NFL: Patrick Mahomes im Super Bowl: Der fehlerlose Gunslinger

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Bereits in seinem zweiten Jahr als Starter kann sich Patrick Mahomes zum Super-Bowl-Champion krönen. Der amtierende MVP spielt bislang die vielleicht besten Playoffs aller Zeiten und hat all seine Kritiker längst verstummen lassen. Kann ihm die Defense der San Francisco 49ers etwas entgegen setzen?
Bereits in seinem zweiten Jahr als Starter kann sich Patrick Mahomes zum Super-Bowl-Champion krönen. Der amtierende MVP spielt bislang die vielleicht besten Playoffs aller Zeiten und hat all seine Kritiker längst verstummen lassen. Kann ihm die Defense der San Francisco 49ers etwas entgegen setzen?

Bereits in seinem zweiten Jahr als Starter kann sich Patrick Mahomes zum Super-Bowl-Champion krönen. Der amtierende MVP spielt bislang die vielleicht besten Playoffs aller Zeiten und hat all seine Kritiker längst verstummen lassen. Kann ihm die Defense der San Francisco 49ers etwas entgegen setzen?

Den Super Bowl gibt es - mit Markus Kuhn und Sebastian Vollmer im deutschen Live-Kommentar, alternativ auch im US-Originalkommentar.

Drei Jahre ist es mittlerweile her, dass Patrick Mahomes verkündete, auf sein letztes Jahr am College von Texas Tech zu verzichten und sich für den NFL Draft anzumelden. Mahomes nahm an der NFL Combine teil und traf sich mit 18 Teams zu Einzelgesprächen und privaten Workouts - doch den späteren MVP sah damals kaum jemand in dem 21-Jährigen.

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Dabei hatte Mahomes mitunter absolut spektakuläre Leistungen auf dem College gezeigt. Sein Junior-Jahr schloss er mit 41 Touchdowns und zehn Interceptions ab, noch heute hält er die Rekorde für die meisten Passing Yards (734) sowie die meisten Yards (819) in einem einzigen Spiel - ein wilder, historischer Shootout gegen Baker Mayfields Oklahoma Sooners.

Doch Mahomes galt auf dem Feld auch als undiszipliniert, sein Spielverständnis war angeblich zu niedrig. Der junge Quarterback verließe zu früh eine saubere Pocket, hieß es, seine Fußarbeit sei teilweise katastrophal und die statistischen Erfolge der extrem offenen, Pass-lastigen Offense bei Texas Tech ließen sich so ohnehin nicht auf die NFL übertragen. Und sowieso: Er hätte zu wenig Spiele gewonnen.

Angesichts der horrenden Defense von Texas Tech schien besonders der letzte Kritikpunkt bereits damals geradezu lächerlich. Doch in den Augen der meisten Experten war Mahomes im Jahr 2017 hinter Mitchell Trubisky und Deshaun Watson nur der drittbeste Quarterback in seiner Draft-Klasse. "Kliff Kingsbury hätte selbst aus dir oder mir ziemliche gute Quarterbacks gemacht", erzählt Gil Brandt, der langjährige Chefscout der Dallas Cowboys. "Das hat vielen Leuten Angst gemacht."

NFL Draft: Kansas City Chiefs traden für Mahomes

Die meisten Beobachter rechneten daher erst in der zweiten oder zum Ende der ersten Runde mit einem Pick von Mahomes. Doch es kam bekanntlich anders. Es hatte nur ein Team gebraucht, das bereit war, sein Schicksal in die Hände des Youngsters und seinem rohen Talent zu legen, um diesen früher vom Board gehen zu lassen: Die Kansas City Chiefs.

Andy Reid und der Rest der Organisation waren so überzeugt von den Qualitäten des jungen Quarterbacks, dass die Chiefs ihren Erst-, Dritt- und ihren Erstrunden-Pick im darauffolgenden Jahr für den 10. Pick des Drafts an die Buffalo Bills abgaben.

Als das Geschäft während der Live-Übertragung verkündet wurde, rechneten die meisten Zuschauer damit, dass Watson, der mit dem Clemson Tigers so erfolgreiche Quarterback, das Ziel von Kansas Citys Plänen sein würde. Doch die Chiefs hatten sich anders entschieden: Mahomes sollte die Zukunft des Teams prägen.

