NFL: Kolumne: Der Prescott-Fehler und das Saints-Problem

Woche 10 liegt hinter uns - es war die Woche der Überraschungen. Der Falcons-Pass-Rush explodiert ausgerechnet in New Orleans, die Titans gewinnen ihren Shootout gegen die Chiefs und die Steelers schocken auch die Rams. In seiner wöchentlichen Kolumne blickt SPOX -Redakteur Adrian Franke auf die Probleme der Rams-Offense, das Saints-Debakel, die Situation in Cleveland und den Drahtseilakt in Dallas.
Woche 10 liegt hinter uns - es war die Woche der Überraschungen. Der Falcons-Pass-Rush explodiert ausgerechnet in New Orleans, die Titans gewinnen ihren Shootout gegen die Chiefs und die Steelers schocken auch die Rams. In seiner wöchentlichen Kolumne blickt SPOX -Redakteur Adrian Franke auf die Probleme der Rams-Offense, das Saints-Debakel, die Situation in Cleveland und den Drahtseilakt in Dallas.

Woche 10 liegt hinter uns - es war die Woche der Überraschungen. Der Falcons-Pass-Rush explodiert ausgerechnet in New Orleans, die Titans gewinnen ihren Shootout gegen die Chiefs und die Steelers schocken auch die Rams. In seiner wöchentlichen Kolumne blickt SPOX-Redakteur Adrian Franke auf die Probleme der Rams-Offense, das Saints-Debakel, die Situation in Cleveland und den Drahtseilakt in Dallas.

Seite 1: McVay, Goff und die Rams-Offense: Wohin geht die Reise?

Ihr wollt Fragen an die SPOX-NFL-Kolumne stellen? Das geht direkt hier an den Autor!

Scrollen, um mit dem Inhalt fortzufahren
Anzeige

Wo sind die Antworten der Rams-Offense?

Die Pleite in Pittsburgh gegen Mason Rudolph und die Steelers war im neunten Spiel die vierte Saisonniederlage für die Rams. Dabei kam L.A. zum dritten Mal in den letzten sieben Partien nicht auf 21 Punkte und Jared Goff fehlen noch drei Interceptions, um seine "Ausbeute" aus der gesamten vergangenen Saison einzustellen.

Keine Frage: Diese Offense ist nicht ansatzweise auf dem Level der Vorjahres-Version, und das obwohl im Vergleich zur vergangenen Saison nur zwei Starter ausgetauscht wurden: Center John Sullivan und Left Guard Rodger Saffold, und bei Sullivan kann man sehr gut argumentieren, dass er im Vorjahr die größte Schwachstelle in der Rams-Line war.

Inzwischen ist die Line zusätzlich von Verletzungen geplagt, doch ist das nicht der einzige Punkt. Vielmehr hat diese Offense, die letztes Jahr mit den gleichen Leistungsträgern die Liga zumindest über weite Teile der Regular Season dominierte, im Prinzip seit Woche 3 - und streng genommen schon seit dem Schlussspurt der Regular Season 2018 - regelmäßig Sand im Getriebe, und nicht selten mehr als das.

Und so langsam ist es an der Zeit, dass Sean McVay und Jared Goff Antworten finden. Das ist letztlich das, was man in der NFL von einem offensiven Head Coach und einem Franchise-Quarterback erwartet.

Vieles beginnt mit der Offensive Line

Wir haben dank Datenauswertungen und gezielten Studien über die letzten Monate viele neue Dinge über Football gelernt, inklusive auch was Aspekte wie Pass-Rush und Pressure angeht - konkret: Quarterbacks selbst sind maßgeblich für Pressures verantwortlich.

Zu langes Halten des Balls, Unsicherheiten bei Reads, das Laufen in Pressure, schlechtes Pocket-Verhalten; all diese Dinge lassen sich über die Jahre konstant mit Pressures in Verbindung bringen und begleiten Quarterbacks zu einem beachtlichen Grad, selbst wenn sich die O-Line-Umstände um sie herum verändern.

Aber wie so häufig gilt auch hier: Die Extreme des Spektrums verändern die Dinge. So kann man Goff in L.A. für vieles kritisieren, doch ist die Offensive Line der Rams dieses Jahr insbesondere in Pass Protection so schwach, dass viele offensive Ideen einfach nicht funktionieren können. Man ist eingeschränkt, in dem was man ausprobieren kann - in noch extremerem Ausmaß sehen wir das gerade bei den Bengals. Und dass die Rams jetzt noch Center Brian Allen für den Rest der Saison verloren haben, wird die Situation nicht verbessern.

