"Demokratieevent #12062020": Wirbel um Nazi-Aussage von Veranstalter

Johannes GieslerFreier Autor
Im Berliner Olympiastadion soll im Juni "das Unmögliche möglich gemacht" werden - so schreiben es die Veranstalter des "#12062020"-Events auf der Internetseite. Insgesamt 90.000 Menschen wollen sie an diesem Tag zusammenbringen. (Bild: Getty Images/Louise Morgan)
Im Berliner Olympiastadion soll im Juni "das Unmögliche möglich gemacht" werden - so schreiben es die Veranstalter des "#12062020"-Events auf der Internetseite. Insgesamt 90.000 Menschen wollen sie an diesem Tag zusammenbringen. (Bild: Getty Images/Louise Morgan)

Im Juni ist ein Großevent im Berliner Olympiastadion geplant. Dort sollen drängende Themen der Gegenwart besprochen werden, darunter Rassismus und Klimawandel. Nun hat einer der Initiatoren in einem Interview gesagt, er würde das auch mit Nazis tun – sofern sie sich konstruktiv beteiligten.

Am 12. Juni 2020 sollen sich 90.000 Bürgerinnen und Bürger im Olympiastadion in Berlin versammeln, um gemeinsam die Welt zu retten. So jedenfalls lautet der Plan der beiden Initiatoren Philip Siefer und Waldemar Zeiler des so genannten “Klima- und Demokratieevents #12062020”. Bekannt sind sie bislang als Gründer des Unternehmens „Einhorn“, das etwa vegane Kondome und nachhaltige Bio-Tampons produziert.

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Massive Kritik in den sozialen Netzwerken

Mit dem Großevent im Juni wollen die beiden Männer nun “Wissenschaftler*innen, demokratiefördernden Initiativen und zivilgesellschaftlichen Organisationen eine Bühne geben, um Lösungen für die drängendsten Probleme unserer Zeit gebündelt zu präsentieren und diese z.B. mit Hilfe von Petitionen direkt vor Ort zu verabschieden (alles non-profit)”. So steht es auf der Crowdfunding-Seite des Events, wo bis Ende des Finanzierungszeitraums am Montag über zwei Millionen Euro zusammengekommen sind und damit das Finanzierungsziel erreicht wurde.

Seit einigen Tagen sieht sich das Projekt massiver öffentlicher Kritik ausgesetzt. Grund dafür ist ein Interview Siefers mit dem Journalisten Tilo Jung in dessen Videoformat “Jung & naiv”. In dem rund zweistündigen Gespräch, das am Sonntag auf Youtube hochgeladen wurde, stellt Jung die Frage, ob denn auch wirklich alle bei der Veranstaltung willkommen seien? Auch Nazis? Das bejaht Siefer. Mit dem Zusatz: “Wenn die sich konstruktiv an der Lösung der Probleme beteiligen möchten.” Von dieser Aussage distanzieren sich seither zahlreiche Menschen in den sozialen Netzwerken und hinterfragen das grundlegende Demokratieverständnis des Veranstalters.

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Nicht nur die “Nazi-Aussage” wird kritisiert

Es findet sich auch die Unterstützerin des Projekts Luisa Neubauer unter den Kritikern und Kritikerinnen. Sie hatte zuvor dem Werbevideo auf der Crowdfunding-Seite von “#12062020” ihre Stimme gegeben.

Manche Nutzerinnen und Nutzer hinterfragen die Aussage Siefers in langen Threads.

Wann wird Toleranz zum Selbstzweck?

Die “taz” erinnert mit einem Ausschnitt aus einem Essay von Philosoph Herbert Marcuse aus dem Jahr 1965 daran, wie weit Toleranz gehen sollte: “Toleranz, die von Inhalten absieht, zum Selbstzweck wird und deshalb schlecht ist, weil sie so erlaubt, dass auch das Schlechte und die schlechten gesellschaftlichen Verhältnisse toleriert werden.”

Die jüngste Welle an Kritik ist dabei nicht die erste, mit der sich die Veranstalter konfrontiert sehen. Auch die Wahl des Ortes, das Berliner Olympiastadion, um dort eine “Party der Demokratie zu feiern”, wurde vielfach kritisiert. Immerhin wurde die Sportstätte von den Nazis für die Olympischen Spiele gebaut. Auch das bereits erwähnte Werbevideo, in dem Neubauer und auch Charlotte Roche als bekannte Fürsprecherinnen auftreten, geriet in die Kritik. Grund war, dass es darin hieß: Die “Lösung für die größte Krise der Menschheit” sei für 29,95 Euro “zu kaufen”. So viel kostet eine Eintrittskarte zu der Veranstaltung. Kritisiert wurde, dass trotz des demokratischen Anspruchs durch den Preis zahlreiche Menschen von der Teilnahme ausgeschlossen würden. Auch den kapitalistischen Ansatz, die “Weltrettung zu verkaufen”, prangerten viele an.

“Es tut mit leid!”

Mittlerweile hat sich Philip Siefer von seiner jüngsten Aussage distanziert und sich dafür entschuldigt. Auf Twitter schrieb er: “Unser Projekt versteht sich als inklusiver Meinungs- und Willensbildungsprozess, in dem sich freie und gleiche Bürger*innen darüber verständigen, welche Ziele und Normen im Interesse aller liegen. Wir tolerieren Rassismus in keiner Form.” Dazu veröffentlichte er einen offenen Brief, adressiert an “alle Olympia-Interessierte”. Darin heißt es: “Nazis und Demokratie – das passt niemals zusammen. Deswegen noch mal in aller Klarheit: wir wollen und werden am 12. Juni natürlich nicht mit Nazis diskutieren.”

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