Nachruf auf Kobe Bryant: Abschied von der "Black Mamba"

Moritz PiehlerFreier Autor
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Trauernde Fans versammelten sich am Sonntagabend spontan nahe des Staples Center in Los Angeles um Kobe Bryant zu würdigen und ihm und seiner Tochter zu gedenken. (Bild: REUTERS/Kyle Grillot)
Trauernde Fans versammelten sich am Sonntagabend spontan nahe des Staples Center in Los Angeles um Kobe Bryant zu würdigen und ihm und seiner Tochter zu gedenken. (Bild: REUTERS/Kyle Grillot)

Rund um die Welt sind die Menschen fassungslos über den Verlust eines globalen Superstars, der seine Sportart über zwei Jahrzehnte geprägt hatte. Kobe Bryant wird zu recht in einem Atemzug mit Michael Jordan genannt, wenn es um die größten Basketballer aller Zeiten geht.

Zahlen bedeuten viel in der Statistik-verrückten US-amerikanischen Sportwelt. Doch die Bedeutung von Kobe Bryant ließ sich am gestrigen Sonntag nach der Nachricht seines Todes an dem kollektiven Schockzustand ablesen, in den diese, seine Welt, verfiel. In den sozialen Medien, in Live-Sendungen und auf den Spielfeldern aller Sportarten gedachten Fans, Athleten und Journalisten diesem einzigartigen Basketballspieler. Vor dem Staples Center, der Heimat seiner Los Angeles Lakers, versammelten sich gestern spontan tausende Fans, um gemeinsam zu trauern.

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Der Autor dieser Zeilen ist ihm einmal begegnet, im Frühjahr 1997, Kobes erstem NBA-Jahr. Nach einem bedeutungslosen Spiel gegen die Denver Nuggets traf ich den 18-jährigen in der Mixed-Zone. Er hatte nur zehn Minuten gespielt, acht Punkte erzielt. Aber man konnte die Bewegungen, die Attitüde und die Aura des späteren Superstars förmlich um ihn spüren. Da lagen all die Triumphe, Erfolge und Niederlagen, Highlight Filme und Meilensteine noch vor dem übertalentierten Teenager, die jetzt noch einmal auf allen Kanälen und bei seiner sicheren Einführung in die Ruhmeshalle des Basketball im Herbst gezeigt werden. Doch dieses ganze Ausmaß seines Ruhmes war am Beginn seiner Karriere so nicht abzusehen gewesen.

Als die Los Angeles Lakers im Frühsommer 1996 ihren erfahrenen Center Vlade Divac für einen noch nicht einmal volljährigen Highschool-Spieler tradeten, fassten sich viele Experten an den Kopf. Natürlich war nicht unbemerkt geblieben, dass dieser junge Mann mit dem seltsamen Namen unglaublich viel Talent mitbrachte. Aber ohne den regulären Weg über wenigstens ein paar Jahre in der amerikanischen College-Liga zu spielen, hätte er doch wohl kaum eine Chance in der besten Basketballliga der Welt. Und dann noch bei einem Traditions-Team, das zu dieser Zeit am Straucheln war. Dessen besten Jahre nun schon ein wenig zurücklagen und dessen Fans und Medienwelt nicht von den riesigen Erwartung an dieses “Showtime” getaufte spektakuläre Überteam ablassen wollten.

Die Jahre mit Shaq: Siegreiche Rivalen

Viel mehr als auf dem jungen Guard aus Philadelphia lag die Aufmerksamkeit dementsprechend auf dem besten Center seiner Generation, Shaquille O’Neal, den die Lakers gerade aus Orlando nach Kalifornien gelotst hatten. Vier Jahre später konnte das kongeniale Duo die erste Larry O’Brian Trophäe in Richtung Hallendecke strecken. Bryants erster NBA-Titel war der erste von drei in Folge, die er mit “Shaq” holen sollte. Doch das Duo harmonierte nur auf dem Feld richtig gut. Abseits davon waren die Egos beider Superstars zu groß, die Arbeitseinstellung zu unterschiedlich. Und so krachte die Dynastie 2004 auseinander, als O’Neal nach einer letzten gemeinsamen Final-Niederlage nach Miami getradet wurde.

Bryant hat diesen Bruch in späteren Jahren immer mal wieder bedauert, die beiden hatten sich inzwischen längst wieder versöhnt. Wer weiß, wohin es für die Lakers noch gegangen wäre, hätte die Chemie zwischen den Superstars besser gestimmt? Denn die “Black Mamba” war vor allem dafür bekannt, wie ehrgeizig und hart arbeitend er war. Das führte schon mal dazu, dass es Mitspieler und Trainer nicht ganz einfach mit Kobe hatten. Auch das eine Parallele zu Michael Jordan übrigens: Dieser unbedingte Wille, zu siegen. Kobe forderte sich, seinem Körper und eben auch seinen Teamkollegen alles ab. Das machte ihn nicht immer beliebt, besonders bei den gegnerischen Fans, aber durchaus auch bei den Experten. Zu egoistisch, zu verbissen, zu wenig mannschaftsdienlich sei Bryant. Gecoacht wurde übrigens Bryant wie Jordan von der Trainerlegende Phil Jackson, bekannt für sein Händchen mit schwierigen Charakteren. In seinem Buch “The Last Season” kritisierte Jackson seinen Star zwar heftig, doch es sollte nach den drei ersten Titeln und dem Weggang von Jackson 2004 nicht die letzte Zusammenarbeit der beiden gewesen sein.

