NFL: Kolumne: "Minshew ist die Zukunft" - ist die Patriots-Offense reparabel?

Die Patriots-Offense tut sich abermals schwer - wo genau liegen die Probleme in New England? Nick Foles indes verliert seinen Startplatz in Jacksonville und könnte nach nur wenigen Spielen vor dem Aus stehen - und was wird eigentlich aus Philip Rivers? Was aus Jacoby Brissett? Und welche Teams enttäuschen dieses Jahr ganz besonders? SPOX -Redakteur Adrian Franke zieht in seiner wöchentlichen Kolumne Bilanz.
Die Patriots-Offense tut sich abermals schwer - wo genau liegen die Probleme in New England? Nick Foles indes verliert seinen Startplatz in Jacksonville und könnte nach nur wenigen Spielen vor dem Aus stehen - und was wird eigentlich aus Philip Rivers? Was aus Jacoby Brissett? Und welche Teams enttäuschen dieses Jahr ganz besonders? SPOX -Redakteur Adrian Franke zieht in seiner wöchentlichen Kolumne Bilanz.

Die Patriots-Offense tut sich abermals schwer - wo genau liegen die Probleme in New England? Nick Foles indes verliert seinen Startplatz in Jacksonville und könnte nach nur wenigen Spielen vor dem Aus stehen - und was wird eigentlich aus Philip Rivers? Was aus Jacoby Brissett? Und welche Teams enttäuschen dieses Jahr ganz besonders? SPOX-Redakteur Adrian Franke zieht in seiner wöchentlichen Kolumne Bilanz.

Seite 1: Die größten Enttäuschungen dieser Saison

Ihr wollt Fragen an die SPOX-NFL-Kolumne stellen? Das geht direkt hier an den Autor!

Scrollen, um mit dem Inhalt fortzufahren
Anzeige

Welches sind die größten Enttäuschungen dieser Saison?

13 Spieltage sind jetzt vorbei, und vielerorts ist die "Hoffnung vom Turnaround in der zweiten Saisonhälfte", für den "nur ein paar Dinge anders laufen müssen", inzwischen ebenfalls verblasst.

Überraschungen im letzten Saison-Drittel gibt es fast jedes Jahr, genau wie ein Team, das in dieser Phase der Saison Richtung Playoffs heiß läuft. Und womöglich schlüpfen Teams wie Buffalo oder Tennessee, die Stand heute beide zu den positiven Überraschungen dieser Saison zählen, in diese Rolle.

Bei einigen anderen Teams - Green Bay sei hier genannt - sind wir derweil immer noch nicht so ganz sicher, um welche Art Team es sich handelt.

Klarer ist das Bild auf der anderen Seite des Spektrums und auch in diesem Jahr gibt es natürlich Enttäuschungen. Teilweise vielleicht zu Unrecht, weil die Erwartungen überzogen waren - doch ausgehend von der Qualität im Team sollten alle diese Teams nicht nur einen besseren Record haben, sondern vor allem auch einfach besser spielen.

Woche 13 bietet sich hierfür besonders an. Mit der Niederlage der Eagles in Miami, der deutlichen Heimpleite der Falcons oder auch der Niederlage der Browns in Pittsburgh gegen den dritten Quarterback der Steelers tauchten einige Kandidaten diese Woche ganz besonders prominent auf.

In der NFL kann jeder jeden schlagen - manche Teams aber schlagen sich auch zu häufig selbst.

Die Top-5 Enttäuschungen der NFL-Saison 2019

5. Los Angeles Chargers: Dass die Offensive Line ein Problem werden würde, war absehbar. Ich hatte aber einerseits erwartet, dass die Defense - selbst ohne Derwin James - deutlich besser spielen würde als das, was wir insbesondere in der ersten Hälfte der Saison gesehen haben. Und dann hatte ich auch erwartet, dass die Offense besser um die O-Line-Probleme herum navigieren kann. Stattdessen sehen wir vielleicht den Anfang vom Ende von Philip Rivers in L.A. Kein Team verliert so viele Spiele auf so absurde Art und Weise.

