Wie eine Spurs-Idee Jahre später die NBA spaltet

Stefan Schnürle, Andreas Pfeffer
Sport1

Superstar Kawhi Leonard von den Los Angeles Clippers beherrscht derzeit die Schlagzeilen der NBA - vorrangig jedoch nicht aufgrund seiner starken Leistungen, sondern wegen seines erneut betriebenen "Load Management".

Load Mangement - kein Begriff wird in dieser Saison heißer diskutiert in der NBA. Dieses sieht vor, dass Topspieler im Laufe der Regular Season immer wieder einmal geschont werden, um für die Playoffs möglichst frisch zu sein.

Bei den Toronto Raptors hatte Leonard vergangene Saison in lediglich 60 der insgesamt 82 Spiele der Regular Season auf dem Parkett gestanden. Das Vorgehen zahlte sich aus: Mit herausragenden Leistungen führte "die Klaue" Toronto zum ersten NBA-Titel der Franchise-Geschichte. 

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Nachdem Finals-MVP Leonard das Load Management danach auch noch für den Titel verantwortlich machte, war klar, dass es in dieser Saison viele Nachahmer geben würde.

Spurs und Popovich stecken dahinter

Dabei gibt es Load Mangement schon seit knapp einem Jahrzehnt.

In Mode gebracht hatten dies die San Antonio Spurs um Trainer-Legende Gregg Popovich gebracht, der seine Stars Tony Parker, Tim Duncan und Manu Ginobili regelmäßig Spiele aussetzen ließ. Angefangen hat dies in der Saison 2011/2012 - Leonards Rookie-Jahr.

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Es ist davon auszugehen, dass Popovich diese Idee in der Saison zuvor kam. Damals scheiterten die topgesetzen Spurs völlig überraschend an den an Nummer acht gesetzten Memphis Grizzlies, die Dallas Mavericks um Dirk Nowitzki konnten ihren Titeltraum verwirklichen, ohne den Angstgegner aus dem Weg räumen zu müssen.

Leonard lässt Debatte entbrennen

Popovich zog seine Lehren daraus und gab seinen Stars in den Folgejahren öfters Pausen. Er machte sich teilweise sogar einen Spaß daraus und trug bei Duncan einmal "DNP old" im Spielberichtsbogen ein. Selbst ein junger Spieler wie Leonard spielte nie mehr als 74 Partien. "Pop" machte dies sogar bei landesweit im TV gezeigten Partien, was ihm den Zorn der übertragenden Sender einbrachte.

Und hier schließt sich der Kreis zur Debatte, die um Leonard aktuell entbrannt ist. Denn inzwischen verbieten die NBA-Regularien, dass Topspieler in Spitzenspielen, die im nationalen Fernsehen übertragen werden, geschont werden.


Leonards Fehlen gegen die Bucks zog daher den Unmut des übertragenden TV-Senders (ESPN) und der NBA-Verantwortlichen auf sich. Vor allem, nachdem Clippers-Coach Doc Rivers vor dem Spiel gesagt hatte, dass sich Leonard "großartig fühle" und es kein Grund zur Sorge gebe.

NBA: "Leonard ist kein gesunder Spieler"

Das Kuriose: Die NBA gab den Clippers Recht - Leonards Patellasehne im linken Knie sei eine anhaltende Verletzung. Weiter hieß es in dem Statement der NBA, dass der 28-Jährige von den Clippers auf "das Injury Protocol für Back-to-Back-Spiele" platziert worden war.

NBA-Sprecher Mike Bass sagte gegenüber ESPN sogar: "Kawhi Leonard ist kein gesunder Spieler gemäß den Vorgaben der Liga zu Schonung von Spielern."

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Die Clippers bekamen daher nicht die Strafe von 100.000 Dollar aufgebrummt, weil sie einen gesunden Spieler in einen im nationalen Fernsehen laufenden Spiel nicht eingesetzt haben. Dafür sprach die NBA eine Strafe in Höhe von 50.000 Dollar wegen Rivers' irreführender Aussage aus.

