NFL: Chiefs-Offense in der Taktikanalyse: Simple Idee mit schweren Geschützen

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Wenn die Kansas City Chiefs im Super Bowl auf die San Francisco 49ers treffen, steht ein Matchup klar im Fokus: Patrick Mahomes und die Chiefs-Offense gegen eine exzellente 49ers-Defense! Doch was macht die Chiefs-Offense eigentlich aus? SPOX -Redakteur Adrian Franke blickt im Detail auf die brandgefährliche Offense.
Wenn die Kansas City Chiefs im Super Bowl auf die San Francisco 49ers treffen, steht ein Matchup klar im Fokus: Patrick Mahomes und die Chiefs-Offense gegen eine exzellente 49ers-Defense! Doch was macht die Chiefs-Offense eigentlich aus? SPOX -Redakteur Adrian Franke blickt im Detail auf die brandgefährliche Offense.

Wenn die Kansas City Chiefs im Super Bowl auf die San Francisco 49ers treffen, steht ein Matchup klar im Fokus: Patrick Mahomes und die Chiefs-Offense gegen eine exzellente 49ers-Defense! Doch was macht die Chiefs-Offense eigentlich aus? SPOX-Redakteur Adrian Franke blickt im Detail auf die brandgefährliche Offense.

Seite 1: Kelce und die Key-Facts: Wie funktioniert die Chiefs-Offense?

Den Super Bowl gibt es - mit Markus Kuhn und Sebastian Vollmer im deutschen Live-Kommentar, alternativ auch im US-Originalkommentar.

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Es war einer der ersten Sätze von Andy Reid, nachdem seine Kansas City Chiefs zum ersten Mal seit 50 Jahren den Super Bowl erreicht hatten.

"'Niemals sterben', das ist ihr Ding", verriet der Head Coach über sein Team, und fuhr mit einem Grinsen fort: "Ich mein - so zurück zu liegen macht es für einen alten Typen nicht leicht. Aber sie sind gut wieder zurück gekommen." Von "einigen Hochs und Tiefs" sprach er weiter, aber sein Team habe "wieder in die Spur gefunden".

Erst 0:10, dann 7:17 lagen die Chiefs gegen die Tennessee Titans im AFC Championship Game zurück, am Ende stand ein ungefährdeter 35:24-Sieg. In der Woche davor hatte Reid vermutlich deutlich mehr gelitten als die Houston Texans mit 24:0 in Führung gegangen waren und in Arrowhead ungläubige Minen langsam Pfiffen wichen.

Das Endergebnis ist bekannt, Kansas City gewann nicht nur mit 51:31, die Chiefs brachen auf dem Weg dahin auch eine Vielzahl an Offensiv-Rekorden. Die Aufholjagd gegen Houston war selbst für Chiefs-Verhältnisse außergewöhnlich; doch während etwa die in der Regular Season so groß aufspielenden Ravens nach frühem Rückstand gegen Tennessee keinen Weg zurück in die Partie fanden, ist Kansas City in dieser Hinsicht das exakte Gegenteil.

Neun Mal lagen die Chiefs in dieser Saison nach dem ersten Viertel zurück. Sieben dieser neun Spiele gewannen sie am Ende, eine der beiden Niederlagen kam in Woche 8 gegen Green Bay, als Quarterback Patrick Mahomes verletzt fehlte. Der simple Grund dafür liegt auf der Hand: Es ist die beste Passing-Offense in der NFL.

Mahomes: Elite-Quarterback plus Elite-Scheme

"Ich denke, es ist eine "niemals aufgeben"-Mentalität", ergänzte Mahomes die Aussage seines Coaches nach dem Championship Game. "Letztlich geht es darum, dass wir bei jedem Play alles geben und uns auf den Rest des Spiels fokussieren wollen. Uns ist es egal, ob wir 0:10 hinten liegen oder 10:0 führen - wir werden auf dem Feld unseren Plan umsetzen und alles dafür tun, dass wir bei jedem einzelnen Play Erfolg haben."

Mahomes selbst steht besser als jeder andere Spieler für diese Mentalität. Er fokussierte seine Mitspieler beim Stand von 0:24 gegen Houston an der Seitenlinie, zu scheinbar keinem Moment wirkte er dabei nervös oder wütend. Und auf dem Feld? Da ist Patrick Mahomes aktuell der beste Quarterback in der NFL.

