NFL: Jameis Winston vor der Free Agency: Prophet im eigenen Land

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Die anstehende Free Agency steht ganz im Zeichen eines potenziell historischen Quarterback-Karussells - mit Tom Brady als erstem Dominostein. Doch was passiert dann? Auch die Tampa Bay Buccaneers müssen eine Entscheidung treffen. Dabei haben sie die womöglich beste Lösung bereits in den eigenen Reihen. Die Kernfrage lautet: Sollten die Bucs Jameis Winston gehen lassen? Es ist eine vielschichtige Diskussion, die einen Blick unter die Oberfläche erfordert.

Seite 1: Winston und die Arians-Offense: eine Hassliebe

Als Buccaners-Coach Bruce Arians nach dem letzten Spieltag zu seiner Saison-Abschluss-PK gebeten wurde, war ein nicht übersehbares Maß an Frust feststellbar.

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Ob er denn, mit Blick auf den auslaufenden Vertrag von Jameis Winston, auch mit einem anderen Quarterback gewinnen könne, wurde Arians da unter anderem gefragt. "Mit einem anderen Quarterback? Keine Frage", schoss Arians mit gewohnt scharfer Munition und goss noch eine Portion Öl ins Feuer hinterher: "Wir können mit diesem Quarterback gewinnen, wir können definitiv auch mit einem anderen gewinnen."

Zu sagen, dass Winston eine wilde Saison hinter sich hat, wird dem ganzen Ausmaß nicht ansatzweise gerecht. Als erster Quarterback aller Zeiten warf er innerhalb einer Saison über 30 Touchdowns sowie 30 Interceptions. Mit 5.109 Passing-Yards führte er die NFL an. Die gern zitierte Achterbahnfahrt wäre treffend, sofern man ein paar zusätzliche Loopings einbaut und der Wagen regelmäßig zwischen Vorwärts- und Rückwärtsgang in volle Beschleunigung gehen würde.

Und so steht Tampa Bay vor einer grundlegend philosophischen Frage: Kann man mit der wildesten aller Quarterback-Achterbahnfahrten erfolgreich sein? Oder ist der Weg zum Erfolg vielversprechender, wenn man die Big Plays, positiv wie negativ, reduziert?

Buccaneers: Interesse an Rivers und Brady?

Als Arians Mitte Februar gefragt wurde, ob sich schon eine Quarterback-Entscheidung abzeichnet, unterstrich er nochmals seine Meinung: "Nein, weil wir nicht wissen, wer verfügbar wird. Im Moment wartet man einfach ab, um zu sehen, wer auf den Markt kommt. Und dann muss man sich fragen, ob es eine bessere verfügbare Option gibt."

Große Namen wie Philip Rivers und auch Tom Brady kursieren rund um die Buccaneers, und Arians' Aussage bestätigte Berichte von der Combine, wonach man sich in Tampa schlicht nicht sicher ist, inwieweit man Winston vertrauen kann.

"Wie könnten sie auch?", schießt an diesem Punkt womöglich dem einen oder anderen durch den Kopf. 30 Interceptions, dazu zwölf Fumbles - Winston war eine Turnover-Maschine und viele dürften noch einzelne Katastrophen-Spiele im Kopf haben; keines drastischer als das Debakel in London gegen die Panthers, als Winston fünf Picks warf, sieben Sacks kassierte und zwei Fumbles verzeichnete. Oder die vier Picks gegen Houston am vorletzten Spieltag. Oder auch die vier Interceptions zuhause gegen die Saints.

Dass Winston Spiele im Alleingang verlieren kann, daran besteht kein Zweifel. Interessant ist er, weil er auch Spiele für ein Team gewinnen kann. Und hier wird die Bewertung erst wirklich spannend.

Arians über Winston: "Viel Positives dabei"

Selbst bei Arians kommt hier eine gewisse Ambivalenz durch. Bei der Combine brachte er seine Meinung zu seinem ersten Jahr mit Winston so auf den Punkt: "Ich habe ihn geliebt und ich habe ihn gehasst. Da war mehr Liebe - ich meine, wenn jemand für über 30 Touchdowns und über 5.000 Yards wirft, dann ist da viel Positives dabei. Bei den Fehlern aber kann man sich manchmal nur an den Kopf fassen. Er ist einer dieser Spieler, die manchmal Spiele alleine gewinnen wollen."

