Das neue Quarterback-Phänomen der NFL

Nadine Münch
Sport1

"Weißt du eigentlich, wie viele Kids in diesem Land in den nächsten 20 Jahren das Quarterback-Trikot mit der Nummer 8 tragen werden!?"


Es ist keine Frage aus den Zeiten der NFL-Legenden Troy Aikman oder Steve Young, die einst mit der 8 auf dem Shirt glänzten.

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Sie wurde erst vor wenigen Tagen von Baltimore-Coach John Harbaugh formuliert - und drückt aus, was schon seit Wochen in der Luft liegt: Die NFL hat ein neues Quarterback-Phänomen!

Ravens-Quarterback Jackson mit unfassbaren Zahlen

Die Rede ist von Lamar Jackson, seines Zeichens Quarterback der Ravens - und Adressat von Harbaughs Frage. Der 22-Jährige macht seit Beginn der Saison mit starken Leistungen auf sich aufmerksam und jagt mit unfassbaren Zahlen einen Rekord nach dem anderen.

"Jackson ist ein absolutes Ausnahmetalent, gar keine Frage. Er hat aber vor allem auch die richtige Einstellung. Er denkt nicht, er sei der Coolste und Beste, sondern er will sein Team zum Erfolg führen. Dafür macht er alles und spielt alles aus", lobt Ex-NFL-Champion Sebastian Vollmer im Gespräch mit SPORT1.

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Wirft man einen Blick auf Jacksons Statistiken aus seinen ersten 16 Spielen als Starting-Quarterback, traut man seinen Augen kaum, denn er stellt die Quarterback-Superstars reihenweise in den Schatten.

Jackson bringt es auf die meisten Siege (13 - mehr als Patrick Mahomes), die meisten Rushing Yards (1258 - mehr als LaDainian Tomlinson), das beste Passer Rating (94,4 - besser als Tom Brady), die meisten Yards pro Versuch (7,6 - mehr als Aaron Rodgers) und die beste Passquote (63 Prozent - mehr als Drew Brees).


Jackson mit Rekord im Auftaktspiel

Aber der Reihe nach. Direkt zum Auftakt in die neue Spielzeit brannte er beim 59:10-Sieg bei den Miami Dolphins ein echtes Feuerwerk ab, glänzte mit fünf Touchdowns, 324 Yards und 17 von 20 angekommenen Passversuchen in drei Vierteln.

Schon zur Halbzeit hatten die Ravens mit 42:10 geführt - und damit gleich zwei Rekorde aufgestellt: Es waren sowohl die meisten Punkte in einer ersten Hälfte in der Geschichte der Ravens als auch die meisten Punkte in der ersten Hälfte einer Partie des 1. Spieltags in der NFL-Historie.

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Bengals bekommen Jacksons Talent zu spüren

Jacksons Ausnahmetalent bekamen in der Folge vor allem die Cincinnati Bengals, Division-Rivale der Ravens, zu spüren. Im ersten Aufeinandertreffen warf der Youngster für 236 Yards, lief weitere 152 Yards selbst, und stellte damit direkt den nächsten Rekord auf: Nie zuvor in der Super-Bowl-Ära (seit 1966) war ein Spieler auf über 200 Passing und 150 Rushing Yards in einem regulären Saisonspiel gekommen.


Im Re-Match der beiden Teams kam es sogar noch härter für die Bengals: Sie gingen nicht nur mit 13:49 unter, Jackson lieferte obendrein noch "das perfekte Spiel" ab - zum zweiten Mal in der laufenden Saison. Um dies zu erreichen, muss ein Quarterback mindestens zehn Passversuche haben, darf sich keine Interception leisten und muss eine Passquote von 77,5 Prozent abliefern. Zudem müssen mindestens 11,88 Prozent aller Pässe für einen Touchdown sorgen und jeder Passversuch muss im Schnitt über 12,5 Yards gehen.

Jackson und Ravens schlagen Brady und Patriots

In aller Munde war der Shootingstar jedoch spätestens nach dem Match gegen die New England Patriots um Superstar Tom Brady.

Der Champion war ungeschlagen und mit breiter Brust nach Baltimore gereist - und fand in Jackson erstmals in dieser Saison seinen Meister. Beim 37:20-Sieg der Ravens überragte der junge Quarterback mit einem geworfenen und zwei selbst erlaufenen Touchdowns.

Jackson mit alternativer Spielweise

Als Jackson 2018 vom College zu den Ravens kam, wurde er von vielen Medien für seine alternative Spielweise belächelt: Er könne ohnehin nur laufen und sei eigentlich mehr ein Running Back, der den Ball mal in der Hand hat.

In den letzten Wochen hat er aber bewiesen, dass er beides kann: Laufen und Werfen. "Gegen die Bengals ist er viel gelaufen. Aber auch deshalb, weil es nötig war. Er meinte nach dem Spiel auch: 'Ich mache eben das, was notwendig ist.' Wenn ihn die Defense aus den Augen verliert, dann öffnen sich für ihn natürlich auch Räume", meint Vollmer.

Ravens-Coach Harbaugh hat sein ganzes System auf Jackson ausgerichtet, um dessen Stärken perfekt zur Geltung kommen zu lassen. Eine Strategie, die bislang aufgeht.


"Das Problem an dieser Spielweise ist nur, dass man als Team ein großes Risiko eingeht, den wichtigsten Spieler wegen einer Verletzung zu verlieren. Die Gefahr bei Quarterbacks, die viel laufen, ist, dass sie sehr viele Hits auf sich nehmen. Da kann auch mal ein Kreuzband reißen oder eine Schulter auskugeln", warnt Vollmer.

Super Bowl als Ziel für Jackson und die Ravens

Die Frage sei, "wie lange der Körper so viele Hits mitmacht", meint Vollmer: "Aber vielleicht ist das auch die neue Strategie, dass Quarterbacks zukünftig nicht mehr 20 oder 25 Jahre spielen müssen wie Tom Brady. Vielleicht reichen da auch acht oder zehn Jahre."

Harbaugh hat von den nächsten 20 Jahren gesprochen - vielleicht passt er den Spielstil seines Ausnahmetalents mit steigendem Alter ja auch an.


So weit will Jackson selbst noch gar nicht denken. Er könne es kaum erwarten, die ganzen Kids mit der Nummer 8 auf dem Trikot zu sehen, erwiderte der Shootingstar auf Harbaughs Frage.

"Wenn ich älter bin. Aber jetzt", betonte Jackson, "muss ich in den Super Bowl".

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