NFL: Miamis Umbruch: Tua-Dilemma und weitere Baustellen

SPOX

Die Miami Dolphins haben in dieser Offseason in Free Agency und dem NFL Draft sehr viel Kapital investiert, um den Kader zu verstärken. Eine sofortige Steigerung ist damit aber nicht garantiert. SPOX blickt auf den Stand des Neuaufbaus in Südflorida.

Tanking oder doch nicht Tanking? Das war das große Thema mit Blick auf die Miami Dolphins des Vorjahres. Sie hatten auf aggressive Weise ihren Kader abgerüstet und damit sowohl Geld gespart als auch Draftpicks gehortet. Das Ziel war klar: Ein kompletter Neuaufbau für die Zukunft.

Ganz so katastrophal wie dieses Team von allen erwartet wurde, trat es dann aber freilich doch nicht auf. Vielmehr sorgte die Truppe von Rookie-Head-Coach Brian Flores für Achtungserfolge.

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Es gelangen überraschende Siege durch die altbewährte Fitzmagic von Quarterback Ryan Fitzpatrick oder auch durch sehenswerte Trickspielzüge. Am Ende standen sehr ordentliche fünf Siege und scheinbar kaum noch eine Chance auf einen der Top-Quarterbacks.

"Tanking for Tua": Der Kreis schließt sich

Wie wir inzwischen wissen, fiel den Dolphins an Position 5 im Draft dann trotzdem Tua Tagovailoa, der vor seiner Hüftverletzung als bester Quarterback im Draft 2020 galt, in den Schoß. "Tanking for Tua" - ob beabsichtigt oder nicht - ist also am Ende doch erfolgreich gewesen. Doch war es das schon? Ist der Neuaufbau in Miami damit abgeschlossen? Keineswegs!

Die Dolphins waren in dieser Offseason äußerst aktiv, teils erneut aggressiv - dieses Mal aber in die andere Richtung; die, in der Geld tatsächlich ausgegeben wurde. In der Free Agency sicherte sich General Manager Chris Grier unter anderem die Dienste von Top-Cornerback Byron Jones (Dallas Cowboys) und paarte ihn mit einem der Top-Verdiener auf dieser Position, Xavien Howard. Die beiden formen nunmehr das teuerste Cornerback-Duo der Liga.

Zudem bekam die Defense namhafte Unterstützung aus der eigenen Division mit Edge-Rusher Shaq Lawson (Buffalo Bills) sowie den Linebackern Kyle Van Noy und Elandon Roberts, die Head Coach Brian Flores noch bestens aus seiner Zeit als Linebacker-Coach der New England Patriots kennt.

Offensiv wurde freilich auch nachgebessert: Running Back Jordan Howard (Eagles) füllte die Lücke, die im Laufe des Vorjahres der Trade von Kenyan Drake hinterließ. Hinzu kamen mit Guard Ereck Flowers (Washington Redskins) und Center Ted Karras (Patriots) noch zwei neue Starter für die Offensive Line.

Miami Dolphins: Offensive Line als Großbaustelle

Die O-Line wiederum dürfte zugleich die größte Sorge der Dolphins in der Vorsaison gewesen sein. So groß sogar, dass sie gleich mehrere Line-Coachs verschlissen hat. Der nun installierte Steve Marshall ist bereits der dritte (!) O-Line Coach unter Flores, der erst vor 16 Monaten seinen Job angetreten hat. Entsprechend sahen dann auch die Bemühungen der Dolphins im Draft aus.

Neben Tua zogen die Dolphins auch Offensive Tackle Austin Jackson in Runde 1 - hinzu kam Nickle-Corner Noah Igbinoghene - sowie die Guards Robert Hunt (Runde 2) und Solomon Kindley (Runde 4). Sehr viel Draft-Kapital also für die offensive Front, zumal schon im Vorjahr ein Drittrundenpick in Guard Michael Deiter investiert wurde. Zudem kam Left Tackle Julie'n Davenport im Tausch für Laremy Tunsil aus Houston.

Damit werden die Dolphins voraussichtlich mit einer sehr unerfahrenen O-Line in die Saison gehen: Left Tackle Jackson, Left Guard Flowers, Center Karras, Right Guard Hunt, Right Tackle Jesse Davis.

Jackson und Hunt sind Rookies, die als Projekte gelten und noch eine Weile brauchen werden. Davis, der im Vorjahr noch Tackle spielte, lernt eine neue Position, Flowers schulte erst im Vorjahr von Tackle auf Guard um und Karras hat erst eine Saison als Starter hinter sich - die vorherige, weil Starter David Andrews gesundheitsbedingt ausfiel.

Kein Zufall, wie Grier nach dem Draft erklärte: "Alles basierte auf einem kalkulierten Plan und darauf, was wir auf lange Sicht in Sachen Kaderplanung erreichen wollten." Sprich: Die nahe Zukunft war nicht unbedingt der Fokus der Bemühungen. Damit einher geht auch der generell auf Jugend getrimmte Kader insgesamt. Nur ein Spieler ist älter als 30 - Ryan Fitzpatrick (37) -, während gleich elf Spieler 22 Jahre oder jünger sind.

Miami Dolphins: Startet Tua Tagovailoa von Beginn an?