Wenn man sich mit der Chiefs-Offense befasst, werden zwei Dinge offensichtlich: Mahomes' Fähigkeit, innerhalb und außerhalb der Play-Struktur Offense zu kreieren, macht die Chiefs-Offense so unfassbar gefährlich.

In Kombination mit dem, was Mahomes in puncto Play-Designs und Waffen als Grundgerüst um sich hat, produziert das eine absolute Elite-Offense. Die Mischung macht's, in dem Fall die aus einem Elite-Quarterback, einem Elite-Play-Caller und dem vermutlich besten Waffenarsenal in der NFL.

Die Offense-Philosophie von Andy Reid

Für eine Story in The Athletic hatte Autor John Middlekauff einige Coaches zu Andy Reid befragt. Am besten fasste es wohl ein anonymer Offensive Coordinator zusammen: "Was Coach Reid zu so einem guten Play-Caller macht? Er bindet sich an nichts. Run-Pass-Ratio, all dieser Kram ist ihm völlig egal. Ihm geht es darum, dass seine besten Spieler den Ball bekommen. Egal, ob per Run, per Pass, per Screen, oder wie auch immer."

Das klinge simpel, "aber so viele Coaches haben sich komplett ihrem Scheme verschrieben und wollen um jeden Preis ihre Philosophie umsetzen. Coach Reid füttert seine Playmaker. So hat er es schon immer gemacht. Und das ist ein Grund dafür, dass er so viel gewinnt."

Die besten Spieler zu möglichst großen Faktoren machen - das klingt zunächst natürlich gut und sinnvoll. Doch wie sieht das im Detail bei Kansas City aus?

Chiefs-Offense: Die Basics

Um ein paar Grundlagen der Chiefs-Offense zusammenzufassen, damit ein erstes Gefühl für diese Offense entsteht:

  • Kansas City ist primär eine 11-Personnel-Offense, das heißt: Kansas City agiert bevorzugt - in 60 Prozent der offensiven Snaps (Liga-Durchschnitt), um genau zu sein, mit einem Running Back, einem Tight End und drei Wide Receivern auf dem Feld. Daraus sind sie wenig überraschend brandgefährlich im Passspiel: Werfen die Chiefs aus 11-Personnel, machen sie das im Schnitt für 8,6 Yards - und liegen damit 1,5 Yards (!) über dem Liga-Schnitt.

  • Spielen die Chiefs nicht 11-Personnel, ist 12-Personnel - also ein Running Back, zwei Tight Ends, zwei Wide Receiver - in aller Regel die Alternative: 29 Prozent der Chiefs-Snaps kommen so. Dabei sind sie vergleichsweise sehr Pass-lastig, viele Play-Action- und Run-Pass-Option-Konzepte kommen hieraus.

  • Stichwort RPOs: Kansas City ist eines der Play-Action-lastigsten Teams der Liga, und die Chiefs haben darüber hinaus auch die fünftmeisten RPOs gespielt (71). Via RPOs hatte Mahomes in dieser Saison 469 Passing-Yards.

  • Die Chiefs sind, wie der oben eingebaute Tweet zeigt, das Pass-lastigste Team der NFL in "neutralen" Spielsituationen, und das mit weitem Abstand. Blickt man auf die Total Stats nur bei First Down, dann legt Kansas City im Schnitt pro First-Down-Pass 8,9 Yards auf - der ligaweit fünfthöchste Wert.

  • Kansas City nutzt unheimlich viel Motion, vor dem und während des Snaps. Die Chiefs sind so zusätzlich schwer zu verteidigen und kreieren so regelmäßig auch Matchups für ihre Top-Targets.

  • Das klare Top-Target ist Travis Kelce, der bislang in dieser Saison 146 Targets gesehen hat - kein anderer Chiefs-Spieler kommt auf über 100. Kelce ist der Motor in Kansas Citys Waffenarsenal, die Big Plays kommen eher über den immensen Speed, den Kansas City hat; beginnend natürlich mit Tyreek Hill und Mecole Hardman.