4. Cleveland Browns: Der ursprüngliche Hype war immer zu viel. Die Entwicklung eines jungen Quarterbacks verläuft nie linear, ein Rookie-Head-Coach wird Fehler machen und dass die Offensive Line ein Problem sein könnte, war absehbar. Trotzdem hatte ich gedacht, dass die Browns am Wildcard-Wochenende spielen können, denn das individuelle Potenzial dafür haben sie fraglos. Doch das was auf dem Feld zu sehen war, war viel zu häufig so weit unter allen Mindesterwartungen. Dass die Browns Anfang Dezember näher an einem Top-10-Pick als an den Playoffs sind, sollte absolut nicht der Fall sein.

3. Los Angeles Rams: Die Defense hat sich im Laufe der Saison gefunden und spielt - das Ravens-Spiel mal ausgeklammert - auf einem sehr guten Level. Ich hatte aber erwartet, dass Sean McVay mehr Lösungen findet und Jared Goff die Lösungen besser umsetzen kann. Stattdessen hat die Offense eine extrem holprige Saison, deutlich mehr als erwartet. Das vertikale Passspiel klappt nur bedingt, Play Action ist deutlich weniger effizient - und es mangelt eben an offensiven Alternativideen. Goffs weitere Entwicklung wird absolut kritisch sein, umso mehr, da er bereits bezahlt wurde. Und diese Emtwicklung hängt maßgeblich davon ab, welche neuen Ideen McVay umsetzen kann.

2. Atlanta Falcons: Einfach eine massive Enttäuschung, wenn man die Qualität in diesem Team sieht. Ja, der Edge-Rush muss verbessert werden und die Offensive Line wird noch etwas Zeit brauchen. Doch eine Katastrophe ist sie keineswegs und auch das defensive Personal ist so viel besser als das, was über weite Strecken von Atlanta zu sehen war. Das sollte eine explosive Offense und eine eingespielte, schnelle Defense sein. Beides war viel zu selten der Fall und deshalb muss man hier auch ganz besonders auf den gesamten Coaching Staff schauen. Atlanta sollte vom Kader her vor Woche 14 noch um ein Playoff-Ticket kämpfen - und nicht das abgeschlagene Schlusslicht in der Division sein.

1. Philadelphia Eagles: Nur falls es jemand vergessen hat: Ich hatte die Eagles vor Saisonstart als NFC-Champion getippt. Für mich sah das auf dem Papier wie eines der komplettesten Teams der Liga aus, mit einer sehr guten Offensive Line, einer Vielzahl an Waffen, einem Quarterback dem ich nach wie vor viel zutraue, der potenziell besten Defensive Line der Liga - und ja, Fragezeichen in der Secondary, aber vermeintlich genügend "solides" Talent, dass es daran nicht scheitert. Die Realität? Die Verletzung von DeSean Jackson hat das Receiving-Corps auf den Kopf gestellt, Wentz hat nach gutem Saisonstart deutlich abgebaut, die Secondary war viel zu häufig viel zu schlecht und auch Head Coach Doug Pederson sowie Defensive Coordinator Jim Schwartz enttäuschen. Die Eagles waren ein Contender, aktuell spielen sie nicht ansatzweise wie ein Team, das auch nur in die Playoff-Diskussion gehört.

Seite 2: Ist die Patriots-Offense noch zu retten?

Ihr wollt Fragen an die SPOX-NFL-Kolumne stellen? Das geht direkt hier an den Autor!

Ist die Patriots-Offense noch zu retten?

Man musste und muss weiterhin erwarten, dass Teams die Patriots-Defense vor Probleme stellen können. Baltimore war hier der erste Fall, den Texans gelang dann am Sonntagabend etwas, das noch kein Team dieses Jahr konnte: Sie attackierten New England durch die Luft. Vier Touchdown-Pässe legte Houston auf, damit verdoppelten Deshaun Watson und Co. mal eben die Anzahl der zugelassenen Touchdown-Pässe durch die Patriots-Defense in dieser Saison.

Houston hatte dabei zahlreiche Ideen. Einerseits hatte man keine Angst davor, gerade auch in der kritischen Phase des Spiels das mit Spannung erwartete Matchup zwischen DeAndre Hopkins und Stephon Gilmore zu suchen - andererseits wurde schnell offensichtlich, dass die Texans New Englands Linebacker in Coverage als Schwachstelle ausgemacht hatten, dementsprechend waren Running Back Duke Johnson (sechs Targets, der zweithöchste Wert für Houston am Sonntagabend) sowie die Tight Ends ins Passspiel eingebunden.

