Nur so hat Schalke eine Zukunft

Eric Böhm, Patrick Berger
Sport1

Es ist dieser Tage kaum zu glauben, aber der FC Schalke 04 ist noch nicht völlig verloren.

Inmitten von finanziellen Problemen, der längsten Sieglos-Serie der eigenen Bundesliga-Historie und reihenweise peinlichen Patzern in der Innen- und Außendarstellung sorgt wieder einmal die Nachwuchsabteilung für einen Silberstreif am königsblauen Horizont.

Beim Remis gegen Bayer Leverkusen stand zum ersten Mal seit Monaten eine Schalker Mannschaft auf dem Platz, die diese Bezeichnung auch verdiente - und das vor allem dank der Talente aus der Knappenschmiede.

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"Die Mannschaft hat wieder gezeigt, was Schalke ausmacht. Jeder hilft dem anderen, nur so können wir es in der Krise hinkriegen", sagte Routinier Daniel Caligiuri.


Schalke mit sehr junger Startelf

Es ist bezeichnend für die maßlos enttäuschende Rückrunde, dass das letzte Aufgebot mit einem Altersschnitt von 23,6 Jahren endlich die lange vermissten Tugenden zeigte.

Natürlich war das Remis gegen spielerisch überlegene Leverkusener keine Offenbarung, aber es zeigte nicht zuletzt dem in der Kritik stehenden Cheftrainer David Wagner, wie der Weg aus der Krise aussehen könnte.

Inklusive des scheidenden Keepers Alexander Nübel standen gleich fünf Spieler aus dem eigenen Nachwuchs in der Startformation. Mit Timo Becker, Jonas Hofmann und Levent Mercan kamen drei weitere von der Bank, dort saß zudem Toptalent Malick Thiaw.


Kutucu als Sinnbild für Schalke

Angesichts von zehn verletzt fehlenden Profis musste Wagner sogar erstmals den von den Fans schon seit Monaten geforderten Ahmed Kutucu von Beginn an stürmen lassen.

Der waschechte Schalker Jung personifiziert als Sohn eines Bergmanns den Anspruch der Fans. Mit ihm identifizieren sich die Anhänger des zweitgrößten Klubs Deutschlands (155.000 Mitglieder). Auf Kohle geboren trifft auf niemanden besser zu.

Bereits in der Anfangsphase deutete er seine Gefährlichkeit an, braucht aber Spielrhythmus. "Er ist ein ganz feiner Kerl und hat Talent", sagte Wagner vor einigen Wochen auf SPORT1-Nachfrage.

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S04 hofft auf Juwel Bozdogan

Kutucu sollte also weitere Chancen bekommen. Neben dem gegen Leverkusen starken Weston McKennie, der selbst noch sehr jung ist, durften auch Nassim Boujellab und Can Bozdogan beginnen.

Vor allem auf Bozdogan ruhen die Hoffnungen. Der Kapitän der U19 kam vor der Saison für viel Geld vom 1. FC Köln - der Betrag dürfte bei rund 500.000 Euro liegen - im Winter nahm ihn Wagner bereits mit ins Trainingslager, dort zog sich Bozdogan aber eine Knieverletzung zu, die sein Profidebüt bis jetzt verhinderte.

In der U19 ist das Supertalent quasi die rechte Hand von Nachwuchsguru Norbert Elgert und deutete gegen Leverkusen seine Klasse an, ehe ihm die Luft etwas ausging.

Elgert hatte zuletzt bei SPORT1 bereits nicht ohne Stolz auf diese Jungs hingewiesen, kein anderer Bundesligist hat so viele Eigengewächse im Kader. Dazu kommen im Sommer die hochtalentierten Teenager Kerim Calhanoglu, Elias Kurt und Daniel Rose, die aber zunächst im Nachwuchs eingeplant sind.


Endlich Talente fördern?

Aufgrund der immensen Verletzungswelle über die gesamte Saison hinweg denkt der Verein nach SPORT1-Informationen zwar über personelle Konsequenzen in der medizinischen Abteilung nach.

Vielleicht wird nun auf Schalke aus der großen Not aber endlich eine Tugend gemacht. Natürlich schafften die Draxlers, Sanés oder Meyers den Sprung, aber viele Talente, die heute als gestandene Bundesliga-Spieler helfen würden, wurden übersehen, nicht gefördert oder verscherbelt, siehe Kaan Ayhan oder Philip Max - um nur zwei Beispiele zu nennen.

 Schalke muss endlich umdenken und aufwachen. Die Träume von der Meisterschaft sind trotz der Vizemeisterschaft von 2018 auf absehbare Zeit kaum realistisch.

Verein braucht neue Identität

Der Champions-League-Halbfinalist von 2011 muss sich nicht zuletzt finanziell konsolidieren und seinen größten Trumpf konsequent ausspielen: die Knappenschmiede. Darum wird Schalke auch international beneidet.

Das Tafelsilber muss aber konsequent auf dem Platz poliert werden. Damit steigt die Identifikation der Fans wieder und - wenn der eine oder andere zündet - auch das Bankkonto. Denn Schalkes Zukunft ist europäisch gesehen ein ambitionierter Ausbildungsverein - alles andere wäre Augenwischerei.

Einer Truppe mit vielen Schalker Jungs verzeiht die Nordkurve eher einen neunten Platz als Guido Burgstaller oder Bastian Oczipka.

Seit Jahren sucht S04 Führungsspieler und vor allem eine Identität. Ein einfaches und bald vergessenes Remis hat den möglichen Weg aufgezeigt, wie Schalke eine Zukunft hat.

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