Und sie sollten nicht enttäuscht werden.

Patrick Mahomes: "Einfach ein ganz normaler Typ"

Drei Jahre später hat sich der 24-Jährige zum neuen Aushängeschild einer ganzen Stadt aufgeschwungen.

"Dass wir jetzt all unseren Glauben und unser Vertrauen in jemanden setzen können, der so positiv, so aufregend und so brillant ist - ich denke, das gibt uns das Recht zu sagen: Ja, wir können in einem neuen Licht auf Kansas City blicken", schwärmt Quinton Lucas, Kansas Citys Bürgermeister, nach nur zwei Saisons als Starter bereits von dem jungen Quarterback.

Mahomes ist dabei nicht nur der herausragende Athlet, der die Chiefs in den Kreis der Titel-Favoriten geführt hat, er ist auch ein höflicher und zurückhaltender Mensch. Ein Vorzeige-Profi, der während seiner Zeit in der NFL noch in keinerlei Berührungen mit Skandalen gekommen ist.

"Er ist einfach ein ganz normaler Typ, der zufällig auch noch der Beste der Welt auf der wichtigsten Position im Sport ist", erklärt Right Tackle Mitchell Schwartz. "Eine solche Persönlichkeit, einen solchen Charakter zu haben - das ist ziemlich selten bei jemandem, der so gut ist."

Patrick Mahomes: Beste Playoff-Leistungen aller Zeiten?

"So gut" bedeutet im Fall von Mahomes: Er ist der vermutlich beste Quarterback der Liga und der vielleicht beste Football-Spieler der Welt. Über die vergangenen Wochen, in den wichtigsten Spielen dieser Saison, lief das Supertalent zu seiner absoluten Höchstform auf.

Mahomes' Leistungen in den Playoff-Spielen gegen die Houston Texans und die Tennessee Titans als fehlerlos zu beschreiben, ist keine Übertreibung. Von den 18 Drives, in denen die Chiefs tatsächlich auf Punkte aus waren (und nicht nur die Uhr herunterlaufen ließen) endeten zwölf in Touchdowns und einer in einem Field Goal. Die fünf verbliebenen Drives wurden vier Mal durch einen Drop eines Receivers beendet, ein Mal schaffte es Wide Receiver Tyreek Hill unter Druck seines Gegenspielers nicht, Mahomes' guten Wurf zu fangen.

In nur zwei Spielen verzeichneten die Chiefs ganze zwölf Drops, seine eigenen Mitspieler haben Mahomes in den Playoffs bislang vor mehr Probleme gestellt als es die gegnerischen Defenses zu tun vermochten. Trotz der zahlreichen fallengelassenen Pässe kommt der 24-Jährige über zwei Spiele auf 0,58 Expected Points Added pro Passversuch, laut Pro Football Focus der beste Wert eines Quarterbacks in den Playoffs aller Zeiten.

Besonders beeindruckend: Als der risikofreudige Gunslinger, für den Mahomes vor drei Jahren noch zahlreiche Experten hielten, musste er dabei bislang noch gar nicht auftreten. Der Chiefs-Quarterback warf in den Playoffs weniger tiefe Pässe als in der Regular Season, eine Tatsache, die er sich, trotz Rückstanden von 24 Punkten gegen die Texans und 10 Punkten gegen die Titans, nur erlauben konnte, weil er schlicht keine Fehler macht.

Mahomes trifft selbst kleinste Fenster, die sich in der gegnerischen Defense aufzeigen, punktgenau. Sein Verständnis von Coverages sowie die herausragende Abstimmung mit seinem Receivern sind nach wie vor Attribute, für die er ligaweit zu wenig Anerkennung erhält. Auch vor dem Snap ist er bereits deutlich weiter als die meisten zu diesem Zeitpunkt vermutet hätten.

Kansas City Chiefs: Auch Andy Reid zeigt sich aggressiver

Es sind Fähigkeiten, die auch Reids Job als Head Coach einfacher machen und ihm deutlich mehr Freiheiten geben. Sowohl gegen die Texans als auch gegen die Titans ließ Kansas City den Fuß bis zum Ende fest auf dem Gaspedal, spielte aggressiv statt konservativ und ließ seinen Quarterback immer wieder passen, anstatt darauf zu vertrauen, die Uhr mit dem Running Game herunterlaufen lassen zu können.

