Narey: Darum steigt der HSV diesmal auf

Daniel Jovanov
·Lesedauer: 6 Min.

Khaled Narey kam direkt nach dem dunkelsten Kapitel der Vereinsgeschichte des Hamburger SV zum Klub - dem Abstieg aus der Bundesliga. Seitdem versucht der Mittelfeldmann mit den Hanseaten alles, um den Sprung zurück ins Oberhaus zu schaffen.

In den vergangenen beiden Jahren scheiterte der HSV jeweils kurz vor der Ziellinie (Service: Der Spielplan der 2.Liga).

Im dritten Anlauf will sich der 26-Jährige die Chance nicht entgehen lassen. Immerhin hat der Traditionsverein in der 2. Liga einen nahezu perfekten Saisonstart hingelegt und kann sich mit einem Sieg gegen Holstein Kiel heute Abend (2. Liga: HSV - Holstein Kiel ab 20.30 Uhr im LIVETICKER) weiter von der Konkurrenz absetzen. Narey hat großen Anteil am guten Auftakt mit zwei Treffern und starken Leistungen.

Bei einem Sieg würde der HSV nach sieben Spielen bereits ein Polster von sechs Zählern auf den Zweiten Osnabrück haben (Service: Die Tabelle der 2.Liga).

Vor dem Spitzenspiel verrät Stammspieler Narey im SPORT1-Interview, was er aus dem doppelten Scheitern gelernt hat und wie das aktuelle Erfolgsgeheimnis lautet.

SPORT1: Herr Narey, das Stadtderby gegen den FC St. Pauli liegt nun ein bisschen zurück. Mit Abstand betrachtet: Überwiegt die Erleichterung über den Punktgewinn oder Ärger darüber, das Spiel nicht gewonnen zu haben?

Khaled Narey: Es ist ein Mix aus beidem. Wenn man den Spielverlauf gesehen hat, konnten wir am Ende mit dem Punkt zufrieden sein. Aber natürlich ist auch Ärger dabei, dass wir das Derby nicht gewonnen haben. Vor allem, wenn man sich vorstellt, was im Stadion unter normalen Bedingungen los gewesen wäre. Für die Fans tut es mir leid, dass aktuell keine oder bzw. nur sehr wenige Zuschauer dabei sein dürfen. Solche Spiele wie das Derby leben von Emotionen. Aber natürlich geht die Gesundheit in diesen Zeiten vor.

Narey hat wieder richtig Spaß

SPORT1: Der Saisonstart lief für Sie mit 16 Punkten, fünf Siegen, einem Remis und keiner Niederlage fast perfekt. Wie erleben Sie diese Zeit gerade?

Narey: Es macht im Moment einfach Spaß. Mit jedem Sieg wächst auch das Selbstvertrauen bei jedem Einzelnen. Wir haben in dieser Saison einen sehr starken Kader und reagieren auch nach Rückschlägen gut, lassen uns nicht hängen. Schon in der Vorbereitung hat der Trainer großen Wert auf Mentalität gelegt. Das sieht man schon auch an Kleinigkeiten im Training. Zum Beispiel, mit welchem Tempo wir nach einem Ballverlust sofort dagegenhalten. Wir wissen, dass wir gute Fußballer in unserem Kader haben. Aber in dieser Liga kommt es auch auf andere Dinge wie Robustheit in Zweikämpfen an. Das setzen wir derzeit gut um.

SPORT1: Mit Sven Ulreich und Simon Terodde kamen im Sommer zwei sehr erfahrene Spieler dazu. Wie macht sich das in der Kabine bemerkbar?

Narey: Fußballerisch und menschlich sind beide ein Gewinn für unsere Mannschaft. Sven und Simon haben sich sehr schnell integriert und können uns allen mit ihrer Erfahrung helfen. Gerade für jüngere Spieler kann es sehr lehrreich sein, wenn man in der Kabine neben jemandem sitzt, der kürzlich erst das Triple gewonnen hat oder mehrfacher Torschützenkönig war.

Sommer war für Narey der Neustart beim HSV

SPORT1: Für Sie persönlich lief der Start in die Saison mit zwei Toren und einer Vorlage ebenfalls erfolgreich. Der neue Trainer Daniel Thioune setzt auf Sie. Worauf führen Sie Ihre Form zurück?

Narey: Ich habe die Sommervorbereitung als Neustart gesehen und wollte mich in der bestmöglichen Verfassung präsentieren. Natürlich spielt das Vertrauen des Trainers eine wichtige Rolle. Er kommuniziert viel, ist sehr detailversessen und gibt uns immer wieder ehrliches Feedback. So weiß jeder, woran er ist. Ich weiß um meine Qualitäten und möchte sie in dieser Saison noch stärker in unser Spiel einbringen. Dabei hilft mir auch die Art und Weise, wie wir Fußball spielen.