Das soll keine Entschuldigung sein, aber es ist ein Erklärungsansatz. Wir haben letztes Jahr bereits Tendenzen dahingehend gesehen, dass Defenses insbesondere mit Cover-4-Varianten der Rams-Offense bei Early Down das vertikale Element, ganz besonders via Play Action, genommen haben. Und eine ganz klare Konstante in Goffs Karriere ist, dass er mit Pressure Probleme hat.

Die Zusammenhänge sind weiter klar erkennbar. Goff ist dieses Jahr bei Play Action deutlich ineffizienter und hatte bereits vor dem Steelers-Spiel mehr Interceptions via Play Action geworfen als in der gesamten Vorsaison. Den Rams fehlt hier eine ganze Masse an Big Plays, und das liegt nicht nur an der Offensive Line.

Eine der großen Stärken der Rams-Offense in der Vorsaison war die Tatsache, dass L.A. unheimlich viel aus ganz wenigen verschiedenen Formationen machte. 11-Personnel, enge Formationen und nur ganz wenige verschiedene Varianten - für die Defense sahen die Plays vor dem Snap alle identisch aus.

Das sorgte gleichzeitig für Effizienz im Play Action Passspiel und auch im Run Game, doch Teams haben sich wesentlich besser darauf eingestellt und die Rams versuchen seither Antworten zu finden, in anderen Formationen und in anderen Personnel-Groupings.

Doch bisher haben sie diese Antworten nicht gefunden. Womöglich läge die Lösung darin, deutlich mehr Tempo-Offense zu spielen und in ein Spread-Kurzpass-System überzugehen. Was dann aber wieder die Frage aufwirft: Wie gut wäre Goff in einem solchen System?

Letztes Jahr war deutlich sichtbar, dass er gerne mal undiszipliniert mit seinen Entscheidungen wurde, wenn er lange Kurzpass-Drives hinlegen musste. Die Probleme in der Offensive Line, gemeinsam mit Goffs Defiziten, erschweren die Suche nach Alternativen deutlich.

Jared Goff und der Andy-Dalton-Vergleich

Das führt unweigerlich zu einem anderen, übergeordneten Gedanken. Goff ist ein hochtalentierter Passer, physisch gesprochen, und kann Pässe werfen, zu denen längst nicht jeder Quarterback in der NFL in der Lage ist. Das steht gar nicht zur Debatte und das ist auch nicht das Problem in Los Angeles.

Die Rams sind schematisch nicht so dominant wie letztes Jahr; das konnte man auch kaum erwarten, wir sehen aber jetzt auch ganz eindeutig, dass Goff eben kein Quarterback ist, der Offense selbst kreiert. Das ist ein Problem, und es macht Goff unter dem Strich zu einem durchschnittlichen Quarterback - gar nicht so unähnlich zu dem, was Andy Dalton über Jahre war: Ein Quarterback, der so gut ist, wie die Umstände um ihn herum. Das kann exzellent sein, so wie letztes Jahr, es kann aber auch unterer Durchschnitt sein, so wie aktuell.

Wenn das der Fall ist, haben die Rams bald - wenn Goffs neuer Vertrag einschlägt, man Jalen Ramsey und Cooper Kupp neue Deals geben musste und dergleichen - ein ziemliches Problem. Die Art Quarterback, als die sich Goff zunehmend entpuppt, macht es unabdingbar, dass man einen sehr guten Kader um ihn herum baut. Und das ist schwer in der NFL, inbesondere das über mehrere Jahre durchgehend zu schaffen.

Und trotzdem muss man auch McVay in die Pflicht nehmen, wenn man etwa diese Woche sah, dass L.A. zwei Wochen Zeit hatte, um sich auf das Mismatch an der Line of Scrimmage gegen Pittsburgh einzustellen - und keine funktionierenden Ideen daraus entstanden.

Die Rams müssen Wege finden, um ein effizienteres Kurzpassspiel aufzuziehen, das die Offensive Line entlastet und Goff die Arbeit leichter macht. Bisher, und das muss man ganz deutlich sagen, haben wir weder von McVay noch von Goff eine konstant funktionierende Offense ohne eine Top-10 Offensive Line gesehen. Und das ist nunmal ein Luxus, der in der NFL nicht als Standard vorausgesetzt werden kann.

Seite 2: So schockten die Falcons die Saints in New Orleans

Ihr wollt Fragen an die SPOX-NFL-Kolumne stellen? Das geht direkt hier an den Autor!