  • Doch gerade Hill ist keineswegs nur ein Downfield-Receiver. Laut Next Gen Stats wird er mit einer durchschnittlichen Target-Tiefe von 12,6 Yards angespielt, damit rangiert er im Umfeld von Julio Jones (12,3), Adam Thielen (12,7), oder auch Amari Cooper (12,8) etwa im Liga-Mittelfeld. Zum Vergleich: Unter Receivern mit mindestens 60 Targets steht Chargers-Receiver Mike Williams mit 17,4 Yards vor Breshad Perriman (16,1) und James Washington (15,6).

  • Dazu passt auch diese Statistik: Pro Completion verzeichnen nur zwei Quarterbacks (Tannehill, Garoppolo) mehr Yards nach dem Catch pro Completion als Mahomes (6,1).

Travis Kelce und die Bedeutung von Y-ISO

Wenn Mahomes Kelce in der Regular Season anspielte (insgesamt 130 Mal), brachte er 74,6 Prozent seiner Pässe an, bei 9,4 Yards pro Pass im Schnitt.

Eine Formation, die man im Super Bowl dabei mit Sicherheit häufig sehen wird, weil Kansas City offensiv aus Formationsaspekten wenige Dinge lieber macht, ist "Y-ISO"; der Tight End also isoliert auf einer Seite der Formation, maximal mit dem Running Back im Backfield noch auf seiner Seite, und den drei Wide Receivern auf der anderen Seite.

Auf dem Feld sieht das dann beispielsweise so aus:

Die Texans hatten mit Sicherheit nicht den besten defensiven Game Plan gegen Kansas City; vor allem hatten sie nicht die individuelle Qualität, um in Man Coverage gegen Kansas City zu überleben. Das Beispiel hier zeigt aber sehr gut exemplarisch, welche Probleme Kansas City gegnerischen Defenses bereiten will.

Zunächst einmal gibt es Patrick Mahomes einen ersten Coverage-Indikator. Verfolgt ein Safety (oder gar Linebacker) Kelce auf seinen isolierten Spot in der Formation? Das wäre ein Hinweis auf Man Coverage. Oder bleibt alternativ ein Cornerback außen bei Kelce stehen und einer der Slot-Receiver auf der anderen Seite hat etwa einen Safety gegen sich stehen? Dann kann Mahomes Richtung Zone Coverage denken.

Im nächsten Schritt kommen wir in die Grundproblematik, vor die Kansas Citys Offense eine Defense stellt: Die Chiefs haben zu viele zu gefährliche Waffen.

Wenn eine Defense etwa, wie hier in der Szene, Cover-1 spielt - also Man Coverage überall mit einem tiefen Safety und entweder einem Zone-Verteidiger Underneath, oder aber einem Double-Team irgendwo -, können die Chiefs darauf bauen, dass sich der tiefe Safety (wie auch hier) meist eher leicht auf die 3-Receiver-Seite orientieren wird. Zu groß ist die Bedrohung, von Hill oder Hardman tief geschlagen zu werden.

Und so beginnen die Gedankenspiele: Spielt die Defense ein Double-Team gegen Kelce? Dann gibt es vermutlich keinen freien Underneath-Verteidiger, und In-Breaking-Routes der schnellen Wide Receiver werden extrem gefährlich. Wird einer der Receiver gedoppelt plus Safety-Hilfe auf die Receiver-Seite? Dann hat vermutlich Kelce ein Eins-gegen-Eins und zusätzlich jede Menge Platz in der Mitte. Werden Hill und Kelce gedoppelt? Dann sind mutmaßlich zwei Wide Receiver komplett ohne defensive Hilfe Eins-gegen-Eins, plus Mahomes' Scramble-Fähigkeiten werden dann besonders ein Faktor, da kein Zone-Verteidiger zur Verfügung steht, der die Augen auf ihn gerichtet hätte.

Das hier abgebildete Play, das übrigens in einer Pass-Interference-Strafe gegen Kelces Gegenspieler endet, ist somit natürlich auch nur eine von unzähligen Route-Kombinationen, die Kansas City aus diesen Formationen spielt. Mesh-Konzepte, vertikale Konzepte, gezielte Route-Kombinationen für die Running Backs insbesondere in der Red Zone - die Chiefs sind hier sehr variabel und können Pre-Snap reagieren, je nachdem was die Defense zeigt.

Kelce der Schlüsselfaktor gegen die Cover-3?

