Wie Niki Lauda Lewis Hamiltons Wechsel zu Mercedes fast verhindert hätte

Christian Nimmervoll
motorsport.com

Lewis Hamiltons Wechsel von McLaren zu Mercedes für die Saison 2013 ist in der Formel 1 auch sieben Jahre später noch ein sagenumwobenes Thema. In einem neuen Buch wird die bisher geläufigste Darstellung, wonach Niki Lauda die Schlüsselfigur bei dem Millionentransfer gewesen sein soll, untermauert. Doch es gibt auch eine ganz andere Version der Story ...

Die bekannte Version geht so: Hamilton, ohnehin schon zerstritten mit McLaren-Teamchef Ron Dennis, war stinksauer, als er in Singapur 2012 in Führung liegend mit Getriebeschaden ausfiel. Lauda, so die Legende, soll geahnt haben, dass das die große Chance ist, den Superstar von Mercedes zu überzeugen, und besuchte ihn auf dessen Hotelzimmer. Der Rest ist Geschichte.

Tatsächlich war die Story von Hamiltons Wechsel zu Mercedes deutlich komplexer und vor allem auch langwieriger.

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In der neuen Niki-Lauda-Biografie von Maurice Hamilton (Sponsored Link: Jetzt online bestellen und kontaktlos nach Hause liefern lassen!) wird beschrieben, dass Lauda schon bei seiner allerersten Aufsichtsratssitzung im September 2012 die Idee in den Raum gestellt haben soll, sich von Michael Schumacher zu trennen und stattdessen Hamilton zu verpflichten.

Lewis Hamilton und sein Popstar-Manager Simon Fuller im März 2012

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Lewis Hamilton und sein Popstar-Manager Simon Fuller im März 2012 Motorsport Images

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"Wir tranken ein paar Bloody Marys und zogen uns nach dem Mittagessen in Simons Appartement zurück, von dem aus man einen herrlichen Ausblick auf den Central Park hatte", schreibt Fry. "Dabei kam Lewis' Zukunft erstmals zur Sprache, und ich brachte mein Interesse [...] zum Ausdruck."

Fry begann, an dem Deal zu arbeiten, stieß aber in Stuttgart auf Widerstand: "Ich konnte Mercedes anfangs nicht von Lewis überzeugen. Mehr als einmal wurde ich zurückgeschickt, um mir etwas anderes auszudenken."

"Aus irgendeinem Grund wurde mir aufgetragen, mich erneut mit abwegigen Fahrern wie Nick Heidfeld auseinanderzusetzen, der regelrecht auf das Cockpit brannte und mir immer wieder Fotos von sich selbst, seiner Familie und seinem Hund schickte, um mein Interesse an ihm zu wecken."

Fry: Peinlicher Anruf von Jacques Villeneuve

"Wir schauten uns auch Paul di Resta an, der damals für Force India fuhr. Und ich erhielt einen leidenschaftlichen Anruf von Jacques Villeneuve, der mich damit volllaberte, wie wunderbar er nicht sein würde und wie schnell er nach drei Jahren ohne Formel 1 mit ein paar NASCAR-Rennen immer noch ist."

"Jacques", so Fry, "hatte mich damals schon nicht sonderlich beeindruckt, als er noch für BAR-Honda gefahren ist, weder im Cockpit noch außerhalb. Angesichts unserer früheren Zusammenarbeit musste ich mich bei dem Anruf ganz schön zusammenreißen, um ihn nicht auszulachen. Es bestand nicht die geringste Chance, dass wir Jacques in Betracht ziehen würden."

Also landeten Fry und Brawn doch wieder bei Wunschkandidat Hamilton. Die beiden waren sich einig: "Jemanden wie Nick Heidfeld mit Lewis zu vergleichen, das ist so, als würdest du den halbstarken Kerl aus dem Fitnessstudio im Dorf neben Muhammad Ali stellen."

Borbert Haug wollte 2013 am liebsten einen Deutschen im Cockpit sehen

Borbert Haug wollte 2013 am liebsten einen Deutschen im Cockpit sehen <span class="copyright">Motorsport Images</span>
Borbert Haug wollte 2013 am liebsten einen Deutschen im Cockpit sehen Motorsport Images

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In seinen Memoiren räumt Fry ein, dass tatsächlich Lauda ein entscheidender Impuls war, die Heidfeld-Idee aufzugeben und sich um Hamilton zu bemühen. Denn Lauda war von Hamilton überzeugt - und sagte Fry gleich an seinem ersten Arbeitstag: "Nick, geh und erledige das! Ich bitte Mercedes dann nachher um Verzeihung."

Fry und Fuller nahmen konkrete Verhandlungen auf. Weil Hamiltons Verhältnis zu McLaren immer schlechter wurde, roch es im Juni 2012 schon sehr nach einem Wechsel. Bis im Juli plötzlich in der 'Sun' ein Artikel auftauchte, in dem über eine wilde Partynacht von Hamilton mit zehn Frauen berichtet wurde, sehr zum Missfallen seiner damaligen Freundin Nicole Scherzinger.