So schockten die Falcons die Saints in New Orleans

Als 14-Punkte-Underdog hatten die Buchmacher Atlanta im Vorfeld der Partie in New Orleans ausgemacht - die Falcons drehten den Spieß um und gewannen ihrerseits mit mehr als 14 Punkten Vorsprung. 17 Zähler trennten die beiden Teams am Ende.

Das ist historischer als es vielleicht klingt: Ein 14-Punkte-Außenseiter der mit mehr als 14 Punkten Vorsprung gewinnt, das hat es in der NFL seit 1970 erst fünf Mal gegeben. Da passte es schon fast ins Bild, dass der zahnlose Falcons-Pass-Rush eine der besten Offensive Lines der Liga dominierte und gegen New Orleans seine Saison-Sack-Ausbeute bis dato (7) mit sechs Sacks fast verdoppelte. Mehr hat Brees noch nie in einem Spiel kassiert.

Es war ein kurioses Spiel, das mal wieder zeigte, wie unberechenbar diese Liga sein kann. Auch wenn man bei den Saints einen alarmierenden Trend - nämlich das langsame Starten in Spiele - einmal mehr beobachten konnte. Drew Brees adressierte das Thema nach der Partie ebenfalls kritisch.

Doch die große Frage ist natürlich: Wie konnten die Falcons dieser Offensive Line derartige Probleme bereiten? Und reden wir hier von weitreichenden Schwierigkeiten für die Saints, oder von einer einmaligen Sache?

Saints: Drew Brees in ungewohntem Terrain

Exakt bei einem Drittel seiner Dropbacks hatte Brees Druck durch die Falcons-Defense; zum Vergleich: Vor dieser Partie hatte Brees eine Pressure-Quote von 25 Prozent gegen sich, der zweitniedrigste Wert aller Quarterbacks mit mindestens 90 Dropbacks.

Noch eindrucksvoller wird der Auftritt der Falcons, wenn man weiter in die Statistiken gräbt. Die Saints-Offense ist primär auf kurze, schnelle Pässe und dann Yards nach dem Catch ausgelegt. Im Schnitt wurde Brees vor dieser Partie den Ball in 2,44 Sekunden los, bei nur 44 Prozent seiner Pässe hielt er den Ball 2,5 Sekunden oder länger. Beides jeweils der siebtniedrigste Wert in der NFL.

Gegen die Falcons unterbot er seinen Schnitt sogar noch (2,36 Sekunden, 40,8 Prozent). Doch der Einfluss der Plays, bei denen er den Ball länger hielt, war viel gravierender. 20 Mal hatte Brees den Ball nach 2,5 Sekunden noch in der Hand - in diesen Situationen kassierte er fast so viele Sacks (alle sechs) wie er Pässe an den Mitspieler brachte (8).

"Ich habe mehrfach gesehen, wie Drew durch seine Reads gegangen ist und es nicht bis zu den letzten beiden Optionen geschafft hat", verriet Falcons-Safety Ricardo Allen nach der Partie. Und das Tape bestätigt Allens Aussage.

Die hier dargestellte Szene zeigt den zweiten Sack der Falcons. Atlanta attackierte - wie meistens in diesem Spiel, die Falcons blitzten bei 51 Brees-Dropbacks nur elf Mal und hatten damit auch fast nie Erfolg - mit seinem 4-Men-Rush.

In dem Fall spielten die Falcons jeweils zwei Stunts, das heißt: Zwei Verteidiger tauschen im Pass-Rush gewissermaßen ihre Positionen, der Defensive Tackle attackiert nach dem Snap nach außen und der Edge-Rusher zieht nach innen. Adrian Clayborn, der rechte Defensive End (links aus Sicht der Offense) kam so letztlich auch zu Brees und erwischte ihn zehn Yards im Backfield.

Falcons-Pass-Rush: Schockierend simpel

Überrascht hat mich allerdings am meisten, wie simpel die Falcons in ihrem Pass-Rush waren. Der dritte Sack der Partie war ein 4-Men-Rush sogar ohne Stunts, angetäuschte Rusher oder dergleichen, Grady Jarrett gewann schlicht sein Matchup und war blitzartig bei Brees. Der vierte Sack kam gar im 3-Men-Rush, als Brees aufgrund guter Coverage den Ball sehr lange halten musste.