Die 49ers sind bevorzugt eine Single-High-Defense, spielen also am liebsten mit einem tiefen Safety und dann häufig darauf aufbauend Zone Coverages, allen voran Cover-3. Cover-3 ist eine Zone Coverage und bedeutet im Kern, dass drei Verteidiger sich den tiefen Bereich des Feldes aufteilen, mit vier Coverage-Zones Underneath.

San Francisco ist dabei variabler geworden, doch insbesondere Cover-3-Elemente prägen die Defense nach wie vor: Über ein Drittel der defensiven Coverage-Snaps kamen laut PFF in Cover-3, mit Abstand der größte einzelne Anteil. Neben Cover-4 ist ansonsten Cover-1, ebenfalls eine Single-High-Variante, die sich meist schon Pre-Snap von der Zone Coverage Cover-3 unterscheiden und somit jeweils gezielt attackieren lässt, eine andere Go-To-Coverage in San Francisco.

Die hier dargestellte Szene zeigt die klassische Aufteilung in einer Cover-3, und gleichzeitig zeigt sie auch mögliche Ansatzpunkte für Kansas City. Es ist der 42-Yard-Pass auf Jimmy Graham (lila markiert), der erst kurz vor der Endzone gestoppt wurde.

Das absolute Kelce-Territorium ist in der Mitte des Feldes, wo 91 seiner 146 Targets zustande kamen. Mit dem Speed Outside öffnen sich hier Räume, und insbesondere gegen San Franciscos Cover-3 könnte das der Fall sein: Das Schlüsselwort hier lautet "Seam Route".

Eine Seam Route ist ein Laufweg, in aller Regel zwischen den Field Numbers gelaufen, deren Ziel es ist, in den Bereich zwischen zwei Coverage-Zones zu kommen. Genau das machen die Packers hier, einmal mit dem Receiver auf der linken und dann mit Graham auf der rechten Seite. Seam-Routes, Dinge wie Post-Wheel-Kombinationen um einzelne Zones zu überladen - so werden die Chiefs versuchen, zu Big Plays zu kommen.

Seite 2: Kurzpassspiel und Co.: Blitzen verboten!

Der Schlüssel für die 49ers: Mahomes unter Druck setzen!

Vielleicht das wichtigste Matchup aus 49ers-Sicht ist dieses: Kann der 4-Men-Rush Mahomes unter Druck setzen?

Klar ist, dass Mahomes zu blitzen nicht die Antwort ist, zumindest nicht was die generelle Herangehensweise angeht. Die Niners sind ohnehin keine Defense, die über den Blitz kommt. Die 49ers haben eine der ligaweit niedrigsten Blitz-Quoten (20,7 Prozent) - Defensive Coordinator Robert Saleh zeigte aber exzellentes Timing, wenn er dann doch mal blitzte: Wenn San Francisco dieses Jahr blitzte, kam in 12,9 Prozent der Fälle ein Sack dabei raus.

Mahomes hat dieses Jahr gegen den Blitz acht Touchdown-Pässe und keine einzige Interception geworfen sowie über 1000 Passing-Yards aufgelegt. Im Schnitt wirft er für fast ein halbes Yard mehr, wenn er geblitzt wird. Ganze zwei (!) Sacks haben Defenses produziert, wenn sie Mahomes geblitzt haben. Mahomes wird prozentual auf die Dropbacks gerechnet mehr als doppelt so häufig gesacked, wenn er nicht geblitzt wird.

Er ist zu gut in der Pocket, er ist zu gut außerhalb der Struktur - und die Pass-Konzepte greifen zu schnell, als dass der Blitz genügend Zeit hätte. Mahomes wird den Ball dieses Jahr bei 46 Prozent seiner Dropbacks in unter 2,5 Sekunden los und hat dabei elf Touchdowns geworfen. Interceptions? Fehlanzeige. Sacks? Einer. Kein anderer Quarterback kommt da ran.

Die Schönheit der Chiefs-Offense: Effizienz plus Speed

Woran liegt das? Warum produziert die Chiefs-Offense so viele Yards nach dem Catch und so viele Big Plays, selbst wenn Mahomes den Ball schnell loswird? Wieso musste Mahomes in der Regular Season die drittwenigsten Pässe in enge Fenster aller Quarterbacks werfen (12,2 Prozent seiner Pässe) und konnte trotzdem in 14 Spielen über 4000 Yards und 26 Touchdowns auflegen?