Und auch in puncto Formationen waren die Ideen klar sichtbar: Houston spielte plötzlich mehrfach aus der Pistol-Formation heraus; eine Formation, die man bei den meisten Teams in der NFL heute kaum noch sieht - mit Ausnahme der Ravens, die mit Abstand am meisten aus der Pistol spielen und hier viel Schaden im Run Game anrichten. Die Texans liefen den Ball daraus mit einigen Zone Reads und Option Plays, sie hatten vor allem aber Play Action Pässe darauf aufgebaut.

Kurzum: Auch wenn Gilmore anschließend sagte, dass "wir die Dinge, bei denen wir Probleme hatte, korrigieren" müssen, ist in der heutigen NFL schlicht eine Sache ganz klar: Eine Defense, die jede Offense dominiert, gibt es nicht. Und aktuell ist bei den Patriots die Frage: Kann die eigene Offense das Team zum Sieg führen, wenn es nötig wird? In einem Playoff-Rematch gegen Houston oder Baltimore etwa? Oder noch konkreter, kommenden Sonntag gegen Kansas City?

Die Probleme der Patriots-Offense

Wenn ich die Patriots-Offense auf drei Probleme runter brechen müsste, wäre das:

  • Problem 1: Die Receiver kreieren keine Separation.

  • Problem 2: Die Play-Designs sind viel zu eindimensional.

  • Problem 3: Brady ist gegen Pressure wackliger als in vergangenen Jahren.

Problem 1: Das war mit weitem Abstand am ehesten absehbar, selbst mit den Veränderungen während der Saison. Mo Sanu ist ein physischer Big Slot Receiver, der über Contested Catches kommt. Gewissermaßen ist das das Draft-Profil von N'Keal Harry in wenigen Worten zusammengefasst. Edelman gewinnt natürlich auch mit Option-Routes und Spielintelligenz, doch ist auch er kein explosiver Route Runner. Und selbst als Josh Gordon noch da war: Gordon ist zwar ein vertikaler Receiver, der aber auch mehr über Physis als über Separation gewinnt. New England will die Mitte des Feldes im Passspiel attackieren, Houston konnte regelmäßig Eins-gegen-Eins-Coverage spielen und so im Pass-Rush nach Belieben aggressiv sein.

Problem 2: Das geht direkt in das zweite Problem über - New Englans Offense ist bisweilen erschreckend unkreativ. Gegen Houston kamen sie mit viel Heavy Personnel raus und versuchten, den Ball über die Mitte zu laufen; etwas, das die Patriots schon letztes Jahr sehr häufig mit wechselhaftem Erfolg versucht haben. Das alleine kann die Offense, auch mit stabilisierter Offensive Line, allerdings nicht tragen. Und im Passspiel sehe ich viel zu wenige Ideen, um offene Receiver über Play-Designs zu kreieren; Ideen, die angesichts der Stärken und Schwächen der Receiver, umso wichtiger wären. Es steht in direktem Zusammenhang damit, dass New England auch im Red-Zone-Passspiel immense Probleme hat.

Problem 3: Der dritte Punkt geht Hand in Hand mit den generellen Schwierigkeiten in der Offensive Line, die allerdings mehr und mehr ausgebügelt werden. Brady bewegt sich dieses Jahr nicht so effizient wie gewohnt in der Pocket und wackelt generell mehr, wenn die Defense ihn unter Druck setzen kann. Auch hier spielt wieder alles zusammen: Zu wenige freie Receiver, mehr Druck und dann Brady individuell betrachtet schwächer - das summiert sich! Brady wirft mehr Pässe in enge Fenster als letztes Jahr, vor allem aber hat er schon jetzt mehr Throwaways als in der gesamten vergangenen Saison. Ein weiterer Indiz dafür, dass hier einiges nicht stimmt. Man sieht Kommunikationsfehler mit seinen Receivern Woche für Woche, und gegen Houston hielt er den Ball im Schnitt 3,1 Sekunden pro Dropback - der längste Wert für Brady seit 2011!