Beim fünften Sack, aus individueller Matchup-Sicht vielleicht der größte Schocker, schlug Clayborn - ein wirklich bestenfalls durchschnittlicher Edge-Rusher - Left Tackle Terron Armstead, seines Zeichens einer der ligaweit besten Spieler auf seiner Position, Eins-gegen-Eins und kam so zu Brees durch. Jarrett gewann hier ebenfalls sein Eins-gegen-Eins-Matchup, wieder war es ein 4-Men-Rush ohne verrückte Pressure-Looks oder dergleichen.

Atlanta gewann wieder und wieder Matchups an der Line of Scrimmage, die sie - Jarrett mal ausgenommen - eigentlich niemals mit dieser Häufigkeit hätten gewinnen dürfen. Deshalb hatten die Saints auch bei ihren vereinzelten Rushing-Versuchen wenig Erfolg.

25 individuelle Quarterback-Pressures verzeichneten die Falcons am Sonntag, davon gingen sieben auf das Konto von Jarrett und sechs auf das von Clayborn. Jarrett alleine hatte fünf Quarterback-Hits.

Ein einziger Falcons-Blitz funktionierte so richtig, und das war gleich der erste Sack des Spiels bei Third-and-Goal:

Wenn es nicht der "komplexeste" Pass-Rush-Call des Spiels aufseiten der Falcons war, dann sicher in der Top-3. Atlanta blitzte zunächst mit fünf Spielern und brachte dann noch einen Delayed-Blitzer (blau markiert), der also erst kurz nach dem Snap ebenfalls Richtung Quarterback losging.

Das Design isolierte Linebacker De'Vondre Campbell (gelb markiert) Eins-gegen-Eins mit dem Fullback, Campbell gewann das Matchup relativ klar und erwischte Brees neun Yards im Backfield.

Der letzte Falcons-Sack der Partie kam mit 5:31 auf der Uhr bei Fourth Down:

Auch hier ist es ein Four-Men-Rush mit einem kleinen, spät im Play eingebauten Stunt, auch dieses Mal gewannen mehrere Defensive Lineman für Atlanta ihre Eins-gegen-Eins-Duelle.

Immer wieder war es das gleiche Thema, nämlich die überraschende Einfachheit. Die Falcons verfolgten dabei im defensiven Play-Calling eine neue und ungewöhnliche Aufteilung: Assistant Head Coach Raheem Morris, der unter der Woche von der offensiven Seite wieder in die Defense beordert wurde und für die Secondary verantwortlich ist, übernahm das Play-Calling bei Third Down - wo drei der sechs Sacks kamen - und in der 2-Minute-Defense, während Linebacker-Coach Jeff Ulbrich für First und Second Down verantwortlich war. Diese Aufteilung soll jetzt weiterhin so umgesetzt werden.

Was sagt uns das Spiel über die Saints?

Die große Frage aber lautet natürlich: War es ein einmaliger Ausrutscher? Oder der Anfang eines Trends für New Orleans?

Die Saints hatten viel zu viele Strafen (zwölf akzeptierte Strafen für 90 Yards!), sie verloren defensiv Cornerback Marshon Lattimore, der bis dahin Julio Jones ausgeschaltet hatte und sie beendeten das Spiel 0/3 in der Red Zone. Das sind viele Anomalien auf einmal, die zu dieser deutlichen Niederlage zweifellos beitrugen.

Die Frage, die ich mir am ehesten mit Blick auf langfristigere Takeaways für die Saints stelle, betrifft Brees. Letztes Jahr bereits wurde darüber diskutiert, ob sein Arm nachlässt und ob das die Saints-Offense eindimensionaler macht. Bei seinem Comeback gegen Arizona vor zwei Wochen funktionierte das Kurzpassspiel mit gewohnter Effizienz - doch was ist, wenn das nicht so rund läuft?

Brees wirft ganze 5,1 Prozent seiner Pässe 20 Yards oder weiter Downfield, das ist mit weitem Abstand der geringste Wert aller Quarterbacks mit mindestens 100 Dropbacks. Um das einzuordnen: Der zweitniedrigste Wert gehört - ganz im Stile der Offense - Saints-Backup Teddy Bridgewater (7,2 Prozent), ansonsten ist kein Quarterback mit mindestens 100 Dropbacks unter acht Prozent. An der Liga-Spitze steht Matt Stafford, der fast 20 Prozent seiner Pässe 20 Yards oder weiter feuert.