Da stellt sich sofort die Frage, ob es daher überhaupt sinnvoll ist, Tagovailoa von Anfang an starten zu lassen. Überlegungen, dass Tagovailoa seine Rookie-Saison gewissermaßen als Redshirt aussitzen könnte, um sich von seiner Hüftverletzung - und der Knöchelgeschichte - langsam zu erholen, gibt es schon lange. Da wäre es hinter einer fragwürdigen O-Line nicht abwegig, dies in die Tat umzusetzen.

Fitzpatrick machte bereits im Vorjahr einen zuweilen guten Eindruck hinter einer schon damals wackligen Line. Und wacklig ist dabei noch zurückhaltend formuliert: Die Line hatte zur Folge, dass die Dolphins mit 72,3 Yards pro Spiel das schwächste Laufspiel der Liga hatten und zudem mit 58 die meisten Sacks abgab.

Laut Football Outsiders kam die O-Line 2019 auf ganze 3,17 Adjusted Line Yards - Platz 32 in der Liga - und erlaubte eine Adjusted Sack Rate von 8,6 Prozent - Platz 28. Es kann auf Sicht also nur besser werden und für Tua ist eine Verbesserung zwingend notwendig. Selbst wenn man bisherige Verletzungen ausklammert, bleibt festzuhalten: Tua ist ein Quarterback, dessen Spielstil auch häufiger Hits in der Pocket anzieht. Er wird, gerade früh in seiner Karriere, eine gute Line brauchen.

Miami Dolphins: Der Spielplan 2020

Woche

Datum

Gegner

1

Sonntag, 13. September, 19 Uhr

@ Patriots

2

Sonntag, 20. September, 19 Uhr

vs. Bills

3

Freitag, 24. September, 2.20 Uhr

@ Jaguars

4

Sonntag, 4. Oktober, 19 Uhr

vs. Seahawks

5

Sonntag, 11. Oktober, 22.05 Uhr

@ 49ers

6

Sonntag, 18. Oktober, 22.05 Uhr

@ Broncos

7

Sonntag, 25. Oktober, 19 Uhr

vs. Chargers

8

Sonntag, 1. November, 19 Uhr

vs. Rams

9

Sonntag, 8. November, 22.25 Uhr

@ Cardinals

10

Sonntag, 15. November, 22.05 Uhr

vs. Jets

11

Sonntag, 22. November

BYE WEEK

12

Sonntag, 29. November, 19 Uhr

@ Jets

13

Sonntag, 6. Dezember, 19 Uhr

vs. Bengals

14

Sonntag, 13. Dezember, 19 Uhr

vs. Chiefs

15

Sonntag, 20. Dezember, 19 Uhr

vs. Patriots

16

TBD

@ Raiders

17

Sonntag, 3. Januar, 19 Uhr

@ Bills

Bemerkenswert ist zudem, dass die Dolphins im Grunde keine Änderungen an ihrem Receiving Corps vorgenommen haben. Sie werden wohl mit dem bekannten Quartett aus DeVante Parker, Preston Williams, Allen Hurns und Slot-Guy Albert Wilson in die Saison gehen. Nicht schlecht, aber gerade in diesem Draft durchaus verbesserungsfähig.

Hinzu kommt für Tua eine weitere Hürde: Die Corona-Pandemie erschwerte es ihm nicht nur, Teams von seiner Fitness zu überzeugen; sie raubt ihm nun auch noch die so wichtige Trainingszeit im Offseason-Programm und vielleicht sogar Teile des Training Camps und der Preseason. Fatal gerade für einen Rookie-Quarterback.

Ein Problem, dass sich für die Dolphins aufgrund der zahlreichen personellen Änderungen aber durch den ganzen Kader zieht. "Wir müssen sie hier herbekommen. Wir müssen ihnen die Terminologie beibringen. Wir müssen als Gruppe zusammenarbeiten, als Einheit", betonte Flores, der auch noch eine weitere Schwierigkeit ausgemacht hat: "Wenn Spieler eine Zeitlang nicht spielen, ist es schwer zu sagen, wo ihre Stärken liegen."

Miami Dolphins: Umbruch keineswegs abgeschlossen

Die Dolphins von 2020 haben also ihre O-Line auf links gedreht, einige Schlüsselrollen in der Defense neu bestückt und noch dazu einen hochtalentierten Quarterback erhalten, bei dem nicht so ganz klar ist, wie fit er wirklich ist und ob er angesichts der O-Line-Probleme und der fehlenden Trainingszeit überhaupt in der kommenden Saison spielen sollte. Zudem blüht Miami der drittschwerste Schedule der neuen Saison - die anstehenden Gegner kamen 2019 auf seine Siegquote von .529.

Unter dem Strich ist damit klar, dass der laufende Umbruch noch keineswegs abgeschlossen ist. Die Dolphins dürften rein personell einen wichtigen nächsten Schritt gemacht haben, ob die Änderungen aber direkt Wirkung zeigen, darf zumindest bezweifelt werden.

Das Ziel lautet damit nicht unbedingt kurzfristiger Erfolg, sondern die generelle Verbesserung - von einzelnen Spielern, aber auch der Einheit als Ganzes. Ein Umstand, dem sie sich in Südflorida durchaus bewusst sind: "Ich denke, wir haben ein gutes Gefühl bei den Spielern, die wir ausgewählt haben. Aber gleichzeitig liegt noch ein langer Weg vor uns", sagte Flores.

Geduld bleibt somit das oberste Gut bei den Dolphins.

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