die Richtung vorgeben. Er hat Erfahrung genug. Ich möchte das nicht auf drei Spiele begrenzen, sondern auf mögliche fünf."

Baumgart beim HSV im Gespräch

Dann hätte Feuerwehrmann Hrubesch zumindest die beiden Relegations-Duelle geschafft.

Und danach? Muss ein anderer den Job übernehmen, an dem in den vergangenen Jahren so viele gescheitert sind. Als Kandidat für ab Sommer wird Steffen Baumgart ins Spiel gebracht. Laut MOPO und kicker ist der HSV am Noch-Paderborn-Trainer interessiert.

Dabei bahnt sich ein Nordduell mit Hannover 96 an, die bei Baumgart bereits ihren Hut in den Ring geworfen haben. Was für die Rothosen spricht: Baumgart ist bekennender HSV-Fan.