Hier kommen wir in die Designs der Offense, gerade in der kurzen und mittellangen Distanz. Kansas City profitiert auch hier von der Qualität (Kelce) und der Geschwindigkeit (Hill, Hardman, auch die Running Backs) der Waffen, die Play-Designs spiegeln das perfekt wieder.

Das Beispiel hier zeigt "Mesh" aus Y-ISO: Kelce ist links der einzige Receiver, er läuft gemeinsam mit Tyreek Hill im rechten inneren Slot das Mesh-Konzept. "Mesh" ist ein klassisches Air-Raid-Konzept, das Mahomes bestens aus dem College kennt und das längst ein ganz fester Bestandteil der Chiefs-Offense ist.

In diesem Konzept laufen zwei Receiver Underneath aufeinander zu und dann nur um wenige Zentimeter aneinander vorbei, sodass Verteidiger in Man Coverage um einen Mitspieler herum navigieren müssen. Das sorgt für potenziell große Coverage-Probleme und bringt die Geschwindigkeit der eigenen Waffen noch besser zur Geltung.

Und das ist ein permanentes Thema mit der Chiefs-Offense: Wie kann man Räume kreieren und den Receivern dabei helfen, sich von ihrem Gegenspieler zu lösen und wie kann man, neben Dingen wie RPOs und der dritthöchsten Play-Action-Quote der NFL (31,9 Prozent, 8 TD, 1 INT) möglichst viel Druck auf die Defense ausüben?

Mesh ist ein Grundkonzept dieser Offense, das aber drum herum auf diverse Arten erweitert werden kann. Etwa wie bei diesem Touchdown gegen die Bears:

"Mesh/Wheel" ist das Zauberwort dafür. Das Mesh-Konzept im Zentrum wird mit der Wheel-Route des Running Backs aus dem Backfield kombiniert, heißt: Der Running Back läuft erst Richtung Seitenlinie und macht dann den Cut Richtung Endzone.

Wer Speed auch im Backfield hat wie die Chiefs, kann Linebacker, die in Man Coverage dagegen meist aus dem Zentrum nach außen rücken und dann einen Running Back "einfangen" müssen, enorm unter Druck setzen.

Eines der simpelsten Air-Raid-Konzepte und ebenfalls eine schnelle Passoption für den Quarterback - sowie nicht selten nur ein verpasstes Tackle von einem möglichen Big Play nach dem Catch entfernt - sind diverse Curl-Konzepte.

Bei einer Curl-Route läuft der Receiver einige Yards das Feld runter, ehe er sich umdreht um zurück zum Quarterback zu arbeiten. Das ist aus Chiefs-Sicht besonders effizient, da Defenses die Geschwindigkeit der Receiver berücksichtigen müssen und ihnen so eher noch etwas zusätzlichen Raum geben.

Das ist ein Beispiel für Curl-Konzepte, ebenfalls aus dem Spiel gegen Chicago.

Von beiden Seiten gibt es mit unterschiedlicher Tiefe eine entsprechende Route, ergänzt durch eine Drag-Route (eine kurze Crossing-Route parallel zur Line of Scrimmage) über die Mitte.

Dabei lautet die Faustregel meist: Gegen Man Coverage läuft der Spieler in der Drag-Route weiter, gegen Zone sucht er sich einen Spot zwischen zwei Coverage-Zones.

Das letzte Beispiel für die Chiefs-Designs geht nochmals zurück zum Texans-Feuerwerk. Es ist ein weiteres Beispiel dafür, wie Kansas City einerseits im engeren Raum der Red Zone agiert, andererseits aber eben auch immer und immer wieder freie Receiver durch Route-Kombinationen kreiert.

Die Chiefs, bei all ihrer Kelce-und-Receiver-Power, werfen 20 Prozent ihrer Pässe auf Running Backs; und das sind mitnichten alles nur kurze Checkdowns oder Screens. Ganz besonders deutlich wird das eben in der Red Zone, wo die Offense mit weniger Platz arbeiten muss; hier hat Damien Williams Team-intern die zweitmeisten Targets nach Travis Kelce erhalten.