Geldstrafen dieser Größenordnung dürften für Clippers-Besitzer Steve Ballmer als 16. reichster Mensch der Welt allerdings kein allzu großer Schock sein. Umgerechnet auf einen Durchschnittsverdiener, ist die Strafe weniger als ein Cent.

Leonard sauer auf NBA: "Enttäuschend"

Dafür zog sich die NBA den Ärger von Leonard zu, nachdem sie so ein Fass aufgemacht hatte: "Das ist enttäuschend. Es fühlt sich so an, als ob sie wollen, dass die Spieler spielen, auch wenn sie noch nicht bereit sind", sagte er nach dem Spiel gegen die Trail Blazers.


Ein Grund das Load Management in Zukunft zu unterlassen, sei es aber nicht: " Wir werden es bestmöglich managen, um mich gesund zu halten. Das ist das Wichtigste. Ich muss das machen, was zu meiner Gesundheit beiträgt und was dem Team hilft, um erfolgreich zu sein. Und das sind wir, wenn ich in der Lage bin, Basketball-Spiele für uns zu spielen."

Dies zeigte er am Tag darauf. Gegen die Portland Trail Blazers machte Leonard 27 Punkte und holte 13 Rebounds, besonders im letzten Viertel drehte er auf. "Er sah ziemlich ausgeruht aus", sagte Blazers-Coach Terry Stotts nicht ohne einen süffisanten Unterton.

Load Management? LeBron hält nichts (mehr) davon

In der Liga sind die Meinungen gespalten. Öffentlich ist Leonard so ziemlich der einzige Spieler, der "Load Management" als richtigen Weg für ihn nennt.

"Ich kann nichts dazu sagen, was andere Teams oder andere Spieler machen. Ich will spielen", sagte MVP Giannis Antetokounmpo von den Milwaukee Bucks. Ähnlich sieht es LeBron James: "Wenn ich verletzt bin, spiele ich nicht. Wenn nicht, dann spiele ich", sagte der Lakers-Superstar zu ESPN. In früheren Jahren sah der "King" das noch anders, immer wieder einmal setzte er in Miami oder Cleveland aus. Alles 82 Spiele bestritt er in 16 Jahren nur einmal.

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Die Statistik spricht ohnehin eine andere Sprache. Laut einer Statistik von Fansure verzichten Topstars auf 3,5 Mal mehr Spiele als noch in der Saison 2012/2013. Vor allem die besten zehn Spieler der Liga würden demnach auffällig häufig gegen Ende der Regular Season pausieren.

Die Spieler haben dies nicht immer selbst in der Hand. Bucks-Coach Mike Budenholzer schonte vergangene Saison in einem der letzten Spiele der Regular Season fast die gesamte Starting Five, auch wenn Antetokounmpo ihm dies laut eigener Ausage "ausreden wollte."

Davis und Embiid werden vermutlich geschont

Viele Experten sind sich daher sicher, dass diese Saison mehr Spieler denn je kurz vor Playoff-Star pausieren werden, zu den wahrscheinlichsten Namen zählen James, Anthony Davis und Joel Embiid. Die Houston Rockets praktizieren dies sogar bereits nach wenigen Spielen mit Russell Westbrook.

NBA-Legende Kobe Bryant sieht ein weiteres Problem im Load Management: "Unter den Zuschauern sind Kinder und Familien - und das ist womöglich ihre einzige Chance, dich zu sehen. Sie haben ihr hart verdientes Geld gespart, um dich abliefern zu sehen. Wenn du also laufen kannst, geh raus und gib Gas."

Sicher ist aktuell wohl nur eines - Load Management wird weiter die NBA spalten und die Liga muss einen Weg finden, um die TV-Sender zufrieden zu stellen, ohne Spieler und Teams vor den Kopf zu stoßen.

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