Nagelsmanns Erbe ärgerte schon Klopp und Beckham

Martin Hoffmann
·Lesedauer: 4 Min.
Nagelsmanns Erbe ärgerte schon Klopp und Beckham
Nagelsmanns Erbe ärgerte schon Klopp und Beckham

Seine eigene Karriere als Bundesliga-Profi ist zwar schon ein paar Jahre her. Aber die Spielfreude hat Guido Schäfer sich bewahrt.

"Schreib drüber: 'Der lange Marsch'", rät er am Ende des Gesprächs über den Mann, von dem nicht nur er sicher ist, dass er der Nachfolger von Julian Nagelsmann bei RB Leipzig ist.

Jesse Marsch, aktuell noch bei Schwesterklub Red Bull Salzburg, soll den zum FC Bayern München abwandernden Nagelsmann ersetzen. Der kicker berichtet schon von Einigkeit und auch Schäfer, als langjähriger Reporter der Leipziger Volkszeitung dicht dran am RB-Geschehen, berichtet im Gespräch mit SPORT1: "Die Wege sind schon geebnet. Leipzig will, Jesse Marsch will und Salzburg wird und muss ihn freigeben. Er kann's und er wird's."

Wer aber ist der US-Amerikaner, von dem die Leipziger Verantwortlichen so überzeugt sind, dass sie Erfolgstrainer Nagelsmann keine Steine auf seinem Weg nach München in den Weg gelegt haben?

Jesse Marsch ist ein alter Bekannter bei RB Leipzig

Wer das Fußball-Imperium von Red Bull kennt, dem ist Marsch nicht erst seit dieser Woche ein Begriff: Der Mann aus der 80.000-Einwohnerstadt Racine in Wisconsin wird seit Jahren konsequent als Leipzig-Coach der Zukunft aufgebaut.

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Im Jahr 2015 bekam er den Job als Cheftrainer der New York Red Bulls, der RB-Filialie in der Major League Soccer. Nach drei erfolgreichen Jahren dort wurde er in einer Personalrochade, die schon damals aufhorchen ließ, zu Rangnicks Assistenten in Leipzig. Marsch sei dort als "unglaublich akribischer Arbeiter" aufgefallen, berichtet Schäfer: "Er ist einer, der seine Karriere genau geplant hat."

Der Wechsel nach Salzburg 2019 - als Nachfolger von Marco Rose - war der naheliegende nächste Schritt in diesem Karriereplan. Die Rückkehr als Chef wäre die naheliegende (vorläufige) Vollendung. "Natürlich ist Leipzig eine Top-Idee", hatte Marsch erst kürzlich bei Sky festgehalten.

Marsch hat die klare Ambition, sich als Trainer in Europa zu etablieren, auch seine familiäre Lebensplanung ist darauf ausgerichtet - die deutsche Sprache hat sich der dreifache Familienvater dafür auch schnell angeeignet. Eine bemerkenswerter Weg für einen Mann, der seine Heimat zu aktiven Zeiten nie verlassen hatte.

Als Spieler nur in den USA, als Trainer weitete Marsch den Horizont

Zwischen 1996 und 2009 bestritt Marsch als Mittelfeldspieler 321 MLS-Partien für D.C. United, Chicago Fire und Chivas USA, einen früheren Vorort-Klub von Los Angeles. Seine berühmteste Szene hatte er dort, als er 2007 im Derby mit L.A. Galaxy Superstar David Beckham foulte und eine Rudelbildung auslöste.

Marsch kam auch zu zwei Einsätzen als Joker in der Nationalmannschaft - wo er seine Trainerkarriere als Assistent von Bob Bradley begann, dem 2011 entlassenen Vorgänger von Jürgen Klinsmann.

Nach einer ersten kurzen und wegen "unterschiedlicher Philosophien" recht schnell beendeten Station bei Montreal Impact und einer Weltreise durch 32 Länder, mit der er seinen Horizont erweiterte, folgte 2015 das Engagement in New York - wo er sich dann richtig profilierte.

Marsch führte die Franchise - im US-Sport ist die Scheu vor Business-Sprache geringer - gleich in seiner ersten Saison zu seiner bis dato besten Bilanz und verdiente sich die Ehrung als MLS-Coach des Jahres. Es lief auch in den Jahren darauf so gut, dass Marsch begann, seinen Blick nochmals zu weiten.

"High-press, high-energy"

Bei der schottischen FA schrieb Marsch sich für den Erwerb der UEFA-Trainerlizenz ein und pendelte dafür zwei Jahre zwischen den Kontinenten. Das Fernziel Leipzig-Coach zeichnete sich schon damals ab - wegen der Red-Bull-Verflechtungen, aber auch, weil Marsch auch persönlich für die dort vertretene Spielidee brennt.

Schon als New-York-Coach verfolgte er den Ansatz "high-press, high-energy", sprach in einem Interview damals von einem "way of life", den er damit vertrete.

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Taktik sei dabei nur eine Hälfte des Erfolgsrezept, "die andere Hälfte ist das Schaffen einer Mentalität, einer Umgebung, einer Identität: Wer wir sind, wie wir arbeiten, wie wir interagieren." Marschs Ansatz passt bestens in die Red-Bull-Welt - und er hat auch die Erfolge erzielt, die seine Worte stützen.

Ausrufezeichen auch gegen Jürgen Klopp

Das New Yorker Team verließ er mit der besten Bilanz aller dort bisher wirkenden Trainer, mit Salzburg wurde er 2020 Meister und ist auf dem Weg zur Titelverteidigung.

Auch in der Champions League - dem Wettbewerb, den die Salzburger wegen der immer wieder verpassten Qualifikation lange verfluchten - setzte er trotz zweimal verpasster K.o.-Phase Ausrufezeichen.

Besonders in Erinnerung blieb das knapp verlorene 3:4 gegen den FC Liverpool und die leidenschaftliche Halbzeitansprache an Erling Haaland und Co. ("Das ist nicht ein f**king Freundschaftsspiel"), die als virales Video um die Welt ging. "Als Reporter mit 53 habe ich da auch nochmal Lust bekommen, wieder in die Fußballschuhe zu steigen", erinnert sich Schäfer.

Hat Marsch dasselbe Format wie Nagelsmann, vielleicht sogar ein größeres? Schäfer ist noch nicht ganz sicher: "Was nicht ist, kann noch werden", meint er.

Beeindruckend ist der der lange und konsequente Weg des Jesse Marsch definitiv schon jetzt. Und der Ehrgeiz, seine eigene Erfolgsgeschichte und die der Leipziger fortzuschreiben, ist in jedem Fall im Übermaß vorhanden.