NFL: Die Eagles überraschen mit Jalen Hurts: Das steckt dahinter

SPOX

Die Philadelphia Eagles haben im NFL Draft 2020 Quarterback Jalen Hurts von den Oklahoma Sooners in der zweiten Runde gezogen. Hurts ging damit früher vom Board, als viele erwartet hätten - und mit Carson Wentz haben die Eagles bereits einen teuren Star-Quarterback. Von einer ähnlichen Situation wie bei Jordan Love und den Green Bay Packers zu sprechen, wäre jedoch fehlgeleitet.

Wenn ein Team mit einem etablierten Quarterback im Draft einen weiteren QB recht hoch zieht, führt das fast zwangsläufig zu Spekulationen. Es ist ein Reflex, von Fans wie Medien gleichermaßen, einen solchen Pick zu hinterfragen. Mehr noch: Direkt den amtierenden Starter infrage zu stellen und vielleicht sogar dahinter den Plan zu vermuten, diesen womöglich bald zu ersetzen oder zumindest deutlich unter Druck zu setzen.

Ist das bei den Eagles der Fall? Glaubt man Howie Roseman, dem General Manager und Architekten des Champions von 2017, kann davon keine Rede sein: "Für uns ist der QB die wichtigste Position im Sport. Wir haben das Gefühl, dass wir hier einen erwiesenen Gewinner und einen unglaublichen Teamkollegen geholt haben. Er wird unseren Quarterback-Room verstärken."

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Mit Jalen Hurts und Carson Wentz haben die Eagles jetzt zwei Quarterbacks, die sich in ihrer jeweiligen Klasse einen Namen gemacht haben. Wentz war einst auf MVP-Niveau unterwegs, wurde dann von einer schweren Knieverletzung ausgebremst. Und Hurts spielte schon mehrfach in National Championship Games auf dem College, war zudem 2019 Zweiter bei der Heisman-Wahl hinter First-Overall-Pick Joe Burrow. Gemein haben haben sie, dass sie jeweils mit ansehen mussten, wie ihr jeweiliger Backup einen Titel holte - sei es aus sportlichen Gründen (Hurts) oder verletzungsbedingt (Wentz).

Wentz ist und bleibt der Starter. Doch Roseman deutete an, warum Hurts in erster Linie geholt wurde: "Es gibt keinen Zweifel daran, dass wir einen 27-jährigen Pro-Bowl-Quarterback in Wentz haben. Aber wir haben den immensen Wert von Quarterbacks in unserem Footballteam gesehen." Gemeint war freilich der Triumph in Super Bowl LII mit Ersatzmann Nick Foles under Center.

Philadelphia Eagles: Jalen Hurts mehr als nur ein Backup?

Nüchtern betrachtet ist Hurts in erster Linie ein klares Upgrade gegenüber den bisherigen Backups Nate Sudfeld und Kyle Lauletta - der letztjährige zweite Mann Josh McCown hat seine Karriere mittlerweile beendet. Doch ist Hurts vielleicht sogar mehr als nur Ersatz?

Zahlreiche Experten in der Übertragung von ESPN und dem NFL Network sowie auf Social Media spekulierten bereits, dass Hurts womöglich in Special-Packages zum Einsatz kommen und eine Rolle wie etwa Taysom Hill bei den Saints bekleiden könnte, schließlich bringt er für einen QB eine beachtliche Athletik mit. Das scheint aber nicht der Grund zu sein, warum ihn die Eagles geholt haben. Vielmehr sprachen Roseman und auch Head Coach Doug Pederson am Freitag unisono davon, dass Hurts die Quarterback-Gruppe verstärken wird. Sie stellten lediglich seinen Wert als QB heraus: Hurts sei jemand, der "unsere Quarterbacks unglaublich gut unterstützen wird".

Zudem dürfte Hurts kaum Ansprüche stellen und sich stattdessen mit der Backup-Rolle anfreunden können. Nach seiner Degradierung in Alabama steckte er nicht den Kopf in den Sand, sondern unterstützte den neuen Starter Tua Tagovailoa, wo er nur konnte. Beide haben heute noch regen Kontakt zueinander und sind Freunde abseits des Gridiron. Und auch Wentz selbst scheint erfreut zu sein über seinen neuen Kollegen. Auf Twitter hieß er Hurts bereits herzlich willkommen: "Willkommen in der besten Footballstadt in Amerika, Bruder!"