In dem Fall kombinieren die Chiefs die vertikale Route des Running Backs aus dem Backfield mit zwei Hindernissen für den Linebacker, der den Back decken muss (blau markiert): Kelces Route sowie dem In-Breaking-Crosser aus dem Slot muss der Linebacker jeweils ausweichen, ehe er Williams verfolgen kann. Das dauert viel zu lange.

Seite 3: Das vertikale Passspiel: Die Big Plays fehlen noch

Das vertikale Passspiel: Big Play galore!

Tight End, Kurzpassspiel, Red-Zone-Designs - gut möglich, dass der eine oder andere auf diesen Artikel geklickt und ein Big-Play-Feuerwerk erwartet hat. Das ist gefühlt das, was man mit Kansas City vor allem in Verbindung bringt und wofür Mahomes bereits seit College-Tagen maßgeblich zu stehen scheint.

Tatsächlich warf er in der Regular Season allerdings gerade einmal 13 Prozent seiner Pässe 20 Yards oder weiter. In den Playoffs ging der Wert noch dramatisch runter, unter allen Playoff-Quarterbacks belegt er in dieser Kategorie den vorletzten Platz mit einer Quote von 8,6 Prozent.

PFF-Analyst Timo Riske hat in einem ausführlichen Artikel unter anderem ebenfalls darüber geschrieben; Mahomes wirft nicht nur wenig tief, auch seine durchschnittliche Target-Tiefe auf alle Würfe berechnet ist relativ niedrig. Und das obwohl KC in beiden Spielen zum Teil deutlich zurücklag. Es spricht für eine gewisse Ruhe bei Mahomes sowie ein Vertrauen in Reids Play-Calls und in die eigenen Fähigkeiten.

Wenn er dann aber mal ins vertikale Passspiel geht, ist vor allem eine Sache extrem auffällig: Die Effizienz. Mahomes hat in den beiden Playoff-Spielen sechs Pässe über mehr als 20 Yards geworfen. Davon kamen vier an, eine der beiden Incompletions war ein Drop. Zwei der vier Completions waren Touchdowns.

Das Deep Passing Game der Chiefs: Speed Kills

Und diese Erkenntnis ist keineswegs neu. In totalen Zahlen hatten elf Quarterbacks in der Regular Season mehr tiefe Pässe geworfen als Mahomes (63). Doch kein Quarterback kam in puncto Deep-Passing-Touchdowns an Mahomes ran, 13 Touchdowns legte der Vorjahres-MVP mit tiefen Pässen auf. Kein anderer Quarterback kam auf mehr als elf.

Wieso sind die Chiefs hier so gut? Auch auf die Gefahr hin, dass sich diese Tatsache wiederholt: Man kann die Geschwindigkeit in dieser Chiefs-Offense und die Probleme, die das für eine Defense mitbringt, kaum oft genug betonen.

In der oben abgebildeten Szene sind die Chiefs in einem langen Third Down. Die Chargers, eine andere Defense, die in der Cover-3 ihre Wurzeln hat, spielen Single-High-Coverage, um die Routes vor sich zu halten und Mahomes möglichst kein Fenster zum First Down zu geben.

Das Problem dabei? Die beiden Comeback-Routes von Kelce und Hill binden zwei Verteidiger auf der rechten Seite (aus Sicht der Offense) etwas näher Richtung Line of Scrimmage. Derweil kommt von der linken Seite insbesondere Speedster Mecole Hardman mit Tempo in eine tiefe Crossing Route.

Das zwingt den tiefen Safety aus seiner Backpedal-Bewegung erst nach vorne umzukehren und dann noch selbst Speed aufzunehmen, um mit Hardman mitzuhalten - ein hoffnungsloses Unterfangen. Mahomes trifft Hardman für 30 Yards, das nächste Play war ein 24-Yard-Touchdown auf Robinson, mit dem die Chiefs in jenem wichtigen Week-17-Spiel erstmals in Führung gingen.

49ers: Mehr Split Safeties gegen die Chiefs?

Vielleicht stellt sich der ein oder andere jetzt die Frage: Könnte San Francisco nicht mehr Split-Safety-Sets (zwei tief postierte Safeties statt einem, die sich den tiefen Bereich des Feldes in zwei Zonen aufteilen. Cornerbacks spielen in der Regel näher Richtung Line of Scrimmage) gegen die Chiefs spielen, um die Big Plays zu verhindern?