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SPORT1: Was ist diesmal anders?

Narey: Wir sind taktisch sehr variabel und nicht so leicht ausrechenbar, was die Gegner immer wieder vor Probleme stellt. Außerdem denken wir sehr offensiv, suchen den Weg auch über die Flügel schnell nach vorne. So kann ich meine offensiven Qualitäten gut einbringen.

Narey hat Lehren aus verpassten Aufstiegen gezogen

SPORT1: Die letzten beiden Spielzeiten fingen ähnlich gut an. Am Ende reichte es aber doch nicht für den Aufstieg. Wie optimistisch sind Sie, dass es diesmal klappt?

Narey: Wir haben natürlich unsere Schlüsse gezogen und wissen den Start richtig einzuordnen. Ein guter Start allein hat in dieser Liga noch nichts zu bedeuten. Wir gehen inzwischen mit einem anderen Selbstverständnis in die Spiele, wissen aber auch, dass wir nicht einfach durch die Liga marschieren werden. Es klingt vielleicht wie eine Floskel, aber wir können nur von Spiel zu Spiel denken und müssen jede Partie angehen wie ein Finale.

SPORT1: In Ihrer ersten Saison beim HSV sprach bis zum 4:0-Sieg gegen den FC St. Pauli im Stadtderby alles für den Aufstieg. Was ist danach passiert?

Narey: Wir kamen in eine sehr schlechte Phase, in der gefühlt gar nichts mehr für uns ging. Mit jeder weiteren Niederlage wurde der Druck größer. Es ist unglaublich viel auf uns eingeprasselt. Das Selbstvertrauen war irgendwann nicht mehr da.

"In WhatsApp-Gruppe nach Niederlagen nicht viel los"

SPORT1: Im Sommer nahm die Saison einen ähnlichen Verlauf. Ist das irgendwie zu erklären?

Narey: Schwierig. Man kam sich teilweise vor wie in einem falschen Film. Wir haben in vier Spielen in letzter Minute ein Gegentor kassiert. Es hat geschmerzt und war eine Qual, diese Zeit mitzuerleben. Wir haben alles versucht dagegenzuhalten. Aber wir konnten den negativen Lauf leider nicht stoppen.

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SPORT1: Wie ist in solchen Phasen die Kommunikation innerhalb der Mannschaft?

Narey: In unserer WhatsApp-Gruppe war nach Niederlagen nicht viel los, weil jeder die Enttäuschungen erst einmal für sich selbst verarbeiten musste. Es ist ja nicht so, dass man nach Hause geht und die Spiele sofort abhaken kann. Die Situation hat an jedem von uns genagt. Aber es kann auch schnell in die andere Richtung gehen, wie wir gerade erleben. Jeder Sieg bringt Lockerheit, es wird wieder mehr gelacht.

Thioune überredete Narey vom Verbleib beim HSV

SPORT1: Nehmen Sie wahr, was rund um den Verein geschrieben und berichtet wird?

Narey: Ich halte nicht viel davon, den Fokus zu sehr auf Dinge zu legen, die man nicht beeinflussen kann. Natürlich wird einem schon mal etwas zugeschickt. Aber ich versuche mich davon frei zu machen. Ich bin auch allgemein etwas zurückhaltender, was soziale Medien angeht.

SPORT1: Bei Ihnen war lange Zeit offen, ob Sie den Verein verlassen oder bleiben. Was hat den Ausschlag für den Verbleib gegeben?

Narey: Der neue Trainer und die damit verbundene neue Chance waren für mich entscheidende Gründe. Wir wollen die letzten beiden Jahre nicht einfach so auf uns sitzen lassen, sondern den größtmöglichen Erfolg mit dem HSV erreichen. Für mich persönlich geht es darum, meinen Beitrag mit konstant guten Leistungen zu liefern.

SPORT1: Im Top-Spiel der zweiten Bundesliga treffen Sie heute auf Verfolger Holstein Kiel. Wie schätzen Sie die Lage in der Liga in diesem Jahr ein?

Narey: Neben Kiel gibt es viele weitere Mannschaften, die guten Fußball spielen und oben angreifen wollen. Ich kenne das aus meiner Zeit in Fürth und in Paderborn noch sehr gut: Als vermeintlich "kleinerer" Verein ist man in jedem Spiel gegen die "größeren" hochmotiviert und will sich zeigen. Darauf müssen wir uns in jedem Spiel einstellen. Ich erwarte bis zum Ende der Saison einen sehr spanenden Kampf um die vorderen Plätze in der Liga.