Es steht völlig außer Frage, dass die Patriots offensiv stabiler werden müssen. Und zumindest für mich steht auch außer Frage, dass man sich eben mit Harry im Draft und Sanu via Trade zumindest zu einem Teil bewusst für diese Art Offense entschieden hat. Jetzt gilt es, mehr aus diesen Möglichkeiten zu machen.

Wenn sich die Offensive Line wirklich stabilisiert, wird Brady mehr Zeit im Passspiel bekommen und das Run Game wird besser funktionieren. Das sollte mehr Stabilität geben, ich sehe aber insbesondere Josh McDaniels in der Pflicht. Der gehörte letztes Jahr zu den besten Play-Callern der Liga, aktuell sieht man davon nicht allzu viel.

Brady mag nicht auf dem Vorjahreslevel spielen, doch immer noch gut genug, dass man offensiv mehr machen könnte als das, was wir aktuell sehen. Auch wenn er häufiger mal einen Wurf verfehlt oder einen unnötigen Pressure kassiert als man das von ihm gewohnt ist.

Doch ist er nicht der maßgebliche Grund für die offensiven Limitierungen und die daraus resultierenden Probleme. Meine Vermutung geht eher in die Richtung, dass gerade die Wide Receiver nach wie vor in puncto Spielverständnis, Verständnis der Offense und dem elementar wichtigen Faktor "mit Brady auf einer Wellenlänge sein" noch deutlich hinterherhinken. Pendelt sich das ein, wird die Offense anders spielen, davon bin ich überzeugt. Dann werden wir auch ein offeneres, flexibleres Playbook sehen.

Eine Garantie, dass das über die nächsten zwei Monate hinhaut, gibt es selbstverständlich nicht.

Seite 3: Wie verteidigten die 49ers Lamar Jackson?

Ihr wollt Fragen an die SPOX-NFL-Kolumne stellen? Das geht direkt hier an den Autor!

Wie verteidigten die 49ers Lamar Jackson?

Das Duell der 49ers und Ravens war ohne Frage ein Spitzenspiel, das hielt, was es versprach. Kein wilder Shootout, stattdessen zwei Teams, die mit ihrem offensiven Stil unter schwierigen Bedingungen auf ihre Art Erfolg hatten; aber auch zwei Defenses, die insgesamt sehr gut spielten und zwei Head Coaches, die (weitestgehend) aggressiv vorgingen und auf Sieg coachten.

Natürlich gab es auch Fehler auf beiden Seiten, in der Summe aber war es der erhoffte Schwergewichtskampf.

Mit am intensivsten wurde im Vorfeld darüber diskutiert, ob die Niners-Defense Antworten auf Lamar Jackson haben würde. Es wäre definitiv übertrieben zu sagen, dass San Francisco eine vollständig überzeugende defensive Antwort gefunden hat, nur weil die Ravens in der zweiten Hälfte abgesehen vom Game-Winning-Field-Goal keine Punkte aufs Scoreboard brachten.

Der Fumble von Lamar Jackson sowie ein Turnover on Downs beendeten zwei der nur vier (!) Drives für Baltimore nach der Pause - durch den Run-lastigen Ansatz beider Teams gab es nur wenige Possessions; der Regen spielte fraglos eine Rolle dabei, dass weder Jackson noch Jimmy Garoppolo den Ball sonderlich effizient werfen konnten. Und Jackson ging seinem vierten 100-Rushing-Yard-Spiel aus der Partie, die allesamt bei designten Quarterback-Runs und Option-Plays zustande kamen.

Dennoch hatte San Francisco einige Ansätze, mit denen sie Baltimore zumindest einige Probleme bereiten konnten - und bei der anhaltenden Suche nach Mitteln, um die Ravens-Offense zu stoppen, lohnt sich ein kurzer Blick.

Die 49ers-Run-Defense: Crash and React

Eine Auffälligkeit: Running Back Mark Ingram hatte deutlich weniger Runs in eine zugestellte Box (13,3 Prozent seiner Rushing-Versuche) als sein Schnitt dieses Jahr (24,1 Prozent); mit 3,9 Yards pro Run blieb er dennoch deutlich unter seinem Liga-Schnitt (5,0 Yards/Run). Er erlief nur zwei First Downs, sein drittniedrigster Wert in einem Spiel dieses Jahr.