Möglich wäre das, doch haben die Niners zumindest bislang in dieser Saison kaum einmal 2-High-Safeties gespielt. Aber: Im letzten Aufeinandertreffen beider Teams in der 2018er Regular agierten die 49ers hier merklich anders, spielten 12,5 Prozent ihrer Zone-Snaps in Cover-2.

Doch natürlich ist auch das kein Allheilmittel; die Zone Coverage, die grundsätzlich gut gegen diese Chiefs-Offense funktioniert, wurde bislang nicht gefunden.

Ein Beispiel, nochmal aus dem Chargers-Spiel:

Viereinhalb Minuten vor dem Ende führten die Chiefs mit drei Punkten und hatten das nächste lange Third Down. Eine Niederlage hier hätte die kompletten Playoffs umgeworfen, die Patriots hätten den Nummer-2-Seed gehalten, die Chiefs hätten bereits in der Divisional Round auswärts spielen müssen.

Die Chargers deuteten Pre-Snap zunächst eine weitere Single-High-Coverage an, schwenkten dann aber nach dem Snap in einen Split-Safety-Look um. Dabei zogen beide Safeties auffällig weit nach außen - offensichtlich weil eine Tampa-2-Variante gespielt werden sollte, wobei der Linebacker die tiefe Mitte des Feldes besetzen soll.

Der bemitleidenswerte Drue Tranquill bekam so die zweifelhafte Ehre, Tyreek Hill bei einer Go-Route aus dem Slot 30 Yards das Feld runter zu verfolgen. Kurz darauf machten die Chiefs mit einem kurzen Touchdown den Deckel auf diese Partie.

Tyreek Hill zu verfolgen ist ohnehin eine der undankbarsten Aufgaben was Coverages in der NFL angeht. Hill ist nicht einfach nur schnell, er hat auch einen exzellenten Release, und wenn er Eins-gegen-Eins-Duelle ohne tiefe Safety-Absicherung bekommt - was schneller mal passiert als man denken würde - kann man davon ausgehen, dass Mahomes dieses Matchup auch sucht und findet.

Wie häufig spielen die 49ers Man Coverage?

San Francisco stand in der Regular Season auf Rang 12 nach DVOA gegen tiefe Pässe; womöglich also ein Ansatz für die Chiefs, zumal Kansas City gegen die Zone Coverages der Niners gezielt auch Cornerback Richard Sherman "umgehen" kann. Hill und Hardman können aus dem Slot, Outside oder notfalls auch aus dem Backfield vertikal attackieren.

Insbesondere gegen Zone ist die Chiefs-Offense in aller Regel extrem gefährlich. Die berechtigte Gegenfrage lautet aber immer: Hat eine Defense die Coverage-Qualität, um gegen KC Man zu spielen? San Francisco hat neben Sherman einen guten Slot-Corner in K'Waun Williams sowie gute Safeties in Jimmy Ward und Jaquiski Tartt. Doch schon Tartt ist in Coverage nicht gerade eine Top-Lösung, Nummer-2-Corner ist ein noch größeres Fragezeichen.

Eine Defense, die über die letzten beiden Jahre zumindest teilweise gegen die Chiefs mit ihrer Man Coverage standhalten konnte, waren die Patriots - doch selbst die in der Secondary glänzend besetzten Pats kassierten bei jedem Aufeinandertreffen mehrere Big Plays.

Das Problem auch guter Secondaries ist nämlich: Selbst wenn man vertikal ein Double-Team hat, kann Kansas City gewinnen. Hills langer Touchdown gegen Denver etwa kam einmal gegen Chris Harris - seines Zeichens einer der besten Cornerbacks der Liga - inklusive Safety-Hilfe dahinter. Hill schlug mit seiner Route beide.

Die hier dargestellte Szene zeigt den 48-Yard-Touchdown von Hardman gegen die Patriots; sie ist exemplarisch ausgewählt, weil man vergleichbare Muster von den Chiefs gegen Cover-1 regelmäßig beobachten kann.

Dabei wird Hill oder Hardman entweder auf einer Seite isoliert, oder darf aus dem Slot vertikal angreifen. Die anderen Routes sind darauf ausgelegt, den tiefen Safety möglichst lange zögern zu lassen, ehe er eine Entscheidung trifft.