Den Saints fehlen die Waffen im Receiving-Corps neben Michael Thomas, und ihnen fehlt die Explosivität im Passspiel - sei es aufgrund des Schemes oder aufgrund der Tatsache, dass Brees' Arm doch nachlässt. In der Folge ist New Orleans extrem von Thomas und von der Offensive Line abhängig. Und das könnte sich spätestens in den Playoffs gegen die Top-Teams der Liga rächen.

Ob es ein überraschend guter Auftritt der Falcons gewesen sei, wurde Saints-Pass-Rusher Cam Jordan anschließend noch gefragt. "Absolut", gab Jordan offen zu. "Man weiß, dass der Gegner in einem Division-Spiel alles gibt. Wenn man sich ihre acht Spiele davor anschaut, waren sie nicht gerade gut. Wir standen uns heute selbst im Weg."

Am Ende aber müsse man "das Tape analysieren und dann so schnell wie möglich besser werden. Es gibt keinen Spielraum für Fehler, keinen Spielraum für Nachlässigkeiten. Das heute war nicht der Standard, den wir uns selbst setzen."

Das sind viele Phrasen, aber in gewisser Weise stimme ich Jordan zu: Die Saints wirkten nachlässig und fahrig, womöglich mit der klaren Favoritenrolle zu deutlich im Hinterkopf. Anders gesagt: Die Offensive Line wird sich wieder fangen, davon gehe ich fest aus.

Und gleichzeitig darf man, die hohen Ambitionen der Saints berücksichtigt, das Spiel absolut auch als Warnsignal verstehen was die anderen Bereiche der Offense anbelangt.

Seite 3: Prescott, QB-Suche, Bengals-Rebuild, Tannehill, Browns - eure Fragen

Ihr wollt Fragen an die SPOX-NFL-Kolumne stellen? Das geht direkt hier an den Autor!

Prescott, QB-Suche, Bengals-Rebuild, Tannehill, Browns - eure Fragen

Advocatus Diaboli: Wie geht es bei den Bengals weiter? Was wäre deine Taktik? Totaler Rebuild, oder Schlüsselspieler halten und durch den Draft stärken?

Rebuilds in der NFL sind eine faszinierende Sache, und während der in Miami in vollem Gange ist, sollten die Bengals eigentlich auf dem gleichen Pfad unterwegs sein. Aber die Fragen danach, "wie es weiter geht" und "was meine Taktik wäre" dürften ziemlich unterschiedliche Antworten hervorbringen.

Was vermutlich passiert: Die Bengals sind die konservativste, introvertierteste und "langsamste" Franchise in der NFL. Das heißt, dass man versuchen wird, sein Team zusammen zu halten und einen konservativen Umbruch einzuleiten. Mit mutmaßlich einem Quarterback hoch im Draft und weiteren Picks für den Pass-Rush und die Offensive Line. Ich will nicht sagen, dass das nicht funktionieren kann - es ist nur eben der vorsichtige Ansatz, wo etwas mehr Mut zum Umbruch vielleicht eher angebracht wäre.

Was ich machen würde: Man muss dieses Bengals-Team nicht komplett bis auf die Grundmauern niederreißen. Die Bengals können auch langfristig um Spieler wie Tyler Boyd, Jonah Williams, William Jackson und eventuell auch Joe Mixon und John Ross etwas aufbauen. Was in diesem Umbruchsfenster aber in meinen Augen keinen Sinn macht, ist das Festhalten an einem Spieler wie A.J. Green.

Green ist 31 Jahre alt, in seinem letzen Vertragsjahr und hatte zuletzt vermehrt mit Verletzungen zu kämpfen. Green wird den Bengals vermutlich nicht mehr viel helfen, wenn das Team das nächste Mal wirklich konkurrenzfähig ist. Gleichzeitig hätte er noch einen Trade-Wert, genau wie auch ein Carlos Dunlap beispielsweise. Das ist genau die Art Spieler, die man in dieser Situation traden sollte, um den Umbruch mit mehr Draft-Kapital voranzutreiben.

Anschließend daran wäre der Quarterback im Draft natürlich meine Priorität Nummer 1, in die Offensive Line würde ich in der Free Agency weiter investieren. Die Defense ist ebenfalls ein ernsthaftes Problem, aber meine Priorität würde auf der Offense liegen. Auch mit Jonah Williams dann wieder zurück muss die Offensive Line neu aufgebaut werden, andernfalls funktioniert diese Offense nicht. Dann muss man Zac Taylor seinen Wunsch-Quarterback geben und das Wide Receiver Corps neu aufbauen.

