Das peinlichste Torwart-Eigentor der Geschichte

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Das peinlichste Torwart-Eigentor der Geschichte
Das peinlichste Torwart-Eigentor der Geschichte

Als Favorit reist Eintracht Frankfurt nach Bremen, wo es am Freitag zum 51. Mal in der Bundesliga antritt. (Bundesliga: Werder Bremen - Eintracht Frankfurt, 20.30 Uhr im LIVETICKER)

Das war nicht immer so, meistens verloren die Hessen (28-mal) dort. Besonders peinlich war die bis 0:3-Niederlage im Dezember 1982, die durch ein unglaublich kurioses Tor eingeleitet wurde. Es trug zu dem Ruf bei, dass das Weser-Stadion kein guter Ort für Gästekeeper ist, denn in Bremen fallen oft Tore zum Schämen.

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Im August 1982 etwa hatte Jean-Marie Pfaff in seinem ersten Spiel für Bayern München das legendäre Einwurftor von Uwe Reinders gefangen, das nur zählte, weil er den Ball noch berührte. Offiziell war es also ein Eigentor.

1986 lachte die Liga über Kaiserslauterns Gerry Ehrmann, dem Manni Burgsmüller beim Abschlag den Ball aus der Hand schubste und ins Tor legte. Vermutlich irregulär, Ehrmann wollte Burgsmüller verprügeln, was Mitspieler verhinderten. 2007 versenkte der Brasilianer Diego den Ball aus über 70 Metern im leeren Aachener Tor, Keeper Kristian Nicht war nach einer Ecke nicht schnell genug zurückgeeilt.

Pahl wirft Ball ins eigene Tor

All das kann man heute noch nachvollziehen. Vom peinlichsten Tor für einen Gästekeeper im Weser-Stadion aber gibt es keine bewegten Bilder. Zum Glück, wird Jürgen Pahl sagen. Was geschah am 4. Dezember 1982? Eigentlich Unglaubliches, nur den Mitspielern kam es bekannt vor.

Im Training war es Pahl schon mal passiert, aber die Neuauflage im Ernstfall machte trotzdem alle fassungslos. "So ein peinliches Tor habe ich noch nie erlebt", schimpfte sein Trainer Branko Zebec über seinen Torwart, der einer der ersten DDR-Flüchtlinge der Bundesliga war.

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1976 hatte er sich mit Norbert Nachtweih vom Halleschen FC gen Westen abgesetzt und nach der obligatorischen Sperre (16 Monate) den Hessen angeschlossen. Es begann gut. 1980 wurde er mit Eintracht UEFA-Pokalsieger, 1981 DFB-Pokalsieger. Pahl war gesetzt. In Bremen bestritt er sein 86. Bundesligaspiel, er galt als sehr zuverlässig.

Aber dann passierte das Tor, das ihn ewig verfolgen wird. Googelt man seinen Namen, kommt als erstes "Jürgen Pahl Eigentor". Es fiel bereits in der 2. Minute und viel zu schnell für die Kameras des ZDF, das einen Bericht Partie im Sportstudio zeigte. Die ARD-Sportschau hatte sich für drei andere Partien entschieden.

Was war geschehen? Pahl selbst: "Ich wollte links raus zu Falkenmayer abwerfen. Für einen Kegelwurf (also schwungvoll rollen, die Red.) war die Entfernung zu weit. Ich hab deshalb mit rechts wie ein Diskuswerfer ausgeholt. Plötzlich, ich will gerade abwerfen, wird 'Falke' von Bremens Meier angegriffen. "Mitten in der Drehung stoppte ich ab, aber der verfluchte Ball rutschte mir von der Hand ins Tor."

Töpperwien interviewt Pechvogel während des Spiels

Der abgebrochene Wurf zur Seite ging also nach hinten los und vom eigenen Schwung mitgerissen landete auch Pahl im Tor. Erst von den Sekunden danach, als er im Netz zappelte, gibt es Bilder. Mit diesem Fauxpas brachte Pahl sein Team auf die Verliererstraße, es ging mit 0:3 unter. Pahl kassierte nur zwei der Gegentore, Zebec nahm seinen später sogar noch verwarnten Keeper zur Pause raus.

Diese Chance nutzte ZDF-Reporter Rolf Töpperwien, um den Pechvogel ungestört in der Kabine zu interviewen. Dessen Geschichte war "Töppi" wichtiger als das Spiel. Pahl erzählte seine Version und wies noch darauf hin: "Der Ball war nass, der Rasen war nass, alles kam zusammen."

Die Eintracht verlor das Spiel, ihr Torwart aber nicht seinen Humor: "Solche Eier passieren nur großen Torhütern." Da hatte er sicher Pfaffs Bolzen vier Monate zuvor im Hinterkopf.

Während Pfaff aber im Tor blieb, verlor Pahl seinen Stammplatz, war bis Karriereende 1987 meist nur zweite Wahl in Frankfurt. Danach ging er in die Türkei und gehörte nach der Rückkehr 1989 zu den Gründungsmitgliedern der Profifußballervertretung VdV.

Pahl sieht modernen Fußball kritisch

Dann verschwand er ganz von der Bildfläche, ehe ihn ein Reporter der Frankfurter Rundschau 1999 in Paraguay ausfindig machte. Er lebte auf einem großen Grundstück voller Obstbäume, weshalb die Zeitung aus ihm einen Obstbauer machte, der er nie war.

Tatsächlich führte Pahl ein kleines Restaurant und eine lokale Fußballakademie, war auch Trainer - und er war ein Philosoph geworden. "In Paraguay bin ich ein anderer Mensch geworden. Hier erkenne ich immer wieder, wie klein die Menschen sind. Der Sinn des Lebens liegt nicht in Paraguay, er liegt auch nicht in Deutschland. Er liegt in jedem selbst. Innere Entwicklung zur höheren Reife unseres Geistes und unserer Seele sind der einzige Sinn."

Diese Erkenntnis schrieb er der linksalternativen Taz vor der WM 2006 in einem handschriftlichen Antwort-Fax, das nach Angaben der Zeitung fünf Meter lang war, auf die Frage, ob er in Paraguay den Sinn des Lebens gefunden habe.

Wie egal ist einem, der so empfindet, mit der Zeit ein Tor, das vor fast 40 Jahren gefallen ist? Den modernen Fußballbetrieb sieht er kritisch ("Warum sollte ich heute noch Liebe zum Fußball haben?"), aber die Eintracht ist ihm nicht ganz egal.

Wie Eintracht-Museumsleiter Matthias Thoma 2020 der Neuen Presse Hannover bestätigte, besteht weiterhin Kontakt von Pahl zu seinem einzigen Bundesligaklub und 2018 hat er sogar ein Spiel besucht, auch war er kurz danach bei einem Legendenspiel im Einsatz. Bloß über das Tor, auf das seine Karriere reduziert wird, redet er nicht mehr so locker wie am 4. Dezember 1982.