Der fünfte und letzte NBA-Titel seiner Karriere. Im Juni 2010 besiegten Bryant und seine Lakers noch einmal den Erzrivalen der Boston Celtics in sieben epischen Duellen. (Bild: Christian Petersen/Getty Images)
Der fünfte und letzte NBA-Titel seiner Karriere. Im Juni 2010 besiegten Bryant und seine Lakers noch einmal den Erzrivalen der Boston Celtics in sieben epischen Duellen. (Bild: Christian Petersen/Getty Images)

Dem Abgang von Jackson und “Shaq” folgten ein paar harte Jahre. Verletzungen und ein glückloses Händchen der sportlichen Führungen sorgten dafür, dass um Bryant herum kein wettbewerbsfähiges Team mehr zustande kam. Privat musste sich Bryant nach Vorwürfen des sexuellen Missbrauches rehabilitieren. Der Fall kam nie vor Gericht, weil es zu einer außergerichtlichen Einigung mit der 19-jährigen Frau kam, doch Bryants Ehe und sein Image waren schwer angeschlagen. 2007 war Kobe so frustriert, dass er sogar die Lakers verlassen wollte. Aber Lakers-Besitzer Jerry Buss konnte seinen Star mit Engelszungen zum Bleiben überreden. Und das zahlte sich aus.

2009 und 2010 holte Bryant gemeinsam mit dem zurückgekehrten Coach Jackson seine ersten Titel ohne O’Neal, wurde jeweils zum wertvollsten Spieler der Finals gekürt und stieg endgültig zu den ganz Großen seiner Sportart auf. Danach waren die sportlichen Glanzjahre seiner Lakers allerdings vorbei. Einmal noch erreichten sie die Conference-Finals, wo Dirk Nowitzki und seine Mavericks sie auf dem Weg zum Titel aus dem Weg räumten. Bryant selbst wurde von unzähligen Verletzungen geplagt, die Lakers schleppten sich durch eine Horror-Saison nach der nächsten. Doch Bryant spielte, solange es sein Körper irgendwie erlaubte.

Der späte Kobe: Hart gegen sich selbst, freundlich zu anderen

Der Kobe Bryant der späten Karrierejahre war weicher geworden. Er konnte auch mal über sich und seinen Ehrgeiz lachen, hatte viel Lob und Respekt für anderer Spieler übrig. Das kam auch Dirk Nowitzki zu spüren, der als einziger eine noch größere Vereinstreue als Bryant bewies. Bryants letzter Tweet war eine Anerkennung an LeBron James, bei den Lakers und in der Riege der Superstars sein legitimer Nachfolger. James hatte Kobe gerade als Drittbesten Scorer aller Zeiten eingeholt und Bryant nichts als Respekt übrig:

Seinen Karriereabschied verkündete er 2016 unerwartet poetisch mit einem Gedicht, einer Ode an den Basketball. Sie wurde als animierter Kurzfilm sogar mit einem Oscar ausgezeichnet. so berührend war Bryants Liebe für seinen Sport darin geschildert. Er wollte sich ab diesem Zeitpunkt seiner Familie widmen, seinen vier Töchtern und dem Filmemachen. Obwohl er es explizit nicht gewünscht hatte, wurde er natürlich trotzdem in jeder Halle bei seiner Abschiedstour geehrt und gefeiert. Selbst von den Fans, die ihn einst als verhassten Rivalen gesehen hatten.

Sein letztes Spiel war schöner als jedes Hollywood-Drehbuch. Ein Ausrufezeichen auf seine einzigartige Karriere mit fünf NBA-Titeln, einer MVP-Trophähe, zwei Scoring-Titeln, 18 All-Star Teilnahmen und zwei Olympischen Goldmedaillen. Vor seinem Lakers-Publikum verlangte er dem 37-jährigen Körper zum Abschied noch einmal einen Kobe-Moment ab. 60 Punkte standen am Ende auf seinem Konto und Bryant scherzte danach, er sei froh, dass seine Töchter das mit angesehen hätten, damit sie nicht glaubten, er übertreibe immer, wenn er von früher erzählte.

Kobe mit seiner Tochter Gianna, genannt "Gigi", die mit ihm an Bord des verunglückten Helikopters war. Bryant hatte seine zweitälteste Tochter immer als seine legitime Nachfolgerin bezeichnet. (Bild: Paul Bereswill/Getty Images)
Kobe mit seiner Tochter Gianna, genannt "Gigi", die mit ihm an Bord des verunglückten Helikopters war. Bryant hatte seine zweitälteste Tochter immer als seine legitime Nachfolgerin bezeichnet. (Bild: Paul Bereswill/Getty Images)

Nun ist Bryant mit nur 41 Jahren bei einem Hubschrauber-Absturz ums Leben gekommen. Mit an Bord war seine 13-jährige Tochter Gianna, die das Ausnahmetalent ihres Vaters geerbt hatte.

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