Betrachtet man jede einzelne von Winstons Interceptions im Detail, dann kommt man je nach Analyse auf etwa 14 bis 18 komplett selbstverschuldete Turnover. Also Interceptions, die auf Winstons Kappe gingen. Viel zu häufig hat Winston Underneath-Verteidiger komplett übersehen, Bälle in Coverage gefeuert oder sich andere haarsträubende Fehler geleistet; die ausführlichste Analyse dazu gibt es hier.

Es ist unbestreitbar, dass das deutlich zu viel ist. Nur Baker Mayfield (21) hatte ansonsten insgesamt allein über 20 Interceptions. Mögliche selbstverschuldete Picks, bei denen der Verteidiger den Ball fallen ließ, müsste man in dem Fall zudem umgekehrt drauf packen.

Doch am spannendsten ist bei Arians' Aussage der Part, dass Winston manchmal "Spiele alleine gewinnen will"; denn zu einem nicht unerheblichen Teil erfordert seine Offense das auch von ihrem Quarterback.

Jameis Winstons Stats 2019:

Kategorie

Wert

Liga-Platzierung

Expected Points Added pro Play

0,16

13

Durchschnittliche Target-Tiefe

10,4 YDS

2 (Minimum: 200 Pass Attempts)

CPOE

0,3%

16 (Minimum: 200 Pass Attempts)

Deep Passing Yards

1.351 YDS

1

Air Yards to the Stick

1,4

2 (Minimum: 128 Pass Attempts)

Yards nach dem Catch pro Completion

4,9

24

On-Target Pässe

69,9%

32

Touchdown-Pässe/Interceptions

33/30

2/1

Passing-Yards

5.109

1

Anmerkungen: CPOE steht für "Completion Percentage Over Expectation". Hier werden Variablen wie die Nähe des Pass-Rushs zum Quarterback im Moment des Wurfs und die Nähe des Coverage-Spielers zum angespielten Receivers berechnet, um zu ermitteln, wie häufig der Quarterback Pässe anbringt, die einerseits erwartbar sind und dann aber auch wie viele er anbringt, die darüber hinausgehen. "Deep Passing Yards" beschreibt die Yards bei Pässen, die der Quarterback mindestens 20 Yards downfield wirft. "Air Yards to the Sticks" zeigt, wie nah (und ob darüber oder davor) an den neuen First-Down-Marker der Quarterback den Ball im Schnitt wirft.

Die Arians-Offense - eine detaillierte Betrachtung selbiger gibt es hier - wurde nicht zufällig insbesondere aus der Zeit bei den Arizona Cardinals unter dem Motto "No risk it, no biscuit" geführt. Das beschreibt einerseits die tiefen Pässe, die fester Bestandteil dieser Offense sind; das echte Markenzeichen aber ist das Attackieren der Mid-Range, etwa zehn bis 20 Yards Downfield. Beides geht unweigerlich mit einem höherem Risiko für den Quarterback einher, verglichen mit einer Offense, die primär über kurze Pässe funktioniert.

Doch hier werden in der NFL auch am ehesten konstante Big Plays kreiert, hier will Arians attackieren - und hier war Winston in der vergangenen Saison auch äußerst produktiv (1.933 YDS, 14 TD, 13 INT). Am mit Abstand besten aber war Winston, wenn er vertikal attackieren konnte. Er führte die Liga mit 1.351 Passing-Yards bei Pässen, die mindestens 20 Yards das Feld runter flogen, an und legte hier neun Touchdowns bei fünf Interceptions auf. Nur Matthew Stafford warf den Ball im Schnitt weiter.

Wie kann man Winstons Extreme einordnen?

Was lässt sich daraus mitnehmen? Zunächst einmal ist es nicht überraschend. Unter Arians warf Carson Palmer 2016 unter Quarterbacks mit mindestens 250 Pässen im Schnitt am drittweitesten (10,1 Yards), in der verletzungsgeplagten 2017er Saison, Arians letztes Jahr in der Wüste, standen Drew Stanton (Rang 2), Carson Palmer (7) und Blaine Gabbert (9) alle in der Top-10 in der gleichen Kategorie.

Das verlangt vom Quarterback deutlich mehr als andere Offenses. Während etwa Sean Payton in New Orleans oder Kyle Shanahan in San Francisco ihren Quarterbacks viele kurze Pässe geben und dann Yards nach dem Catch über Schemes und Play-Designs kreieren, muss ein Quarterback in der Arians-Offense deutlich schwierigere Würfe anbringen - und das konstant. Das führt zu - wenn der Quarterback gut ist - mehr Big Plays, es führt aber durch den deutlich erhöhten Schwierigkeitsgrad unweigerlich auch zu mehr Turnovern. Es führt zu weniger konstanter Production, dafür zu mehr Extremen.