Das ist kein Umbruch für ein Jahr, und deshalb muss man ihn auch tiefgreifender angehen, als es die Bengals aktuell tun.

Finn und Higgens64: Trotz des Sieges wieder kein überzeugendes Spiel von Cleveland. Was müssen die Browns verändern um (vermutlich eher nächstes Jahr) ein Playoff Team zu werden? Wo liegen die Red-Zone-Probleme der Browns?

Wirklich überzeugend war es nicht, aber gegen eine gute Bills-Defense und eine zumindest mal unangenehme Bills-Offense zu gewinnen ist kein Selbstläufer - dass es einfache Siege in der NFL nicht gibt, wissen gerade die Browns nur zu gut. Rashard Higgins sollte nach wie vor eine größere Rolle in der Offense bekommen, Mayfield war teilweise wieder zu spät und zu zögerlich mit seinen Reads und hat so auch Pressure (sowie den Safety zu Beginn der zweiten Hälfte) angezogen - insgesamt aber war das ein ordentliches Spiel von ihm.

Dass Cleveland Red-Zone-Probleme hat, ist keine neue Erkenntnis; man könnte argumentieren, dass genau diese Schwachstelle die Browns bereits mehrere Spiele gekostet hat. Das war letztlich gegen Buffalo nicht der Fall, doch natürlich waren es die absolut prägenden Szenen dieses Spiels, über die trotz des Heimsieges im Nachhinein am meisten diskutiert wird.

Ganz konkret geht es um die Phase am Ende des ersten Viertels, als Cleveland acht Plays - davon zwei Strafen gegen die Bills - innerhalb der 2-Yard-Line hatte (sieben davon an der 1-Yard-Line) und ohne Punkte blieb. Eine solche Situation hat es seit 26 Jahren nicht mehr gegeben.

Fünf dieser acht Plays waren Runs, und das Play-Calling per se hat mich gar nicht so gestört. Ganz simpel gesagt: Bei fünf Versuchen erwarte ich von jeder Offensive Line in der NFL, dass sie ein Yard freiblocken kann. Aber die Play-Designs waren so dermaßen überhaupt nicht kreativ und komplett repetitiv, dass man sich an den Kopf fassen musste.

Mehrere Runs aus der I-Formation mit einer engen Formation, entweder mit allen Offense-Spielern direkt an der Offensive Line postiert, oder aber maximal einem Receiver weiter außen. Statt die Defense in die Breite zu ziehen und gegen eine leichte Box zu laufen, hämmerte Freddie Kitchens Nick Chubb immer wieder in den zahlenmäßig am stärksten besetzten Part der Defensive Front. Das ist einfach schlecht.

Als Cleveland kurz vor der Halbzeitpause nochmals an die 3-Yard-Line der Bills kam, machten die Browns es ein wenig besser, mit einem kurzen Pass zu Landry, einem Run-Play nach außen inklusive Motion in die andere Richtung und einem versuchten Shovel Pass. Doch diese Schwachstelle bleibt ein eklatantes Thema in Cleveland.

Langfristig bin ich der Meinung, dass man Freddie Kitchens noch Zeit geben sollte. Sein In-Game-Management war teilweise absolut übel dieses Jahr; aber Kitchens ist ein Rookie-Head-Coach, der auf kaum Erfahrung als Coordinator zurückblickt. Probleme in diesen Bereichen waren also gewissermaßen erwartbar, und Cleveland täte eher gut daran, ihm hier vielleicht konkrete Berater auch für während des Spiels zur Seite zu stellen, um ihn hier zu verbessern.

Doch wenn ich mir die Browns-Offense Woche für Woche anschaue, dann sind es - abgesehen von der Red Zone - selten die Play-Calls oder die Play-Designs, die mir Sorgen machen. Ich hatte das nach dem Patriots-Spiel schon einmal ausführlicher adressiert. Und auch Mayfield spielt nicht so schlecht, wie es die Zahlen vermuten lassen.

Kitchens verdient deshalb mehr Zeit. Zeit, um sich in der Rolle zurecht zu finden und seine Offense weiter zu installieren. Cleveland sollte über die nächsten Jahre in Playoff-Team werden, um das Zeitfenster, in dem Mayfield, Garrett und Co. günstig sind, vollends auszunutzen. Ein weiterer Coaching-Wechsel mit neuer Philosophie und neuen Ideen für den Kader würde nicht nur das, sondern auch Mayfields Entwicklung weiter gefährden.