Dennis' verzweifelter Versuch, Hamilton bei McLaren zu halten ...

Die Story hatte, das wurde ein Jahr später von der 'Daily Mail' recherchiert, McLaren-Teamchef Dennis lanciert. Der flog, bewaffnet mit der Partygeschichte, zu Daimler-Konzernchef Dieter Zetsche nach Stuttgart, um Zetsche zu erklären, wie rufschädigend Partylöwe Hamilton für eine seriöse Marke wie Mercedes sein würde.

Doch Dennis' verzweifelter Versuch, Hamilton zu halten, ging spektakulär nach hinten los: "Dieter rief Ross an und erzählte ihm, was ihm gerade gesagt wurde", erinnert sich Fry. "Ross kam daraufhin sofort in mein Büro und erzählte es mir, und ich rief Lewis' Anwältin Sue Thackeray an, im Wissen, dass das der Tropfen ist, der das Fass zum Überlaufen bringen kann."

Von da an beginnt die Fry-Version des Hamilton-Deals von der Lauda-Darstellung abzuweichen. Denn Fry beschreibt, dass der Vertrag schon vor Singapur, also vor Laudas Hotelzimmer-Treffen mit Hamilton, "ziemlich fertig" war. Und dass Lauda es ganz im Gegenteil beinahe sogar zustande gebracht hätte, diesen noch scheitern zu lassen.

Dazu muss man wissen: Die im Vertrag vereinbarte Gage lag bei 30 Millionen Pfund (umgerechnet knapp 34 Millionen Euro). Doch Daimler war nur bedingt investitionsbereit, auch nicht für Hamilton, und so fehlten Fry drei bis vier Millionen, um die Finanzierung zu bewerkstelligen. Fuller hatte er über diese Entwicklungen natürlich informiert.

Am Rande des Grand Prix von Singapur traf sich Fry mit Verantwortlichen von Titelsponsor Petronas, um die fehlende Finanzierung zu klären - was letztendlich auch klappte: Gegen die Erlaubnis zur Nutzung von Hamiltons Bildrechten für Werbung und ein paar zusätzliche Aufkleber am Auto willigte der Mineralölkonzern ein, die fehlenden Millionen beizusteuern.

Lauda wusste davon nichts. Fry erinnert sich: "Aus Gründen, die nur er selbst kennt, vielleicht wegen eines Missverständnisses oder des fehlgeleiteten Wunschs, den Deal voranzubringen, nahm es Niki selbst in die Hand, Simon in Los Angeles anzurufen, ein paar Tage bevor wir die Dinge geklärt hatten. Und sagte ihm, der Deal sei erledigt und Mercedes habe das Geld zugesagt."

Fuller: "Sag Lauda, der Deal ist tot!"

"Das Problem war, dass Simon ganz genau wusste, dass das Geld noch nicht zugesagt war und die internen Verhandlungen bei Mercedes noch weitergingen, weil er ja täglich mit mir sprach. Simon war richtig sauer. Ich hatte bis dahin nie erlebt, dass er die Fassung verliert, aber in der Nacht rief er mich in Singapur an und schrie mich übers Telefon an."

Fry erinnert sich an Fullers Worte: "Sag Lauda, dass er sich den Deal abschminken kann! Und du kannst allen ausrichten, dass sie sich verpissen sollen. Der Deal ist tot!" Was dazukam, dass Lauda eine Notlüge einsetzte, um Fuller zu überzeugen, war: "Es hat nicht geholfen, dass Niki Simon für den Anruf aus einer sehr wichtigen Dinnerparty holen ließ", so Fry.

Das entscheidende Gespräch fand dann, so schreibt es der damalige Mercedes-Geschäftsführer in seinem Buch, bei einem Treffen zwischen Hamilton und Brawn in London statt. Brawn legte großen Wert auf Diskretion, um Hamilton nicht in weitere Probleme mit seinem Noch-Arbeitgeber McLaren zu bringen.

Doch Hamilton war das ziemlich egal, wie Fry erklärt: "Ross hat sich dann kaputtgelacht, als Lewis zu dem Treffen in einem zentral gelegenen Hotel mit einem knallbunten Supersportwagen kam, mit einem Auspuffsystem, mit dem man das halbe West End aufwecken konnte!"

Wenig später war der Deal endlich unterschrieben, Schumachers Formel-1-Karriere zum zweiten Mal unfreiwillig beendet und Hamilton offiziell Mercedes-Werksfahrer. Der Rest ist Geschichte: Fünf WM-Titel später dürfen alle Beteiligten ein wenig stolz sein, die den Hamilton-Mercedes-Deal möglich gemacht haben ...

Lesetipps zu dieser Story (sponsored): "Drive. Survive. Win." von Nick Fry (erschienen 2019 bei Atlantic Books), "Niki Lauda - Die Biografie" von Maurice Hamilton (erschienen 2020 bei Edel Books) und "Total Competition - Lessons in Strategy from Formula One" von Ross Brawn und Adam Parr (erschienen 2016 bei Simon & Schuster).

Mit Bildmaterial von LAT.

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