Zum Vergleich: Gegen die Rams in der Vorwoche lief Ingram bei gleicher Run-Anzahl (15) im Schnitt für 7,4 Yards pro Run und sieben First Downs. Seine 2,47 Yards nach Kontakt pro Run gegen die 49ers waren der viertschlechteste Wert für Ingram in einem Spiel dieses Jahr.

Über diese Zahlen bin ich erst gestolpert, nachdem ich mir das Tape angeschaut hatte; im Kontext dessen, was San Francisco defensiv häufiger versucht hat, machen die Zahlen aber fraglos Sinn.

San Francisco blitzte Lamar Jackson quasi nie, die Niners spielten aber mehrfach mit einer Mischung aus Aggressivität im ersten und Reaktion im zweiten Schritt.

Was ich damit meine zeigt diese Szene beispielhaft. Vieles von dem, was die Ravens machen, basiert auf simplen Reads: Lamar Jackson liest einen Verteidiger nach dem Snap und je nachdem, wie der sich verhält, übergibt er den Ball an den Running Back, oder er zieht den Ball zurück und läuft selbst los.

Defenses müssen einen Konter für diesen Konter finden - das könnte unter anderem so aussehen wie hier: Bosa (roter Kreis) crasht direkt nach innen, er liest also nicht groß das Play oder versucht herauszufinden, wer den Ball hat. Jackson wiederum liest Bosa und läuft folgerichtig mit dem Ball los - San Francisco ist aber darauf vorbereitet und bewegt die beiden Inside Linebacker nach außen, um Jackson abfangen zu können.

In dem Fall, auch das war häufiger zu beobachten, löst Bosa sich zudem sehr schnell vom Running Back und hilft beim Tackling gegen Jackson, der nur zwei Yards Raumgewinn erzielt.

Das aber meine ich, wenn wir davon sprechen, wie die Defense aggressiv im ersten ("Crash") und abwartend im zweiten ("React") Schritt ist. Ein weiteres Beispiel dafür: San Francisco bringt hier sogar einen zusätzlichen Blitzer durch die Mitte, lässt aber gleichzeitig die Seite, auf die die Pull-Blocks der Ravens laufen, nicht offen.

Das kreiert Push im Zentrum und Spieler, die reagieren können, außen.

Und ein drittes und letztes Beispiel:

Hier crasht Bosa zunächst nach innen, ist mit seinem Read aber so schnell, dass er sogar schnell realisiert, dass Jackson den Ball hat und die Verfolgung aufnimmt. Wieder gibt es zwei "Looper" nach außen.

Die Szene beschreibt allerdings auch gut das grundsätzliche Problem: Obwohl die 49ers das Play an sich gut verteidigen, läuft Jackson für knapp zehn Yards, einfach weil er so schnell und so agil ist. Solche Plays wird es gegen die Ravens immer geben.

Doch in der Summe trat San Francisco mehr als Aggressor auf - was in meinen Augen auch Sinn macht. Gegen Lamar Jackson mit den Defensive Ends Contain zu spielen und zu versuchen, ihn so in der Pocket zu halten, halte ich für relativ aussichtslos. Dafür ist die Ravens-Offense zu explosiv und mit den zahlreichen Motion-Paketen zu schnell in der Lage, eine Seite zu überladen.

Im gleichen Gedankengang wie das Kontern der Read-Konzepte der Ravens sehe ich es für Defenses als wichtig, dass sie das Geschehen zumindest teilweise diktieren können. Wer gegen die Ravens nur reagiert, verliert.

Zwei mögliche, rudimentäre Beispiele, wie das aussehen könnte:

In unserem Podcast-Livestream am Sonntag hatte ich hierüber bereits gesprochen (ab etwa 6:42 im Video). Das linke Beispiel ist etwas, das wir unter anderem von den Patriots gegen Baltimore gesehen haben. Die Idee dahinter: Die Defense überlädt eine Seite der Offensive Line und diktiert so im ersten Schritt, wo der Laufspielzug hingeht und welche O-Liner nicht als Pull-Blocker eingesetzt werden, weil sie einen direkten Gegenspieler haben.

Im zweiten Schritt gibt es dann explosivere, agilere Spieler auf der anderen Seite der Formation, die darauf warten, Jackson zu stoppen. Leichter gesagt als getan, aber niemand hat behauptet, dass es leicht wird!