Doch wie kann man das gegeneinander aufrechnen? Eine Option: Winston verzeichnete in der vergangenen Saison 0,16 Expected Points Added pro Play. Das wäre Platz 16, also ligaweites Mittelmaß. Aaron Rodgers, der nur vier Interceptions warf, rangierte mit 0,14 EPA/Play knapp darunter. Genau wie Tom Brady (0,11/8 Picks) oder Jacoby Brissett (0,14/6 Picks).

Die drei Quarterbacks zusammengerechnet hatten also 2019 nur etwas mehr als halb so viele Interceptions (18) wie Winston alleine (30), keiner aber produzierte mehr Expected Points Added pro Spielzug.

Was sagt uns das? Interceptions zu werfen ist nicht gut, das steht außer Frage. Doch solange der Quarterback umgekehrt auch verlässlich die Big Plays auflegt, neutralisiert es sie nicht nur - eine hohe Turnover-Quote mit hoher Big-Play-Quote kann unter dem Strich einen höheren Wert für das Team haben als eine sehr niedrige Turnover-Quote mit einer durchwachsenen Big-Play-Quote. Das ist ein ganz elementarer Takeaway für die Einschätzung Winstons, das müssen sich die Buccaneers bewusst machen.

Seite 2: Wie geht es weiter für Winston - und welche Alternativen hat Tampa?

Jahr 2 unter Arians: Winstons Explosion?

Und dann gibt es noch einen anderen Faktor: Erfahrung.

Es gibt kaum einen besseren Ansprechpartner für diesen Punkt in der Arians-Offense als Carson Palmer, den Arians 2013 als eine seiner ersten großen Entscheidungen bei den Cardinals nach Arizona holte - und der einige Zeit brauchte, ehe er sich in der Offense zurechtfand. 22 Interceptions warf Palmer 2013, es ist die einzige Saison in seiner NFL-Karriere, in der er mehr als 20 Picks warf.

"Man hat im ersten Jahr nicht die notwendige Erfahrung", stellte Palmer jüngst in der Rich Eisen Show klar. "Man braucht dieses erste Jahr, um dann zurückblicken, das Tape analysieren und erkennen zu können, wo man Fehler gemacht hat. Das gilt auch für die Receiver; und dann im zweiten Jahr greifen die Rädchen deutlich besser ineinander. Diese Chemie beginnt dann sich zu entwickeln, genau wie das Vertrauen in die Offense. Wenn Jameis in Tampa bleibt, glaube ich, dass er ein tolles zweites Jahr spielen wird."

Letztes Jahr schien genau dieses Vertrauen zunehmend holpriger zu werden - von beiden Seiten. Womöglich war das London-Spiel ein Knackpunkt, zumindest wurde von Arians' Seite anschließend der Ton gegenüber Winston in der Öffentlichkeit rauer. Arians hätte sich schnellere Fortschritte gewünscht, das steht außer Frage. Winston derweil warf zehn seiner 30 Interceptions, nachdem er sich den Daumen an seiner rechten Hand gebrochen hatte und er spielte trotz eines Meniskusrisses.

Winstons Alternativen: Colts? Bears?

Diese Dinge sollten nicht als Ausrede herhalten, doch genau wie die Tatsache, dass man die Schwierigkeit der Offense für den Quarterback berücksichtigen muss, gilt es aus Bucs-Sicht, möglichst viel Kontext anzubringen, ehe man eine so enorm wichtige Entscheidung trifft. Und das gilt auch für Winston selbst, wenn es darum geht, welche Art Vertrag er - in Tampa oder anderswo - jetzt unterschreibt.

Er ist 26 Jahre alt und selbst der größte Winston-Kritiker kann kaum umhinkommen, zu sagen, dass er unter dem Strich ein durchschnittlicher Starting Quarterback ist. Aktuell nicht mehr, dafür sind die Fehler und Turnover zu gravierend - aber auch nicht weniger, dafür sind die Big Plays zu konstant.

Winston kommt an diesen Punkt nur anders als so ziemlich jeder andere Quarterback, den man als Durchschnitt bezeichnen würde. Hier denken viele an Spieler wie Derek Carr oder Andy Dalton oder inzwischen womöglich auch wieder Teddy Bridgewater - Quarterbacks, die deutlich weniger fehleranfällig sind, dafür jedoch auch deutlich weniger Offense kreieren.