Ein weiterer Aspekt, den Roseman herausstellte: Bei der Wahl von Hurts betrachteten die Eagles den immensen Wert von Quarterbacks nicht nur für ihr eigenes Team. Vielmehr sehen sie Quarterbacks auch als Assets für die Zukunft an: "Wir sind Quarterback-Entwickler. Wir wollen eine Quarterback-Fabrik sein", sagte Roseman.

Philadelphia Eagles: "Wir sind Quarterback-Entwickler"

Wer Quarterbacks entwickeln kann, muss solche ja nicht zwangsläufig fürs eigene Team entwickeln - durch Trades ist damit vielleicht sogar ein Gewinn zu erzielen. Hurts dürfte in der Depth Chart direkt hinter Wentz landen. Vor Sudfeld, der dem Vernehmen nach im Laufe der 2019er-Offseason große Fortschritte gemacht hatte, was letztlich aber nicht zur Geltung kam, weil er durch eine Handgelenksverletzung den Saisonstart verpasste. Diese Verletzung hatte überhaupt erst dazu geführt, dass McCown geholt wurde.

Der Plan sieht nun wohl so aus, dass die Eagles jetzt und auch in der Zukunft stets drei Quarterbacks zur Verfügung haben wollen, um zum einen vor Verletzungen geschützt zu sein, zum anderen aber auch um die Möglichkeit zu besitzen, einen davon bei günstiger Gelegenheit gewinnbringend abzugeben.

Gerade der Verletzungsaspekt aber dürfte auch eine gewichtige Rolle gespielt haben bei der Entscheidung, Hurts schon so früh im Draft an Position 53 zu ziehen. Es dürfte niemandem entgangen sein, dass Wentz seit seiner Ankunft als zweiter Pick im Draft 2016 sehr viel Pech mit Verletzungen hatte.

Seither überstand er nur zwei Spielzeiten ohne gravierende Verletzung - streng genommen sogar nur eine, denn in den Playoffs in diesem Frühjahr musste er gegen die Seahawks im Wildcard Game zur Pause mit einer Gehirnerschütterung raus. 2017 verpasste er den Super-Bowl-Run der Eagles mit einem Kreuzbandriss, 2018 war nach elf Spielen mit Rückenproblemen vorzeitig Schluss.

Grund genug also, einen hohen Preis zur Absicherung der "wichtigsten Position im Sport" zu zahlen. Das gilt besonders dann, wenn man einen Spieler so sehr mag wie die Eagles Hurts. Diese Entscheidung sei laut Roseman "aufregend für unsere Quarterbacks und unser ganzes Team. Wir würden sie immer wieder so treffen. Und darauf sind wir stolz."

Philadelphia Eagles bedienen klare Needs im Draft 2020

Bleibt die Frage, ob es denn wirklich der 53. Pick hätte sein müssen, wenn man bedenkt, dass der Eagles-Kader durchaus noch genügend andere - echte? - Baustellen bietet. Ein abschließendes Urteil lässt sich freilich nicht vor dem dritten und finalen Draft-Tag fällen, aber durch die anderen bisherigen Picks dieses Drafts - Wide Receiver Jalen Reagor an Position 21 und Linebacker Davion Taylor an 103 - wurden immerhin klare Needs bedient.

Zusammen mit dem immer noch recht imposanten Gesamtkader lässt das zumindest den Schluss zu, dass Hurts zwar ein Luxus-, aber kein komplett verrückter Pick war. Einer, den sich die Eagles durchaus leisten können, wenn man die Gründe bedenkt: Die Entwicklung von Assets, die Absicherung für einen Starter, der zahlreiche Verletzungsprobleme in der jüngeren Vergangenheit hatte - und die Tatsache, dass die Organisation eine sehr hohe Meinung vom Gesamtpaket Hurts hat.

NFL Draft 2020: Die Picks der Philadelphia Eagles

Runde

Draft-Pick (insgesamt)

Spieler

Position

College

1

21

Jalen Reagor

Wide Receiver

Texas Christian

2

53

Jalen Hurts

Quarterback

Oklahoma

3

103

Davion Taylor

Linebacker

Colorado

4

127

4

145

4

146

5

168

6

190

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