In dem Fall passiert genau das: Der tiefe Safety macht einen Schritt nach links und zögert kurz, sodass Hardman ein Eins-gegen-Eins-Duell hat. Als der Ball bei ihm ankommt, ist der Safety so weit weg, dass Hardman den Ball fangen und neu Speed aufnehmen kann, um den Safety aussteigen zu lassen.

Seite 4: Run Game und Ausblick: Wo setzen die 49ers an?

Run Game und Ausblick: Wo setzen die 49ers an?

Wie die 49ers die Chiefs-Offense aus schematischer Sicht verteidigen wird hochspannend zu sehen sein; letztlich steht und fällt aber alles mit dem Pass-Rush.

San Francisco hat vielleicht den besten 4-Men-Rush in der NFL; der muss diese Partie dominieren. Die Niners müssen Mahomes ohne Blitzing unter Druck setzen und sie müssen ihn dabei gleichzeitig in der Pocket halten - nur wenn dieser Spagat gelingt, hat San Francisco eine reelle Chance, die Chiefs-Offense ernsthaft zu limitieren.

Der Fokus liegt dabei, das ist kein Geheimnis, auf dem Passing Game; sollte Kansas City intensiver aufs Run Game setzen, bedeutet das aus Niners-Sicht vermutlich, dass man ein ernsthaftes Problem hat - in dem Szenario nämlich liegen die 49ers vermutlich hinten.

Das Run Game der Chiefs: Auffallend effizient

Das bedeutet übrigens nicht, dass die Chiefs den Ball nicht laufen können: Damien Williams steht bei 3,19 Yards nach Kontakt pro Run auf die ganze Saison gerechnet. In der Regular Season belegte er in dieser Kategorie mit 3,58 Yards unter Running Backs mit mindestens 100 Runs den vierten Platz. Nur Henry, Chubb und Carson lieferten hier noch mehr.

Kansas City ist vor allem gut darin, seine Running Backs gegen eine leichte Box laufen zu lassen. Bedeutet: Wenn die Chiefs den Ball laufen wollen, ziehen sie Defenses mit ihren Formationen häufig in die Breite und machen den Blockern die Arbeit so einfacher.

Dabei sind die Plays mitnichten so gut miteinander verknüpft wie bei den 49ers: Die Kernqualität der Niners-Offense unter Kyle Shanahan ist die Tatsache, dass Run und Pass Plays sich unheimlich ähnlich sehen und konstant miteinander verbunden sind. Defenses werden so permanent auf dem falschen Fuß erwischt und lassen Big Plays durch die Luft (vor allem via Play Action) und am Boden zu.

Das kann man über die Chiefs nicht sagen, dort finden die Runs mehr im Vakuum statt, schematisch gesprochen. Gleichzeitig kommt bei KC am Boden der Mahomes-Faktor dazu: Vor allem in den Playoffs war das jeweils deutlich, dass Mahomes exakt wusste, wann er gegen Man Coverage loslaufen kann - und so immensen Schaden anrichtete.

In der Regular Season war eines der beiden deutlichsten Spiele in dieser Richtung gegen Detroit, als Mahomes gegen die Man Coverage der Lions fünf Mal für 52 Yards scrambelte. "Detroit hat Double-Teams in Coverage gespielt, und als sie damit angefangen haben, hat er es registriert", lobte Reid seinen Quarterback damals. "Er hatte dieses enorm wichtige Fourth-Down-Play, und das ist eine dieser Sachen: Wenn die Defense Receiver doppelt, öffnet sie sich für solche Runs."

Das Mantra "Niemals sterben" ist gewissermaßen die martialische Art, zu sagen, dass dieses Team immer eine Chance hat - bedingt durch die gefährlichste Offense und den gefährlichsten Quarterback in der NFL.

"Wir alle glauben an ihn", betonte Reid vor einigen Tagen nochmals, "und das betrifft nicht nur mich - es betrifft alle. Wir haben das Glück, dass einige der Jungs uns Coaches enormes Selbstvertrauen geben - auf beiden Seiten des Balls. Pat ist einer unserer Anführer, jeder weiß das. Und jeder respektiert ihn dafür."

"Er weiß, worauf es ankommt. Deshalb sind wir hier."

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