"Noch nicht zu spät": Legende Altfrid Hegers DTM-Zukunftsvision

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Die DTM befindet sich nach dem Audi-Ausstieg in ihrem schlimmsten Überlebenskampf. Aber ist das Ende der Traditionsserie damit besiegelt? Nicht wenn es nach DTM-Legende Altfrid Heger geht. "Der Ausstieg von Audi ist kein K.o. der DTM", sagt der 62-jährige Ex-BMW-Pilot, der zwischen 1988 und 1992 zweimal siegte, im Gespräch mit 'Motorsport-Total.com'. "Das ist eine Chance für einen erfolgsversprechenden Neuanfang."

Noch sei es "möglich, das technische und sportliche Reglement zukunftsweisend zu ändern". Hegers Vorschlag: Als Übergangslösung sollte man GTE-Autos zulassen, wie sie in Le Mans eingesetzt werden, um ein ordentliches Feld zu ermöglichen.

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"Autos wie ein Porsche RSR, eine Chevrolet Corvette, ein Aston Martin oder ein Ferrari wären sicher der richtige Übergang für die DTM", sagt Heger. "Diese GT-Fahrzeuge sind in der WEC derzeit das Salz in der Suppe. Und sie sind griffbereit. Daher würde ich diese Fahrzeuge im Augenblick als Kundenfahrzeuge in der DTM sehen, vielleicht in Verbindung mit den Class-1-Autos. Sie könnten sogar ein oder zwei Jahre gemeinsam fahren."

Warum Heger nichts von GT3-Boliden hält

Damit würde Heger die aktuellen DTM-Autos nicht von vornherein ausschließen, sollten genügend private Interessenten da sein. Auf eine gemeinsame Balance of Performance für beide Klassen würde er ähnlich wie in der Super-GT-Serie, wo auch Class-1-Autos und die GT300-Klasse im gleichen Rennen antreten, aber verzichten: "Diese beiden Klassen sollten getrennte technische Reglements haben und auch getrennt gewertet werden."

Auch Hegers Ex-Rivale Hans-Joachim Stuck hatte den Einsatz von GT-Autos in der DTM gefordert. Der Bayer würde allerdings statt GTE-Boliden eher auf die günstigeren GT3-Autos setzen. "Davon halte ich nichts", sagt Heger, der einen Konflikt mit dem in Deutschland boomenden GT-Masters befürchtet, wo diese ebenfalls eingesetzt werden.

"Wenn die ADAC-Meisterschaft im GT3-Bereich ausgetragen wird, dann müsste die DTM einen anderen Weg gehen, um sich wirklich abzuheben. Und aus dem Grund müssten Fahrzeuge aus der WEC fahren, die die Fans begeistern."

Was kommt nach GT-Übergangslösung?

Auch das sieht Heger aber nur als Zwischenlösung: Bis Mitte der 2020er-Jahre müsse man "ein ganz neues Konzept für die DTM entwickeln". Muss dieses elektrisch werden, wie es die Konzeptstudie der DTM-Dachgesellschaft ITR mit Hochleistungs-Elektroautos vorsieht? "Ich glaube nicht, dass das unsere Motorsport-Fangemeinde interessiert, die seit Jahren die Rennen der VLN, des GT-Masters und der DTM besucht", schüttelt Heger den Kopf. Und muss schmunzeln: "Ich habe aber natürlich auch schon mein reifes Motorsportalter erreicht."

Wie sein Entwurf aussehen würde? "Meiner Meinung muss das Konzept für die ITR heißen: dröhnende Motoren, interessante Silhouetten - und ein Motorsportreglement, das auch gut gestellten privaten oder Profiteams die Möglichkeit bietet, sich daran zu beteiligen", antwortet Heger.

Der Essener nennt zwei mögliche Vorbilder für eine DTM der Zukunft: "Es gibt da eine Rennserie in Australien, die herstellerunabhängig ist: die V8-Supercars. Und es gab mal eine V8-Star-Serie, die mit verschiedenen Silhouetten gefahren ist, aber von der Technik absolut identische Voraussetzungen gestellt hat."

Hegers Vision: Purer Motorsport und Hersteller-Emanzipation

Die V8-Star-Serie, an deren Aufbau Heger übrigens beteiligt war, "hat hochinteressante, spannende Rennen produziert, die noch heute bei denen, die das erlebt haben, in aller Munde sind. In diese Richtung müsste das meiner Meinung nach gehen, aber auf einem höheren technischen Niveau und mit alternativen Kraftstoffen."

Wichtig sei es vor allem, sich von den Herstellern zu emanzipieren. "Unser Problem ist, dass es natürlich auch wegen der politischen Situation, aber auch von Herstellerseite her in Zukunft schwierig wird, Motorsport mit Herstellerabhängigkeit zu betreiben", fürchtet Heger. "Und da hat der ADAC mit dem GT-Masters natürlich einen großen Vorteil gegenüber der aktuellen DTM. Er hat zwar Fahrzeuge, die von Herstellern gebaut werden, aber die Serie ist nicht herstellerabhängig."

Da sich die Mobilität in den kommenden Jahren stark ändern werde, müsse der Autorennsport "in der Arena noch richtig Motorsport sein, da muss es noch krachen, laut sein, und da muss es auch im Fahrerlager noch nach Öl riechen. Ich glaube, das hat eher eine Zukunft als wenn wir mit Elektro-Rennfahrzeugen auf Rennstrecken fahren, wo überhaupt keine Emotionen entstehen."

Heger glaubt an DTM-Überleben: "Ziehe Hut vor Berger"

Zudem würde er wieder mehr auf den Kernmarkt setzen. "Das Herzstück der DTM liegt in Deutschland", sagt er. "Und von hier aus sollten wir nur in den Grenzländern um uns herum fahren, mit maximal drei Rennen im Ausland."

Nach aktuellem Stand ist aber nicht einmal gewiss, ob die DTM nach 34 Rennjahren überhaupt noch einmal in die Gänge kommt. Was glaubt Legende Heger? "Wenn Gerhard Berger und sein Team dabei bleiben, dann ja", sagt er. "Ich ziehe den Hut vor ihm, dass er unserer auch heute noch wichtigsten Plattform die Treue hält."

Wenn Berger "den richtigen Weg einschlägt - und ich möchte nicht behaupten, dass nur mein Weg der richtige ist -, dann hat die DTM eine Überlebenschance. Aber sie müssen dringend ein Übergangskonzept und ein Konzept für die Zeit danach entwickeln."

© Motorsport-Total.com

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