Das rechte Beispiel zeigt einen aggressiveren Ansatz, der an die Idee, Baltimores Read-Plays zu kontern, anknüpft: Hier fungiert der Safety oder Linebacker als angetäuschter Inside-Blitzer, wird tatsächlich aber als "Looper" nach außen eingesetzt. Das soll Jackson dazu bringen, aufgrund vermeintlich starker Präsenz innen den Ball zurückzuziehen und selbst loszulaufen - was ihn im Idealfall in die Arme des Blitzers treibt.

Um das nochmals klarzustellen: Die 49ers haben Lamar Jackson nicht gestoppt; Jackson lief für über 100 Yards und die Ravens insgesamt kamen auf 178 Rushing-Yards.

Doch Baltimore war dabei weniger effizient als in den meisten anderen Spielen und, ganz direkt auf dieses Matchup bezogen, deutlich weniger explosiv als die 49ers mit ihrem Run Game.

Gleichzeitig hatte auch San Francisco mehrfach Undiszipliniertheiten in seinen Run-Reads, reagierte zu überhastet und fiel auf mehrere Fakes von Jackson rein. Unter anderem auch beim Touchdown, wo der (vermeintliche) Contain-Spieler Mark Nzeocha in eine aussichtslose Position nach innen crasht, zusätzlich zum "Crasher" Bosa, und Jackson so frei in die Endzone kommt.

Die Frage danach, wie man Baltimores Run Game stoppt, wird uns für den Rest der Saison begleiten und sie könnte die Playoffs maßgeblich mit definieren. Die 49ers haben Teams vielleicht ein paar neue Ideen mitgegeben.

Seite 3: Foles, Browns, Brissett, Rivers - eure Fragen

Ihr wollt Fragen an die SPOX-NFL-Kolumne stellen? Das geht direkt hier an den Autor!

Foles, Browns, Brissett, Rivers - eure Fragen

Kevin Penning: Ist Foles' Karriere in Jacksonville vorbei? Was würdest du nächstes Jahr mit ihm machen?

Rein sportlich gesehen hatte ich meinen Punkt bereits vor vier Wochen klar gemacht: Man muss dieses Team um Gardner Minshew herum aufbauen, nicht um Nick Foles. Minshew hat Potenzial angedeutet, das eine Chance als langfristiger Starter rechtfertigt. Foles war schon immer ein inkonstanter Quarterback, das hat sich nicht geändert. Es war nicht so, als würde hier Tom Brady nach einer Verletzung zurückkommen - Minshew hatte sich das Recht auf den Startplatz erspielt.

Dass die Jags Foles, nachdem sie ihm all das Geld gegeben haben, zumindest mal für ein paar Spiele sehen wollten, ist trotzdem nachvollziehbar; Minshew mit seinem angedeuteten Potenzial in Kombination mit seinem extrem günstigen Vertrag für die nächsten dreieinhalb Jahre ist aber die Zukunft für dieses Team. Bei diesem Punkt besteht für mich kein Zweifel.

Allerdings müssen wir bei Foles natürlich auch mit den Finanzen anfangen, denn ganz so einfach ist es für Jacksonville ja nicht, aus Foles' Vertrag raus zu kommen.

  • Option A: Jacksonville entlässt Foles nach der Saison. Das würde mit einem Dead Cap Hit von 33,8 Millionen Dollar einhergehen, elf Millionen Dollar mehr als Foles kosten würde, würden die Jags ihn einfach behalten. Das wird nicht passieren.

  • Option B: Jacksonville entlässt Foles nach der kommenden Saison. Minshew als Starter, Foles als Backup und nach der Saison trennt man sich von Foles. Sein Cap Hit 2020 wären dann 21,8 Millionen Dollar, der Dead Cap bei einer Entlassung 2021 würde 12,5 Millionen Dollar betragen. Jacksonville würde 2021 somit rund 14,3 Millionen Dollar einsparen und hätte für die 2020er Saison ein Sicherheitsnetz, sollte Minshew einbrechen.