Markus und Maker Bayfield: Nachdem wir am Samstag zwei Quarterbacks für den nächsten Draft gesehen haben: Wie viele Teams starten die nächste Saison mit einem Quarterback, der dieses Jahr noch nicht im Kader ist?

  • Tennessee Titans: Siehe nächste Frage.

  • Miami Dolphins: Klarer Draft-QB-Kandidat, womöglich mit Fitzpatrick noch in einer Tannehill-Tennessee-Rolle.

  • Cincinnati Bengals: Dalton dürfte weg sein, Finley ist ein klassischer Backup und die Bengals muss man als Favorit auf den Nummer-1-Pick sehen.

  • Chicago Bears: Wenn die Bears nach dieser Saison - vorausgesetzt die zweite Hälfte verläuft auch nur ansatzweise wie die erste - nicht zu dem Schluss kommen, dass Trubisky nicht die Antwort ist, dann weiß ich auch nicht weiter.

Carolina könnte ein Kandidat sein, doch kann ich mir da einerseits trotz der aktuellen Gerüchtelage vorstellen, dass man Cam Newton 2020, wo er sehr günstig unter Vertrag steht, noch gibt - vorausgesetzt natürlich, dass er wieder fit wird. Oder aber andererseits halte ich es auch für denkbar, dass sie Kyle Allen eine Chance geben, falls man sich von Cam trennt.

Tampa habe ich als ein Team auf dem Zettel, das einen Quarterback draften könnte, aber Jameis Winston trotzdem nochmals für ein Jahr hält, und sei es nur als Übergangslösung. Ich bin mir auch nicht sicher, in wie weit Bruce Arians an diesem Punkt in seiner Karriere noch einen Rookie-Quarterback entwickeln will. Gerüchte in die Richtung, dass das nicht gerade seine Wunschvorstellung ist, gab es bereits vor drei Jahren in Arizona.

Kevin Penning und NicoLosty: Könnte Tannehill der Starting-Quarterback der Titans über die Saison hinaus bleiben?

Der Quarterback-Tausch in Tennessee ist und bleibt eine kuriose Sache - Tannehill ist tatsächlich einfach eine bessere Version als Marcus Mariota, zumindest für den Moment. Gleichzeitig wissen wir aber auch, was Tannehill langfristig ist, und das ist ein inkonstanter Quarterback mit Hochs und Tiefs; kurzum: Ein Low-Level-Starter oder ein High-End-Backup.

Was er aber auch sein kann? Eine Übergangslösung, und genau das könnte ich mir in Tennessee vorstellen. Mariota hat keine Zukunft hier, und ich glaube, dass die Titans ein Kandidat für den Quarterback-Markt in der Offseason - ein fitter Cam Newton etwa könnte in diese Offense passen - inklusive des Drafts sind.

Sollte es über den Draft gehen, könnte Tannehill gegebenenfalls noch als Platzhalter fungieren. Da Tennessee an die Top-QB-Prospects im Draft nicht ran kommen wird, ist es durchaus möglich, dass der Rookie noch eher etwas mehr Zeit braucht.

Zwei Szenarien kann ich mir nicht vorstellen: Dass Mariota 2020 noch für die Titans spielt - und dass Tannehill als klarer mittelfristiger Starter in die nächste Saison geht.

One PriDe: Die Defense der Lions ist nicht nur schlechter als vor der Saison erwartet. Sie gehört aktuell zu den schlechtesten der Liga und lässt sogar Mitch Trubisky halbwegs gut aussehen. Sind die Tage vom ehemaligen Defensive Coordinator der Patriots, Matt Patricia, in Detroit gezählt?

Die Lions-Defense ist frustrierend. Früh in der Saison dachte ich, dass wir es potenziell mit einer guten bis sehr guten Defense zu tun haben könnten, angeführt durch Justin Coleman, Darius Slay und Trey Flowers. Doch habe ich viel zu häufig das Gefühl, dass Detroit defensiv einerseits seine PS nicht auf die Straße bringt - was dann ein Coaching-Problem ist - und andererseits aber auch individuell wahnsinnig inkonstant agiert.

In mehreren Spielen war die Secondary einfach bis auf je einzelne Lichtblicke richtig schlecht, und ein Team mit einem derart zahnlosen Pass-Rush wie Detroit kann sich solche Auftritte nicht leisten. Detroit braucht bessere Cover-Linebacker, einen besseren Pass-Rush und einen besseren Outside-Corner neben Slay.