So gut er auf den ersten Blick in Arians' Offense passt: Womöglich wäre umgekehrt eine andere Situation für Winston selbst besser. Eine Offense, in der er zwar auch vertikal attackieren würde, die ihm gleichzeitig aber auch mehr helfen würde, indem mehr "sichere" Pässe Teil der Offense sind. Etwa eine Offense wie die von Frank Reich in Indianapolis oder von Matt Nagy in Chicago.

Zocken die Buccaneers mit Winston?

Und so spitzt sich die Situation in Tampa Bay immer weiter zu. "Ich hätte gerne einen besseren Dezember von ihm gesehen", legte Arians bei der Combine laut JoeBucsFan.com nach, "Ende November, Anfang Dezember, normalerweise ist das der Zeitpunkt, an dem es bei uns Klick macht. So war es bei Carson in Arizona und auch für Ben Roethlisberger in Pittsburgh. Es war bei jedem so. Aber Jameis hat im Dezember noch Fehler gemacht, die mir nicht gefallen haben."

Das könnte sehr gut Arians' Art sein, zu sagen, dass er auch nicht den Sprung im zweiten Jahr erwartet. Es könnte auch ein Hinweis auf eine etwas andere Strategie sein: Tampa hätte die Möglichkeit, Winston den Transition Tag zu geben; es wäre für beide Seiten der spannende Weg, um herauszufinden, wie Winstons Markt wirklich aussieht.

Womöglich sind Arians' Aussagen zumindest über die letzten Wochen auch deshalb so kritisch, weil man Winstons Markt in einem solchen Szenario nicht zusätzlich pushen will. Zuletzt sprachen Arians und Bucs-GM Jason Licht offen darüber, dass sie gerne einen Quarterback im diesjährigen Draft auswählen würden.

Bucs: Die gefährliche Suche nach Alternativen

Klar ist: Die Buccaneers sehen sich jetzt in einem Fenster, in dem sie gewinnen können. Sie haben das wohl beste Wide-Receiver-Duo der Liga und eine junge Defense, die sich im Laufe der Saison merklich weiterentwickelt hat. Es gilt dort, kritische eigene Free Agents wie etwa Shaq Barrett zu halten, doch die zentrale Frage lautet: Sieht Arians, der selbst nicht mehr allzu lange coachen wird, in Winston das Potenzial, ein Titelfenster zu öffnen? Oder könnte Tampa Bay tatsächlich eine Option für Brady sein, die ihn aus der AFC bringt und in eine gut besetzte Offense packt?

Das wäre die eine Lösung, die ein sicheres, wenn auch kurzfristiges, Upgrade darstellen würde. Aber sonst? Rivers spielte letztes Jahr wie eine schlechtere Version von Winston selbst, die zuletzt kolportierten Bridgewater oder auch Derek Carr via Trade passen überhaupt nicht in die Arians-Offense. Vielleicht könnte jemand wie Andy Dalton die Offense umsetzen und dabei die Turnover im überschaubaren Rahmen halten. Aber ein sicheres Upgrade gegenüber Winston sieht anders aus.

Und so muss Tampa Bay aufpassen, dass sie am Ende nicht im übertragenen Sinne auf das reinfallen, was das Sprichwort meint, das sagt: Der Prophet gilt nichts im eigenen Land. Es ist verständlich, dass Winstons Turnover Coaches, Verantwortliche und Fans in den Wahnsinn treiben, und um wirklich - individuell aber, auch was das ganze Team angeht - einen Schritt nach vorne zu machen, muss Winston diese reduzieren.

Gleichzeitig aber würde Tampa große Schwierigkeiten haben, einen Quarterback zu finden, der Arians' Offense besser umsetzt; der Winstons Arm, Aggressivität und hohe "Toleranz" gegenüber eigenen Fehlern innerhalb eines Spiels hat. Die Buccaneers wären gut beraten, Winston ein zweites Jahr in der Arians-Offense zu geben und alles daran zu setzen, eine langfristige Entscheidung auf der Position ein Jahr hinauszuzögern. Ein etwas diplomatischeres Auftreten in der Öffentlichkeit wäre dafür nicht die schlechteste Idee.

Mehr bei SPOX: NFC South: Quarterback-Karussell in New Orleans - was planen die Panthers?

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