"Pest oder Cholera" - Darum ging Stieler nicht zum Monitor

Johannes Fischer
·Lesedauer: 4 Min.

Nach einem packenden Pokalfight hat sich Borussia Dortmund am Dienstagabend zu einem 3:2-Sieg nach Verlängerung gegen den SC Paderborn gezittert. (Das Spiel zum Nachlesen im Ticker)

Doch auch nach den nervenaufreibenden 120 Minuten blieb es hitzig. SC-Trainer Steffen Baumgart ließ eine Wutrede vom Stapel und kritisierte Schiedsrichter Tobias Stieler, der den Siegtreffer von Erling Haaland als regelkonform wertete.

Der BVB-Stürmer schien beim Zuspiel von Thomas Delaney im Abseits zu stehen, nach knapp fünfminütiger Überprüfung durch den VAR gab Stieler den Treffer, da er eine Ballberührung von SCP-Verteidiger Svante Ingelsson wahrgenommen hatte. (Das Spiel zum Nachlesen im Ticker)

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Eine Entscheidung, die Paderborn-Trainer Steffen Baumgart nicht nachvollziehen konnte - vor allem, weil der Referee sich die betreffende Szene nicht selbst am Monitor anschaute.

Bei SPORT1 bewertet der frühere FIFA-Schiedsrichter Thorsten Kinhöfer die komplexe Situation und gibt Einblick in das Seelenleben eines Unparteiischen. Für den heutigen Bild-Schiri-Experten ist die Situation nicht komplett aufzuklären.

SPORT1: Herr Kinhöfer, das Dortmunder Tor zum 3:2 hat für hitzige Diskussionen gesorgt. Was sagt das Regelbuch zu dem Fall?

Thorsten Kinhöfer: Regeltechnisch ist es so, dass wenn der Paderborner Spieler bewusst zum Ball geht, eine neue Spielsituation eintritt. In dem Fall wäre es also, dass der Ball auf Erling Haaland vom Gegner kommt.

"In einem Video hört man den Kontakt"

SPORT1: Genau daran schien sich ja der Streit entzündet zu haben.

Kinhöfer: Die alles entscheidende Frage ist: Hat der Paderborner Spieler den Ball bewusst gespielt bzw. bewusst berührt? Dass er ihn bewusst spielen wollte, ist unstrittig. Schließlich geht er ja bewusst zum Ball. Die alles entscheidende Frage ist, ob er ihn berührt hat oder nicht.

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SPORT1: Das war aber in den TV-Bildern nicht ersichtlich.

Kinhöfer: In einem Video, das über Social Media verbreitet wurde, hört man, dass es einen Kontakt gab. Das ist ja auch das, was Schiedsrichter Tobias Stieler in einem Interview gesagt hat - dass er etwas gehört hat und für ihn dadurch eine neue Spielsituation entstanden ist.

SPORT1: Warum hat sich Stieler die Szene nicht auf dem Monitor angeschaut?

Kinhöfer: Da es eine faktische Entscheidung ist, wie beim Abseits oder der Torlinienüberschreitung, hat Stieler gesagt: "Wenn es so ist, dass der Ball vom Gegner kommt, dann war es kein Abseits - und dann muss ich es mir nicht nochmal angucken." Das Problem an der ganzen Geschichte ist, dass Millionen Fernsehzuschauer diesen Kontakt nicht gesehen haben. Wenn es erkennbar gewesen wäre, dass der Ball zwei Zentimeter nach oben oder unten abgefälscht wird, wäre es einfach. Allerdings sieht man das nicht - und das ist das Problem. Das heißt: Das, was der Schiedsrichter wahrgenommen hat, wird durch die TV-Bilder nicht belegt.

SPORT1: Was ist im Kölner Keller passiert?

Kinhöfer: Köln hat wahrscheinlich versucht, Stielers Wahrnehmung mit Bildern zu belegen. Das ist ihnen nicht gelungen. Dann hat Stieler für sich entschieden: Wenn ihr keine Bilder habt, ich und mein Assistent es aber wahrgenommen haben, dann bleiben wir bei der Entscheidung. Was soll er am Monitor? Die in Köln haben viel mehr Ruhe, sich das am Monitor zigmal anzuschauen. Wenn er rausgeht, dann sieht er nicht mehr als der Video-Assistent. Es gibt ja keine Lupe für die Schiedsrichter draußen. Die TV-Anstalten können eine Lupe bauen - aber selbst mit dieser sieht man nicht wirklich, dass der Ball berührt wurde.

SPORT1: Man hört den Kontakt - und trotzdem verändert der Ball seine Flugkurve nicht. Wie passt das zusammen?

Kinhöfer: Dass sich die Flugkurve des Balles nicht verändert, ist wirklich suspekt. Von einer klaren Fehlentscheidung zu sprechen, liegt mir aber fern, da man den Kontakt hört. Hätte Stieler andersrum entschieden und der BVB wäre ausgeschieden, hätten sich wahrscheinlich die anderen 17 Bundesligisten und die Mehrheit der Fans gefreut. Dementsprechend ist der Aufschrei jetzt größer, als wenn es umgekehrt gewesen wäre.

"Entscheidung zwischen Pest und Cholera"

SPORT1: Was geht in einem Schiedsrichter in so einer Situation vor?

Kinhöfer: Der Schiedsrichter muss zwischen Pest und Cholera entscheiden. Wenn er gesagt hätte, dass der Ball des Dortmunders (Thomas Delaney, d.R.) entscheidend ist, dann kommt die andere Seite und sagt: "Moment mal, der Paderborner geht bewusst zum Ball. Der trifft den Ball eindeutig, das ist eine neue Spielsituation. Das ist ein Fehler von dir". Das ist manchmal die Crux des Schiedsrichters, weil es nicht immer schwarz und weiß gibt. Es ist oft ganz viel grau dabei.

SPORT1: Man kann Stieler also keinen Vorwurf machen?

Kinhöfer: Der Schiedsrichter muss das alles ausblenden und für sich eine Entscheidung treffen. Ich kann das nachvollziehen, dass Stieler so entschieden hat. Man hätte aber genauso gut sagen können: Ihr habt keine Bilder dafür, vielleicht habe ich mich doch beim Gehör geirrt. Dann sage ich, dass es Abseits ist.

SPORT1: Kann ein Referee tatsächlich auch nach Gehör entscheiden?

Kinhöfer: Man kann natürlich auch nach Gehör entscheiden. Wenn zwei Spieler zusammenrasseln, dann hört man das natürlich. Die Entscheidungsfindung ist immer dem Schiedsrichter überlassen.