Trotzdem: Ja, man muss Patricia auf jeden Fall hinterfragen, weil die Entwicklung einfach nicht so da ist, wie man sich das angesichts des vorhandenen Talents vorstellen würde.

Dennoch - und das ist mehr Bauchgefühl als irgendwas anderes - glaube ich, dass Detroit jetzt diesen mit Patricia und mit Bob Quinn eingeschlagenen "Patriots-Weg" nicht so schnell verwerfen will und deshalb auch an beiden vorerst festhalten wird. Sofern natürlich die zweite Saisonhälfte nicht zum kompletten Desaster wird.

Giants Fans Germany: Relativ simple Frage: Sollten die Giants Shurmur feuern nach der Niederlage gegen die Jets?

Ich würde es nicht jetzt machen, einfach weil ich aus Giants-Sicht meinem Rookie-Quarterback nicht in der Mitte seiner ersten NFL-Saison einen neuen Interims-Head-Coach geben will, um ihn dann zum Start seiner zweiten Saison mit seinem dritten NFL Head Coach zusammen zu bringen. Aber ja, Shurmur sollte absolut auf dem brandheißen Hot Seat sitzen.

Ich sehe im Play-Calling keinerlei Kreativität, weder was das Einsetzen von Saquon Barkley, noch was lange Second Downs oder die Red Zone oder das Anpassen der Offense an die Stärken von Daniel Jones angeht. Ich erkenne keine Handschrift und keine Ideen.

Die Giants sind für mich ein Team komplett ohne Identität aktuell und Shurmur ist zusätzlich unfassbar konservativ in seinem In-Game-Coaching - was mit der Tatsache, dass sein Team meist das weniger talentierte Team auf dem Platz ist, nicht gerade gut zusammen funktioniert.

New York sollte dementsprechend definitiv ein Kandidat für einen Trainerwechsel nach Saisonende sein. Wobei dann im nächsten Gedanken die Frage aufkommt, wie vielversprechend die Suche und Verpflichtung eines neuen Trainers unter dem alten GM wird.

Der Huub: Was passiert mit Dak Prescott nach der Saison? Bleibt er in Dallas? Was wären Alternativen?

Dass die Cowboys dieses Thema noch immer nicht beendet haben und inzwischen Berichte von Ian Rapoport nahelegen, dass wir hier auf den Franchise Tag zusteuern könnten, läuft viel zu sehr unter dem Radar.

Prescott, der gerade aus einem fantastischen Spiel gegen die Vikings kommt, ist dieses Jahr ohne Zweifel ein Top-10-Quarterback und in diversen Advanced Stats noch deutlich besser als das. Ein Franchise-Quarterback, da besteht kein Zweifel für mich. Er ist in seinem letzten Vertragsjahr und als Viertrunden-Pick gibt es keine Fifth-Year-Option.

Die Tatsache, dass die Cowboys Zeke Elliotts Vertrag über den von Prescott priorisiert haben, ist schon absurd genug und die aktuelle Saison in Big D ist wieder einmal ein glänzendes Beispiel dafür, was für ein Fehler das vom grundsätzlichen Ansatz her war. Oder ist irgendwer der Meinung, dass die Cowboys in einem Szenario ohne Elliott schlechter dastünden als in einem Szenario ohne Prescott?

Dallas sollte hier schauen, dass man möglichst schnell Nägel mit Köpfen macht und Prescott einen Vertrag vorsetzt, den der auch unterschreibt. Dass er nächstes Jahr noch in Dallas spielt, daran habe ich keinen Zweifel - notfalls eben via Franchise Tag. Doch kann das unter Umständen sehr hässlich enden, und man gibt dem Quarterback dann immer weiter alle langen Hebel in den Verhandlungen in die Hand.

Denn der kann danach einfach noch einmal unter dem Tag spielen, bis er irgendwann so teuer wird, dass das Team ihn nicht mehr auf Einjahresverträgen halten kann. Und dann hat er sein Schicksal wirklich selbst in der Hand. Wir hatten die Situation ja gerade mit Kirk Cousins.

Mit Prescott nicht vor der Saison zu verlängern ist schon jetzt ein kostspieliger Fehler, und Dallas sollte tunlichst dafür sorgen, dass der nicht noch teurer wird. Auch wenn man damit womöglich jetzt kurzfristig in den sauren Apfel beißen und ein paar Millionen mehr drauflegen muss als man wollte.

Mehr bei SPOX: Week 10, Roundup: Packers entgehen Heimpleite - Saints und Chiefs patzen

Lesen Sie auch