Wieder ohne Zverev - das steckt hinter dem Davis-Cup-Ärger

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Statt mit Deutschland im Davis Cup beim Finalturnier in Madrid um den ersten Titel seit 1993 zu kämpfen, tourt der beste Tennisspieler des Landes mit Roger Federer und Co. durch Süd- und Mittelamerika, um vier Showmatches zu bestreiten.


Obwohl er nicht anwesend ist, gehört Alexander Zverev zumindest hierzulande zu den großen Themen rund um den umgestalteten Länderkampf. (Tennis, David Cup: Argentinien vs DeutschlandJETZT im Liveticker)

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Eine Teilnahme hatte die Nummer 7 der Weltrangliste bereits Anfang des Jahres kategorisch ausgeschlossen. Das Fehlen jetzt ist dennoch ein gefundenes Fressen für seine Kritiker - und den Boulevard. "Zverev lässt Tennis-Deutschland im Stich - mal wieder!", schrieb Bild, verwies auf sein Fehlen in den K.o.-Duellen 2016 gegen Polen und 2017 in Portugal und schlussfolgerte mit Blick auf die Promo-Reise mit Federer: "Für Zverev heißt es: Spiel, Satz, Kohle!"

Allerdings gibt es bei allen Kritikpunkten auch durchaus nachvollziehbare Gründe für Zverevs Absage.

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Zverev noch bei ATP-Finals im Einsatz

Der 22-Jährige hat gerade erst noch die ATP-Finals gespielt (Halbfinal-Aus gegen Dominik Thiem) und dieses Jahr bereits 70 Einzel-Matches in den Knochen. Mehr als Top-Spieler wie Novak Djokovic (65) oder Rafael Nadal (60), die in Madrid am Start sind, oder auch wie Thiem (60) und Federer (64), deren Teams nicht qualifiziert sind.


Aber eben auch deutlich weniger als die 80 Duelle, die der Russe Daniil Medvedev bereits gespielt hat. Auch er war bei den ATP Finals (Aus in der Vorrunde). Jan-Lennard Struff als bestplatzierter Deutscher kommt auf 62 Einzel, Philipp Kohlschreiber auf 44, US-Open-Achtelfinalist Dominik Koepfer stand 45 Mal auf dem Platz.

Harsche Kritik am neuen Davis-Cup-Modus

Neben dem Argument Belastung schlägt Zverevs bekannte Haltung zum Davis Cup zu Buche. Die Reform des Modus unter dem Einfluss der Investmentgruppe Kosmos um den spanischen Fußballstar Gerard Piqué lehnt der Hamburger rigoros ab.

"Viele Top-Spieler haben gesagt, der Davis Cup sei tot. Das sehe ich auch ein wenig so, bis sie es wieder ändern", sagte Zverev bei DAZN und erklärte schon im Februar: "Ich werde alles tun, damit wir zum alten System zurückkehren. 90 Prozent der Topspieler sind nicht dafür. Hoffentlich werden sie es auch so deutlich sagen wie ich."

Mit dem Fehlen in Madrid setzt der Deutsche auch bewusst ein Zeichen. Als einziger Top-Ten-Spieler sagte er aus freien Stücken ab.

Deutschland beim Davis Cup Außenseiter

Auf der Gegenseite sind die Argumente der Kritiker nicht von der Hand zu weisen. Ein prestigeträchtiges Turnier wie der Davis Cup, quasi die Team-WM im Tennis, und der beste Deutsche kommt einfach nicht - das kommt einer Farce gleich. Gerade auch angesichts der Tatsache, dass andere Nationen sehr wohl ihre ebenfalls überspielten Topstars wie Medvedev, Djokovic oder Nadal am Start haben.


Neben dem angeschlagenen Prestige leidet darunter natürlich auch die Konkurrenzfähigkeit des deutschen Teams.

"Mit Sascha Zverev wären wir natürlich stärker", sagte Tennis-Ikone Boris Becker: "Deswegen sind wir nicht Favorit, wir sind Außenseiter."

Wundertüte mit Struff und Koepfer

Ohne seinen Star ist das deutsche Team eine Wundertüte. In US-Open-Achtelfinalist Koepfer und den French-Open-Siegern Kevin Krawietz und Andreas Mies im Doppel schickt Teamchef Michael Kohlmann gleich drei Debütanten ins Rennen. Neben Routinier Kohlschreiber besitzt einzig Struff Davis-Cup-Erfahrung, der Warsteiner spielt die beste Saison seiner Karriere und ist in Madrid im Einzel gesetzt.

"Er ist für mich eine ganz wichtige Stütze", lobte Kohlmann seine Nummer eins: "Ich kann den wirklich jede Zeit, jeden Tag einsetzen. Er ist immer bereit, alles zu geben." Und Struff ist nicht der einzige, der nach einem guten Jahr mit Rückenwind in den Saisonabschluss geht.


Kevin Krawietz und Andreas Mies seien ein "absolutes Weltklasse-Doppel", lobte Becker die French-Open-Sieger. Dass der Triumph in Paris keine Eintagsfliege war, zeigten sie spätestens durch ihren Halbfinal-Einzug bei den US Open.

Und dann hat der Teamchef in Koepfer noch ein besonderes Ass im Ärmel. "Dominik ist so ein bisschen die Wunderwaffe", sagte Kohlmann über den 25-Jährigen, der bei den US Open als Qualifikant erst im Achtelfinale am späteren Finalisten Medvedev gescheitert war. Beeindruckend seien vor allem Koepfers Wille und Kampfgeist gewesen. "Das kann", glaubt Kohlmann, "einem Team, so wie wir es in Madrid sind, nur guttun."

Was möglich gewesen wäre, wenn dann auch noch die deutsche Nummer 1 in Madrid aufgeschlagen hätte?

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