Als ein Nobody Mike Tyson ausknockte

Denis de Haas
Sport1

Die Wettquoten sagten alles.

Mit einer zugerechneten Sieg-Chance von nur 1:42 stieg James Douglas als absoluter Außenseiter in den Boxring.

Einige Casinos in Las Vegas nahmen sogar überhaupt keine Wetten mehr an. Zu klar schien die Ausgangslage vor dem Kampf 11. Februar 1990 zu sein.

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Douglas als Aufbaugegner für Tyson

"Buster" Douglas, der Nobody aus Columbus, hatte bereits vier Niederlagen in seiner Kampfbilanz stehen. Er galt als trainingsfaul und unbeständig, deshalb als dankbarer Aufbaugegner.

Sein Kontrahent: "Iron Mike" Tyson. Der Bulldozer aus Brooklyn stieg als Schwergewichts-Weltmeister gleich dreier Verbände in den Ring.

Vor dem Duell war Tyson als Profiboxer ungeschlagen, 33 seiner 37 Kämpfe hatte er vorzeitig beendet. Nun wollte sich der Champion aufwärmen – für Mega-Kämpfe gegen andere Stars der Box-Welt.

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Tyson geht in Runde 10 K.o.

Doch dann erlebten die Zuschauer im Tokyo Dome eine der größten Sensationen der Box-Geschichte.

In der zehnten Runde schickte Douglas den als unbesiegbar geltenden Tyson auf die Bretter. Der Weltmeister krabbelte über den Ringboden.

Er versuchte noch, seinen Zahnschutz wieder in den Mund zu schieben und aufzustehen. Aber Ringrichter Octavio Meyran hatte Tyson bereits ausgezählt. Und Douglas riss die Hände in die Höhe.


Douglas kämpfte nach Tod der Mutter

Der neue Weltmeister brach in Tränen aus und erklärte am Mikrofon, dass seine Mutter ihm die nötige Kraft gegeben habe. Sie war 23 Tagen vor dem Kampf an einem Schlaganfall erlegen – im Alter von nur 47 Jahren.

"Ich konnte nicht einmal um sie trauern", erzählte Douglas später in einem Interview mit der Welt am Sonntag.

Kurz vor der Abreise erklärte die Frau des Boxers noch, dass sie sich von ihm trennen werde. Von den Schicksalsschlägen gezeichnet flog der damals 29-Jährige nach Tokio.

Douglas bekommt kurz vor Kampf Grippe

In den USA gingen die Veranstalter von einem Desinteresse am vermeintlich einseitigen Kampf aus. Deshalb suchte Promotor Don King eine Austragungsort im Ausland und fand ihn in Japans Hauptstadt.

In Tokio drehte sich dann alles um den Champion Tyson. "Es störte mich, als bei der Pressekonferenz vor dem Kampf über 300 Reporter Tyson Löcher in den Bauch fragten und als ich an der Reihe war, nur noch fünf sitzen blieben" sagte Douglas.

Trotzdem glaubte der Herausforderer an seine Chance. Drei Tage vor dem Kampf fing sich Douglas eine Grippe ein. An eine Absage dachte er aber nicht.

Tyson-Betreuer verzichten auf Eis

Im Tyson-Lager machte sich derweil Überheblichkeit breit. Seine Betreuer verzichteten darauf, Eis und kühlendes Metall mit an den Ring zu nehmen. Das rächte sich. Douglas landete harte Treffer. Tysons linkes Auge schwoll zu.

Doch der Champion trotzte zunächst der eingeschränkten Sicht. Tyson schlug Douglas am Ende der achten Runde nieder. Aber nach neun Sekunden stand der Außenseiter wieder. Der Kampf ging weiter.

In Runde zehn kam es zur Entscheidung. Douglas konnte die Schlagkombination noch Jahre später lebhaft beschreiben.

"Erst ein rechter Uppercut, dann eine Rechte, Linke, Rechte und noch eine Linke, und Mike Tyson lag am Boden. Als ich sah, wie er seinen Mundschutz suchte, wusste ich, dass ich ihn richtig getroffen hatte. Das war meine Nacht, die größte Sensation der Boxgeschichte, im Sport überhaupt, war perfekt", sagte er der Welt am Sonntag.


Don Kings Protest scheitert - mit Tyson geht es bergab

Der Kampf hatte aber noch ein Nachspiel. Don King legte Protest ein. Der Mann mit der Starkstrom-Frisur begründete seinen Einspruch damit, dass der Ringrichter zu spät mit dem Zählen begonnen hatte, als Douglas zu Boden gegangen war. Nach einigem Hin und Her wiesen die Verbände Kings Beschwerde jedoch ab.

Tysons Nimbus der Unbesiegbarkeit war dahin. Es ging fortan bergab mit ihm. Ein Jahr später wurde Tyson wegen der Vergewaltigung einer Schönheitskönigin verurteilt. Der Boxer musste vier Jahre ins Gefängnis.

Nach seiner Entlassung holte er sich rasch wieder die Gürtel der Verbände WBC und WBA, büßte letzteren in einem seit Jahren geplanten Kampf gegen Evander Holyfield ein. Er wurde nie wieder Weltmeister.

Dafür sorgte Tyson im Rückkampf gegen Holyfield noch für einen unvergessenen Moment, als er ein Stück von dessen Ohrläppchen abbiss. Dieser Eklat führte zu einer langen Sperre für Tyson.

Holyfield kämpft gegen Douglas

Übrigens: Evander Holyfield spielte auch in Douglas' weiterer Karriere eine Rolle.

Die beiden Schwergewichtsboxer standen sich am 25. Oktober 1990 in Las Vegas gegenüber. Douglas kassierte dem Vernehmen nach 24 Millionen US-Dollar, war aber chancenlos.

Der Weltmeister musste einen Knockout in der achten Runde einstecken. Nach acht Monaten war Douglas seine Titel also bereits wieder los.


Douglas übersteht Lebenskrise

Er stürzte in eine Lebenskrise, wog zwischenzeitlich 200 Kilogramm. Douglas erlitt 1994 einen Zuckerschock. Der Boxer fiel für drei Tage ins Koma. "Alle dachten, ich sterbe", sagte Douglas über diesen Moment.

Er überlebte und kehrte sogar in den Boxring zurück. Douglas bestritt weitere Kämpfe. Er holte Siege.

Aber keiner seiner Erfolge begeisterte und erschütterte die Box-Welt so sehr wie jener vor 30 Jahren in Tokio.

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