Das vielleicht beste Beispiel für diese Aggressivität lieferten die Chiefs vier Minuten vor dem Ende gegen Tennessee: Mit einer 11-Punkte-Führung im Rücken sah sich das Team einem Third-and-Ten an der eigenen 19-Yard-Linie gegenüber. Die Titans verfügten über eine weitere Auszeit, mit der sie die Zeit bei einem Fourth Down hätten anhalten können.

Statt den Ball zu laufen, die Titans ihre letzte Auszeit nutzen zu lassen und auf die eigenen Special Teams sowie die Defense zu vertrauen, entschieden sich Reid und Offensive Coordinator Eric Bieniemy für ein aggressives Pass-Play, um ein neues First Down zu erreichen und die Offense auf dem Feld zu lassen.

Mahomes feuerte den Ball tief zu Rookie-Receiver Mecole Hardman, der eine Pass-Interference-Strafe der Titans gegen sich zog. Die Gastgeber blieben somit in der Offensive und sackten den Sieg ungefährdet ein.

Patrick Mahomes: 49ers-Defense als bislang größter Test

Vor dem Super Bowl stellt sich nun die Frage, ob Mahomes seine bislang absolut herausragenden Leistungen auch gegen die großartige Defense der 49ers bestätigen kann. So beeindruckend seine Vorstellungen gegen Houston und Tennessee auch gewesen sein mögen - die Tatsache, dass die Texans und Titans über allenfalls durchschnittliche Defenses verfügen, ist auch ein Teil der gesamten Wahrheit.

Gegen San Francisco, das defensiv auch gegen die Chiefs in hohem Maße auf seine Cover-3-Taktiken vertrauen wird und diese von Spielzug zu Spielzug nur um Nuancen abwandelt, dürften Mahomes' Fähigkeiten, die Details einer Defense innerhalb von Sekundenbruchteilen zu lesen, besonders wichtig werden.

In der Regular Season stellten die 49ers die vielleicht beste Defense der NFL, ihr System ist allerdings unter anderem gegen vertikale Routen, die den Raum zwischen dem tiefen Safety und den Cornerbacks attackieren - so genannte Seam Routes -, anfällig, insbesondere wenn diese von schnellen Deep Threats wie Tyreek Hill oder Mecole Hardman gelaufen werden, wie die Chiefs es gerne tun.

Patrick Mahomes: Perfekte Umstände bei den Chiefs

Im bislang größten Spiel seiner Karriere könnte Mahomes somit doch wieder stärker auf tiefe Pässe und Big Plays setzen. Die Qualität, um auch den 49ers zuzusetzen haben die Chiefs mit Travis Kelce, Hill, Sammy Watkins, Hardman, Damien Williams sowie einer guten Offensive Line allemal. Und mit eigenen offensiven Big Plays hätte Kansas City eines der womöglich effizientesten Mittel gegen das Run Game der 49ers selbst in der Hand.

Seit seiner Ankunft in Kansas City hat Mahomes von Umständen profitiert, die besser kaum hätten sein können. Mit Reid hatte er von seinem ersten Tag an einen der genialsten Offensiv-Gurus der NFL Geschichte an seiner Seite, in seinem ersten Jahr gönnte sein Coach ihm obendrein den Luxus, sich im Scout-Team der Chiefs an das Tempo und die taktische Varianz in der NFL gewöhnen zu können, ohne seine Aggressivität herunterschrauben zu müssen.

"Die Chiefs hatten einen Plan und haben sich an diesem Plan gehalten", erklärt Lance Zierlein, Draft-Experte bei nfl.com, gegenüber der New York Post. "Das ist die ultimative Vorlage dafür, wie man einen Spieler draftet, um diesen zu entwickeln: Diese Art von Spieler soll er werden und so werden wir ihn dazu machen. Heute ernten sie die Früchte dieses Plans."

Die erste große Ernte war Mahomes' MVP-Saison im Vorjahr. Nummer zwei könnte am Sonntag folgen.

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