  • Option C: Jacksonville tradet Foles nach der Saison: Jacksonville würde einen Dead Cap von 18,75 Millionen Dollar schlucken, aber trotzdem leichte Cap-Einsparungen verzeichnen (3,1 Millionen Dollar), verglichen mit dem Wert, wenn Foles im Team bleiben würde. Diese 18,75 Millionen Dollar sind der ausstehende Unterschriftsbonus - den das neue Team sich natürlich sparen würde. Foles würde ein neues Team im Falle eines Trades 2020 keine 16 Millionen Dollar kosten und hätte über 2020 hinaus keine Garantien mehr im Vertrag.

Ein Trade nach der Saison ist für mich das wahrscheinlichste. Jacksonville spart direkt etwas Geld und hätte ab 2021 dann große finanzielle Möglichkeiten, für den Trade-Partner wäre Foles eine gute Übergangslösung und preislich fast ein Schnäppchen. Trade-Partner (Chicago? Carolina? Tampa Bay?) sollte es ebenfalls geben.

Denn mein Fazit aus Jaguars-Sicht hat sich hier über die letzten vier Wochen nicht verändert: Ein guter, selbst ein solider, Starting-Quarterback auf seinem Rookie-Vertrag ist in puncto Kader-Zusammenstellung der größte Vorteil, den es in der NFL gibt. Die Jaguars wären schlecht beraten, nicht alles zu versuchen, um diesen Vorteil auch auszunutzen.

Christoph Sebald: Wer ist 2020 der Head Coach der Cleveland Browns? Freddie Kitchens, oder doch jemand anderes? Und wer wäre für dich ein passender Kandidat?

Vielleicht hänge ich die Geschichte zu hoch, aber dass Freddie Kitchens das berüchtigte "Pittsburgh started it"-Shirt in der Öffentlichkeit anhatte ist mir sauer aufgestoßen. Nicht aufgrund der Message selbst, sondern weil es einen spektakulären Mangel an Bewusstsein für die Öffentlichkeit und für seine Rolle offenbart.

Ja, Kitchens hatte das Shirt als ein Gag-Geschenk erhalten und er war privat im Kino. Aber als Coach eines NFL-Teams ist man nie rein privat im Kino, und erst recht nicht zwei Tage vor dem Rematch gegen Pittsburgh, nach allem, was im ersten Duell passiert ist. Dass sich Kitchens dessen offenbar nicht bewusst war, ist schlicht und ergreifend brutal.

Natürlich entlässt man Kitchens deswegen nicht, es ist mehr ein Puzzleteil in der Betrachtung eines Head Coaches, der nicht gerade unangreifbar ist. Die Browns haben - und damit meine ich nicht die Szene zwischen Myles Garrett und Mason Rudolph - die ganze Saison schon Probleme mit Undiszipliniertheiten, die Offense sieht auch in puncto Scheme und Play-Calling längst nicht so gut aus wie im Vorjahr. Und die Dinge, die in einzelnen Spielen funktionierten, werden dann plötzlich fallen gelassen.

Das große Aber: Freddie Kitchens und Baker Mayfield ist das Duo, welches GM John Dorsey geschaffen hat. Mayfield mit dem ersten Pick im 2018er Draft zu holen war Dorseys erste große Entscheidung in Cleveland. Und er war auch die treibende Kraft dahinter, Kitchens nach der Entlassung von Hue Jackson zum Offensive Coordinator zu befördern und schließlich auch dahinter, dass Kitchens den Posten des Head Coachs erhielt.

Mayfield und Kitchens sind keine Überreste von einem alten Browns-Regime, die Dorsey übernommen hat und von denen er sich schnellstmöglich trennen will. Er hat dieses Konstrukt aufgebaut und deshalb vermute ich nicht, dass er es nach nur einer - wenngleich fraglos extrem enttäuschenden - Saison direkt wieder aufbricht. Auch wenn Kitchens uns dieses Jahr mehrfach Grund zu der Annahme gegeben hat, dass die Aufgabe (noch?) eine Nummer zu groß für ihn zu sein scheint.

Samson2307 und Burton77767: Glaubst du, Brissett wird auch 2020 noch der Starting-Quarterback der Colts sein? Zeigt uns das momentane Bild den echten Brissett? Wie sehr ist das Scheme daran schuld?

2020? Ja, davon gehe ich noch aus. Die Colts haben ihm auch als potenzielle Übergangslösung den neuen Vertrag gegeben - und wie sicher sind wir, dass eine kurzfristig bessere Lösung verfügbar wird? Was ich aber durchaus sehe, ist, dass Indianapolis perspektivisch auf der Position investieren wird. Vielleicht schon mit einem hohen Pick dieses Jahr, vielleicht sammelt man auch Draft-Munition für den Draft nächstes Jahr.

Denn, und das wäre mein Schluss aus der noch immer kleinen Sample Size dieser Saison: Brissett ist ein durchschnittlicher Quarterback, mit dem man gewinnen kann. Wenn wirklich sehr vieles um ihn herum passt. Das erinnert ein wenig an das Gefühl, das man bei Andy Dalton immer hatte und hat: Gut genug, dass im Idealfall etwas möglich ist - aber nicht so gut, dass mit weniger als dem Idealfall viel möglich ist.

Mein Eindruck darüber hinaus ist auch zunehmend, dass die Colts sich dessen mehr und mehr bewusst werden und Brissett eher noch mehr verstecken als zu Beginn der Saison. Das limitiert die Offense zusätzlich, die Ausfälle im Receiving Corps helfen da natürlich wenig.

Brissett als Übergangslösung und um die Stellung zu halten, das ist meine Vermutung. Nach dem, was wir von ihm dieses Jahr gesehen haben, wäre Indianapolis in meinen Augen aber schlecht beraten, wenn man sich nicht nach Wegen umschauen würde, um mittel- und langfristig ein Upgrade zu finden - was ziemlich sicher nur über den Draft funktionieren wird.

Christian Schimmel: Wo spielt Philip Rivers 2020?

Die Chargers könnten tatsächlich an diesen Scheideweg kommen, der gerade am Horizont immer größer wird. Dieses Team hat junges Talent (Derwin James, Joey Bosa, Desmond King, Mike Williams, Hunter Henry) und Elite-Spieler in ihrer Prime (Keenan Allen, Casey Hayward) - doch die Offensive Line muss adressiert werden, um ganz oben angreifen zu können; und wenn Rivers so spielt wie zuletzt ist das Fenster mit ihm (leider) inzwischen geschlossen.

Eine extrem spannende Frage, was L.A. angeht, hatte ich nach dem Draft schon einmal gestellt: Könnten die Chargers eines dieser Teams sein, das nicht zuletzt angesichts des Erfolgs der Ravens erwägt, eine Read-Option-lastige Offense zu installieren?

Mich hatte es schon gewundert, dass die Chargers Tyrod Taylor als Rivers-Backup geholt hatten - ein guter Quarterback, aber stilistisch so dermaßen anders als Rivers, dass der Wunsch der meisten Coaches für diese Position (der Backup-QB ist letztlich eine schlechtere Version des Starters, aber mit ähnlichen Stärken und Schwächen) hier definitiv nicht erfüllt wird. Mit Easton Stick drafteten die Chargers dann einen weiteren mobilen QB, der in puncto Spielertyp eher Richtung Taylor als Richtung Rivers geht.

Das mag Zufall sein, aber zumindest ist es mal auffällig. Und gerade auf dieser Position fällt es mir schwer zu glauben, dass es solche Zufälle gibt. Insbesondere mit dem Erfolg der Ravens-Offense dieses Jahr - wenngleich man die ohne Lamar Jackson natürlich nicht 1:1 so kopieren kann - würde es mich nicht wundern, wenn sich ein oder zwei Teams ebenfalls in dieser Richtung versuchen.

Und Rivers: Einfach für den Unterhaltungswert ein Jahr Tampa Bay unter Bruce Arians? Ernsthaft: Sollten die Chargers nach der Saison in eine andere Richtung gehen, wäre mein erster Tipp, dass Rivers seine Karriere beendet, mehr Zeit mit der Familie verbringt und die High-School-Coach-Karriere beginnt, die er für die Zeit nach seiner aktiven Karriere schon im Kopf hat.

Yannick: Sehen wir ein Team aus der NFC East mit oder unter .500 in den Playoffs?

Ja. Ich tippe nach diesem Spieltag, dass Dallas mit 8-8 in die Playoffs einzieht. Und ich bleibe dabei, dass das nicht reicht, um den Job von Jason Garrett zu retten.

Mehr bei SPOX: NFL-Roundup: Drama-Finish in Baltimore

Lesen Sie auch